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Wie Urlauber mit Flüchtlingen zusammen in einem Hotel leben

30.07.2016, 16:11 · Aktualisiert: 30.07.2016, 16:11

Urlauber neben Flüchtlingen – im kleinen oberösterreichischen Zwettl an der Rodl funktioniert das. Ein Hotelierpaar hat 45 Menschen aus aller Welt bei sich einquartiert.

Neulich, im Flur im zweiten Stock, war das Kruzifix verschwunden. Einfach weg. Und ist auch nicht wieder aufgetaucht. Jemand muss es abgenommen haben, niemand will es gewesen sein. Nicht, dass Peter Schwarz daraus nun ein Drama macht. Aber man ist halt katholisch in Österreich, und da hängt dann eben ein Kreuz an der Wand. "Tja, kann man nichts machen", sagt er und lacht.

In der Slideshow: So sieht es im Hotel aus

Hasnain Kazim
Hasnain Kazim
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Hasnain Kazim
Hasnain Kazim
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Hasnain Kazim
Hasnain Kazim
Hasnain Kazim
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Schwarz, Jahrgang 1975, und seine Frau Sonja betreiben das Hotel Zwettlerhof, in Zwettl an der Rodl in Oberösterreich. Eine Gaststätte gehört dazu und ein Festsaal. Das Dorf liegt knapp 20 Kilometer nördlich von Linz, nahe der Grenze zu Tschechien. Der Bayerische Wald ist nicht weit. Man kann hier in hügeliger Landschaft wandern, Fahrrad fahren, im Winter Skilanglauf betreiben. Ein Freibad gibt es im Ort, einen Supermarkt und einen Bäcker. Etwa 1800 Menschen leben hier.

"Ich mag es hier. Weil ich ohne Angst meine Töchter in die Schule schicken kann."
Ayman

1800 Menschen. Ayman lacht. "Das ist nichts. So großes Land, aber leer." Ayman, 38, ist vor gut einem Jahr nach Österreich gekommen. Er kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus, dort hat er etwa 20 Jahre als Krankenpfleger gearbeitet. "In Syrien sind überall Menschen. Viele Menschen. Hier ist niemand." Er steht vor dem Zwettlerhof, richtet den Blick in die Ferne. Dann, nach einer Minute Schweigen, sagt er: "Ist aber gut."

Auch für Mahmood, 51, war die Ruhe, die Einsamkeit, die spärliche Besiedelung in der Region ein Kulturschock. Mahmood ist vor zwei Jahren mit seiner Frau, seinen zwei Töchtern und seinem Sohn aus der Nähe von Kabul, Afghanistan, geflohen. Eine weitere Tochter ist in Österreich zur Welt gekommen. "Ich mag es hier. Weil ich ohne Angst meine Töchter in die Schule schicken kann."

(Bild: Hasnain Kazim)

Ohne Angst vor den Taliban? Mahmood nickt.

In Zwettl gibt es niemanden, der sagt, Mädchen dürften nicht zur Schule gehen. Wollte er hierher? Er antwortet mit Bedacht. "In meinem Land kennt man Österreich nicht." Er habe nach Deutschland flüchten wollen, bezahlte einem Schlepper mehrere Tausend Euro. Sie flogen nach Russland, von dort mit Autos, mal zu Fuß durch Wälder, dann in Lkw. Irgendwann waren sie da. Mahmood dachte: Deutschland. Aber es war Österreich.

Ayman, der Syrer, hatte immerhin schon von Österreich gehört. Zwei Brüder waren vor ihm hierher geflüchtet, sie leben in Wien. Auch Ayman bezahlte einen Schlepper, 4000 Euro, verkaufte dafür seinen Ehering. Türkei, dann mehrere Versuche, mit einem Boot über das Meer zu kommen, immer die Angst zu ertrinken, aber beim fünften Mal klappt es. Griechenland! Dann die Balkanroute, die damals noch offen war, am Ende Österreich.

Wie die meisten Flüchtlinge hier im Zwettlerhof kamen Ayman, Mahmood und seine Familie in das Erstaufnahmelager nach Traiskirchen. Von dort wurden diese Menschen über ganz Österreich verteilt. Alle Gemeinden waren von der Politik aufgefordert worden, Plätze zu schaffen für Flüchtlinge.

Neun Familien, vor allem aus Afghanistan, Syrien und Irak, verschlug es nach Zwettl.

45 Menschen, darunter 20 Kinder. Alle zur Familie Schwarz. Das ist mehr als die zwei Prozent, die laut österreichischer Politik Flüchtlinge sein sollen in jeder Gemeinde.

Die meisten sprechen nicht darüber, was sie in ihren Heimatländern erlebt haben. Wenn man sie fragt, werden sie ganz still. Manche bekommen glasige Augen. Nur wenige erzählen, und man bekommt eine Vorstellung von den Bildern, die sich in ihren Köpfen eingebrannt haben. Bilder von Bomben und Explosionen. Zerstörte Häuser. Schreiende, verletzte Menschen. Leichen in Trümmern. Öffentliche Exekutionen.

Ayman zerrt seine Hose ein Stück weit herunter, zeigt Verletzungen an der Hüfte. "Der ist ins Krankenhaus gekommen und hat einfach in die Menge geschossen." Mehrere Ärzte und Krankenschwestern starben. Ayman, der Krankenpfleger, überlebte.

"Ich habe viele Sorgen."
Ayman

Jetzt wartet er in Zwettl darauf, dass sein Asylantrag anerkannt wird. 14 Monate schon. "Ich habe viele Sorgen", sagt er. Er zückt sein Handy, seine einzige Verbindung zu seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er zeigt Bilder von ihnen. Sprechen kann er nur selten mit ihnen. "Das Internet hier in Österreich ist super, aber in Damaskus funktioniert es nur für ein paar Stunden pro Woche. Ich weiß nie, wann."

Er denke die ganze Zeit an die Kinder und hoffe, dass sein Asylantrag endlich positiv beschieden wird, er sich einen Job suchen und seine Familie nachholen kann. Gerade hat man ihm gesagt, dass es derzeit viele Anträge gebe und er sich noch zwei Monate gedulden müsse. "Wie lange denn noch?", fragt er.

Sein Kopf ist nicht frei für die Schönheit der Landschaft. Kaum einer der Flüchtlinge geht wandern oder fährt Rad. Dabei stehen hinterm Hotel Fahrräder zur Verfügung, für die Hotelgäste ebenso wie für die Flüchtlinge. Hin und wieder besuchen die Flüchtlinge aber das Freibad, da hat Schwarz mit der Gemeinde eine Regelung ausgehandelt.

Sie wollen nicht jammern im Hotel Zwettlerhof.

Sie haben ein Dach über dem Kopf und wohnen auf zwei Stockwerke verteilt. "Besser als Container oder Zelt", sagt eine Frau aus Tadschikistan. Hier die Syrer, da die Afghanen, da hinten Mongolen. Man spricht Arabisch, Paschtu, Dari, aber miteinander Deutsch. Zweimal die Woche kommen Leute aus dem Dorf, um mit den Flüchtlingen Konversation zu betreiben, außerdem gibt es Deutschkurse.

Das Geld ist knapp, sagen sie, aber es reiche.

5,50 Euro pro Tag für Lebensmittel und persönliche Dinge. Macht 170,50 Euro in Monaten mit 31 Tagen. Kinder bekommen pauschal 121 Euro. Sie essen oft Erdnüsse, die sind billig. Oder sie tun sich zusammen und kaufen Lebensmittel in größeren Mengen, weil es preiswerter ist. "Leider können wir nur selten hier im Supermarkt einkaufen", sagt ein junger Syrer. "Zu teuer. Wir fahren nach Linz und kaufen da im türkischen Laden."

Arbeiten dürfen sie nicht, solange ihre Asylanträge nicht anerkannt sind. Offiziell dürfen sie auch nicht im Hotel mithelfen, wie zum Beispiel im Wiener Hotel Magdas, einem Sozialprojekt der Caritas. Dort betreiben Hotelfachkräfte zusammen mit Flüchtlingen seit über einem Jahr ein Hotel und verdienen gutes Geld.

Sind Asylanträge in Oberösterreich einmal anerkannt, bekommen Flüchtlinge 520 Euro im Monat. Bis Juni waren es noch 914 Euro, aber die Stimmung in der Bevölkerung ist gekippt und damit die österreichische Politik vom Kurs der Willkommenskultur zur einer blockierenden Haltung, die Zäune und Grenzkontrollen befürwortet – und weniger Geld.

Für die Flüchtlinge in Zwettl ist zweimal im Monat Zahltag. Dann gehen Sonja und Peter Schwarz durch die Zimmer und verteilen das Geld für die Lebensmittel, das sie vom Staat bekommen. Sie selber erhalten 13,50 Euro pro Tag und Flüchtling und ein Euro mehr bei Kindern. Es gibt Menschen, die behaupten, Leute wie die Schwarz würden Flüchtlinge nur wegen des Geldes unterbringen. Zieht man Strom, Wasser, Heizkosten, den Bettwäscheservice und die vielen kleinen Extras ab, die die Familie sich sonst noch leistet, um den Flüchtlingen das Leben leichter zu machen, rechnet es sich gerade so.

Peter Schwarz hat das Hotel vor ein paar Jahren von seinen Eltern übernommen, ein Familienbetrieb in zwölfter Generation. "Wir haben hinten ein neues Gebäude mit modernen Zimmern angebaut. Die anderen Zimmer sind noch im Stil der Achtzigerjahre. Die hätten wir renovieren müssen. Aber eigentlich sind die noch sehr schön, und da dachten wir uns vor zwei Jahren: Warum bieten wir sie nicht als Flüchtlingsunterkünfte an?"

Nicht alle in Zwettl fanden das toll.

Plötzlich bekam der Zwettlerhof negative Bewertungen in Internetportalen, doch Sonja und Peter Schwarz ließen sich nicht beirren. Sie sorgten dafür, dass Hotelgäste und Flüchtlinge zwar getrennte Wohnbereiche haben, sich aber im Garten begegnen können. Sie verschwiegen nicht, Flüchtlinge zu beherbergen, warben aber auch nicht damit.

Und sie suchten den Kontakt zu den Menschen im Dorf, organisierten Feste, bei denen Einheimische und Flüchtlinge sich kennenlernten. "Natürlich ist es eine Herausforderung, wenn so viele Menschen aus einer anderen Kultur kommen und bleiben", sagt Peter Schwarz. "Für beide Seiten." Jetzt klappe es ganz gut. Die Flüchtlingskinder besuchen die Dorfschule und den Kindergarten, es gibt Freundschaften. Mahmood sagt, inzwischen könne er sich vorstellen, für immer in Zwettl zu bleiben.

Dieser Artikel ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.

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