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Trip

Hogwarts ist überall – wie es sich anfühlt, in Singapur aus dem Feuerkelch zu trinken

06.08.2017, 13:36 · Aktualisiert: 07.08.2017, 11:30

Es ist Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken: Der Brief aus Hogwarts wird nicht mehr kommen. Als Kind habe ich die Enttäuschung, nicht an J.K. Rowlings Harry-Potter-Welt teilhaben zu dürfen, nur schwer verkraftet. An meinem elften Geburtstag habe ich das Schreiben, das mich in die Zaubererschule hätte einladen sollen, insgeheim sogar regelrecht herbeigesehnt. Und auch heute freue ich mich noch immer über jede Gelegenheit, mich in eine magischere Welt zu träumen.

Deshalb war ich sofort ein bisschen neidisch, als meine Freunde, die gerade in Singapur im Auslandssemester sind, einen Weg nach Hogwarts gefunden zu haben schienen: Auf Instagram posten sie Fotos aus einem neuen Café, dem "Platform 1094". Unter dem Hashtag #platform1094 posieren sie mit Zauberstäben, Umhängen und funkensprühenden Cocktails. 

Als ich sie besuche, muss ich natürlich im Café vorbei!

Singapur schwitzt in der Mittagshitze bei 35 Grad im Schatten, Kolonialbauten spiegeln sich in verglasten Hochhäusern. Im Platform 1094 ist es angenehm kühl. Auf den ersten Blick wirkt das Café nicht wie ein Ausflug nach Hogwarts, sondern eher wie ein besonders stylischer Starbucks: lichtdurchflutet, minimalistisch eingerichtet und statt der Filmmusik läuft Lukas Grahams "Seven Years". Bei Harry Potter denke ich an lange Samtvorhänge, das Geklimper von Fluffys Harfe und vielleicht auch ein paar Spinnenweben.

Und wer wäre dein bester Freund in Hogwarts? Unser Quiz verrät es dir. 

Aber statt verkleideter Fans mit Zauberstäben sitzen Singapurianer Hipster mit Smartphones im Café. Moderner und stylischer, als ich erwartet habe – aber nicht unbedingt schlecht. 

Wer sagt denn, dass ein Harry-Potter-Café immer wie eine originalgetreue Nachbildung der Filmkulissen aussehen muss?

Im Platform 1094 zeigt sich das Harry-Potter-Motto subtiler, zum Beispiel an den mit Hirschen bedruckten Stühlen – Harrys Patronus. Auf der Speisekarte stehen Gourmet-Gerichte wie das Dessert "Schwarze Magie", einem schwarzen Pannacotta mit dunkler Schokolade und Johannisbeeren. Die leuchtend bunten Cocktails sind unter der Kategorie „Gift“ gelistet und werden in Laborkolben serviert. So wie sie aussehen, könnten sie wirklich aus einer Unterrichtsstunde in Zaubertränke bei Prof. Snape kommen.


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Mit den Cocktails fing ohnehin alles an: Jaz, 27, und ihr Mann Kelvin, 33, die Gründer des Platform 1094, haben beide einen Uniabschluss in Accounting. Nach dem Abschluss gründeten die beiden das Café "Fresh Fruits Lab", in dem sie frische Säfte in Laborkolben servierten. 

"Dort haben wir beobachtet, wie die Kinder der Besucher mit unseren Laborgläsern Filmszenen aus Harry Potter nachgespielt haben", erzählt Jaz. So kam ihnen die Idee für das Platform 1094. Offiziell nennen sie es nur "Zauberei-Café", den Namen Harry Potter dürfen sie aus urheberechtlichen Gründen nicht verwenden.


Gemeinsam schaute sich das Paar noch einmal alle Harry-Potter-Filme an, dann entwarf Jaz gemeinsam mit einem Gourmet-Koch die Speisekarte - darunter auch den Feuerkelch-Cocktail, der das Café berühmt machte. 

Stolz zeigt mir Jaz ihre Kreation: Der Cocktail aus blauem Curacao-Likör wird mit einem Bunsenbrenner entzündet, dann wird Zimt darüber gestreut – und die Funken fliegen. Jaz führt den Trick des Hauses vor: Wenn man den Zimtstreuer clever im Ärmel versteckt und stattdessen einen Zauberstab über dem Cocktail schwenkt, sieht es aus, als könnte man wirklich zaubern. Besonders in Kombination mit einem dramatisch gemurmelten "Incendio!".

(Bild: Platform 1094)

Wer bei diesem Fotomotiv nicht sofort an Instagram denkt, lebt wahrscheinlich irgendwo tief im verbotenen Wald. Für Jaz und Kelvin grenzte die Begeisterung, die ihre Feuerkelch-Idee in den sozialen Medien entzündete, trotzdem an Magie. 

Nachdem ein Foodblogger aus Singapur über den magischen Cocktail berichtete und erste Videos des „Feuerkelch“-Cocktails auf Instagram auftauchten, hatten Jaz und Kelvin plötzlich eine Warteschlange vor dem Café, die bis zum nächsten Häuserblock reichte. "Die Blogger und Social Media haben uns über Nacht berühmt gemacht", sagt Jaz.

Auf den Ansturm der ersten Wochen war das kleine Café nicht vorbereitet, die Gäste murrten über zu lange Wartezeiten. Aber in dieser Zeit lernten Kelvin und Jaz, was bei den Social-Media-begeisterten Besuchern gut ankommt. 

Wer seine Instagram-Stories, Snaps und Facebook-Posts noch bunter aussehen lassen will, kann sich aus einem Schrank am Eingang ein Kostüm zusammenstellen. Es gibt Umhänge, Krawatten in den Farben aller Häuser von Hogwarts, Zauberstäbe der beliebtesten Zauberer, Spielzeugeulen und natürlich Harry-Potter-Brillen.

Diesen Schrank durchstöbern gerade Argie, 22, und Arlie, 23, aus den USA. Die beiden sind Cousins und mit ihrer Familie im Urlaub in Singapur. Das Café haben sie auf Instagram entdeckt und wollen jetzt, nach dem Essen, selbst ein paar coole Fotos machen. So wie die beiden machen es die meisten im Café: In die Kostüme wird nur kurz für die Fotos geschlüpft. 

Mit iPhone im Anschlag wird kurz mit dem Feuerkelch-Cocktail gezaubert und dann werden Zauberstab und Hexenhut auch wieder abgelegt. Das passt zwar irgendwie zum Konzept des stylischen Cafés – aber es macht das Platform 1094 für mich letztendlich eher zu einem Hotspot für tolle Fotos, als zu einem Ort, in dem ich mich nach Hogwarts träumen kann. 

Auch Argie und Arlie hätten sich ein bisschen mehr Harry-Potter-Feeling gewünscht: "Unsere Fotos sind toll geworden, aber es ist schade, dass hier westliche Musik läuft und die Kellner nicht verkleidet sind", sagt Arlie.

 

(Bild: Privat)

Ich trinke meinen "Feuerkelch" aus. Die Zauberei ist definitiv das Beste an dem Cocktail. Er schmeckt so süß, dass er wahrscheinlich eher was für Luna Lovegood wäre, als für mich.

Das Platform 1094 ist nicht der richtige Ort für mich, um Gleichgesinnte zu finden, mit denen ich im Gryffindor-Schal darüber fachsimpeln könnte, ob Severus Snape nicht vielleicht doch Harry Potters Vater war. Aber dafür ist das Café "a very instagrammy place", wie eine Besucherin auf Facebook schreibt. 

Meine Suche nach einem wirklich magischen Ort mitten in der Muggelwelt muss ich trotzdem noch nicht aufgeben. Denn mit ihrer magischen Geschäftsidee sind Jaz und Kelvin nicht allein, das Potential des Harry-Potter-Mottos haben auch andere erkannt. 

Im "Elephant Housein Irland den Platz anschauen, an dem J.K.Rowling ihre ersten Romanseiten schrieb. Im "Always" in Vietnams Hauptstadt Hanoi kann man ein Butterbier schlürfen und sogar Islamabad hat mit dem "The Smokey Cauldron" mittlerweile ein Harry-Potter-Café eröffnet. Vielleicht ist einer dieser Orte der richtige für mich, um davon zu träumen, dass die Posteule sich doch nur verflogen hat.  

 


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