02.04.2018, 14:03 · Aktualisiert: 03.04.2018, 08:12

Wir müssen reden. Über Tinder.

Es geht zwar um Tinder, aber keine Sorge: Das hier wird nicht die hundertste Aufzählung, kein weiteres Manifest für Online-Dating oder genau dagegen.

Das hier ist Ernst. Es geht um etwas viel Wesentlicheres: die eigene Identität. Meine Identität. Denn es gibt da jemanden auf Tinder, der tut so, als wäre er – oder sie – ich.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Rausgefunden habe ich das allerdings über Facebook. "Hallo, entweder bist du so ein Arschloch, dass du mich vor verschlossener Tür hast stehen lassen. Oder jemand benutzt deinen Namen und deine Bilder und gibt sich als du bei Tinder aus." Ich las die Nachricht dreimal.

Beim ersten Mal dachte ich, das kann nicht stimmen, das muss ein Trick sein. Beim zweiten Lesen wurde mir langsam klar, dass das vielleicht stimmen könnte. Beim dritten Lesen erinnerte ich mich an eine ältere Nachricht von einem Mann, der mir Ähnliches erzählt hatte vor ein paar Monaten. Ich hatte es nicht ernst genommen.

Was war ich doch für ein Idiot gewesen.

Aber jetzt fange ich an, nachzufragen: Nach dem geplatzten Treffen mit dem Verfasser der Facebook-Nachricht hatte die Fake-Kathrin die Person geblockt. Sie hat keine Screenshots, keine Chatverläufe. Aber es gibt einen Namen und ein Alter: Katharina, 28.

Im ersten Moment weiß ich überhaupt nicht, was ich sonst tun soll, wie ich das lösen soll und vor allem, wie ich die Person finden kann, die all das macht. Also frage ich auf meinem Facebook-Profil, ob es Menschen gibt, die in letzter Zeit ein vermeintliches Tinder Match mit mir gehabt hätten.

Und tatsächlich: Es melden sich nach und nach Menschen, denen es mit meinem Fake-Ich so ergangen war. Eine Bekannte hat sogar ein Match mit "Katharina, 28" und schickte Screenshots. Darauf zu sehen: meine Bilder. Mein Name, abgewandelt: Katharina. 28 Jahre alt.

"Texterin, Nerdy, Curious".

Die Person, die vorgibt, Ich zu sein, chattet mit anderen. Sie verabredet sich, sie flirtet, sie geht sogar so weit, konkrete Treffen an konkreten Plätzen auszumachen. Allein: Sie erscheint nicht. Im Moment hat sie es offenbar auf Frauen abgesehen. Im Moment die meisten mir bekannten "Opfer" sind weiblich. Vor ein paar Monaten war das aber noch anders: da matchte sie auch Männer.

Insgesamt meldeten sich fünf, mit denen Katharina schrieb oder geschrieben hatte. Und das waren lediglich jene, die meinen Facebook-Post gesehen hatten. Mit wie vielen hatte diese Person noch geschrieben? Und was hatte er oder sie davon, warum ausgerechnet ich und warum meine Bilder, meine Identität?

Ich melde den Fall Tinder - und kaufe mir selbst eine Tinder-Premium-Mitgliedschaft. Denn mit der kann man den Ort einstellen, auch, wenn man nicht dort ist. Und während ich im Moment in Berlin lebe, behauptet die Fake-Kathrin in meiner früheren Heimat zu wohnen – in Hamburg. Ich wählte also Hamburg, um ein Match zu erreichen, und gab an, Frauen zu suchen.

Ein paar Mal swipen und da war... sie. Oder ich. Ein widerliches Gefühl: sich selber in dieser App zu sehen – als fremdes Profil. Meine Bilder.

Ein widerliches Gefühl: sich selber in dieser App zu sehen – als fremdes Profil.

Ich überlege einen Moment, nach rechts zu swipen. Dann überlege ich es mir anders: Die Person wird wohl kaum ausgerechnet mich ebenfalls nach rechts wischen, so dass wir ein Match hätten.

Dabei würde ich ihr – oder ihm - so gerne schreiben. Was für ein kranker Mensch die Person sein muss. Was mit ihr eigentlich nicht stimmt. Und dass sie sofort damit aufhören soll, so zu tun, als sei sie ich. Stattdessen kopiere ich die Profil URL und mache Screenshots, die ich an Tinder schicke. Mit sehr viel Wut im Bauch und dem Gefühl, dass das am Ende wahrscheinlich kaum etwas bringen wird.

Das war vor drei Tagen. Seitdem: nichts. Zumindest nicht von Tinder.

Denn während ich auf die erlösende Antwort warte, dass Tinder mein Profil löscht, stelle ich mir Fragen. Viele. Und ich stelle sie nicht nur mir, sondern auch meinen Freunden, meinem Anwalt.

Warum macht jemand so etwas? Was hat man davon? Wie geschützt sind wir eigentlich vor Identitätsdiebstahl? Was ist, wenn Tinder das Profil nicht löscht?

"Jemand gibt sich als ich aus Tinder" – 330.000 Ergebnisse in 0,25 Sekunden bei Google.

"Identitätsdiebstahl Tinder" – 5350 Ergebnisse in 0,43 Sekunden.

Ich bin also nicht allein. Aber: Eine Erklärung finde ich nicht.

Die Frauen, mit denen "Katharina“ schreibt, erzählen, dass sich die Chats um Belanglosigkeiten drehten. Mehr wollen sie nicht sagen und ich frage nicht nach. Zu intim, zu persönlich, das verstehe und respektiere ich. Schließlich ist das gerade für sie keine leichte Situation: Sie "gestehen" mir gegenüber, dass sie mich attraktiv finden und sich gerne mit mir getroffen hätten – während sie wissen, dass es mir nicht so geht. Das ist einerseits schmeichelhaft und andererseits verstörend. Denn ich bin weder Katharina, 28 und Texterin, noch zur Zeit an Frauen interessiert. Eine lose-lose Situation für beide Seiten.

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Am Ende hat also eigentlich niemand etwas davon – noch nicht mal die Fake-Katharina. Und falls doch, so ist genau diese Tatsache eine niederschmetternde Aussage über einen Charakter: ein Mensch, der sich an der Enttäuschung anderer erfreut.

Mir tut das alles nur schrecklich leid. Einmal für jene, die sich auf ein Date gefreut hatten, sich auf den Weg machten und dann allein in der Bar standen. Oder allein vor der Tür. Oder allein Zuhause. Es tut mir leid, weil sowas sehr am eigenen Selbstwert kratzen kann. Nicht, weil das vermeintlich "ich" bin – sondern, weil niemand verstehen kann, warum er versetzt, ignoriert, geblockt wird. Dafür gibt es nämlich keine gute Entschuldigung.

Und auch für die Person, die all das anrichtet und dabei offenbar eine gewisse Art der Freude entwickelt, tut es mir leid. Denn die ältesten Matches, von denen ich weiß, sind fast ein Jahr alt. Eine lange Zeit, um eine so erbärmliche Existenz zu fristen, dass es notwendig ist, so zu tun, als sei man jemand anderes. Um andere zu verletzten. Um absolut nichts davon zu haben außer das.

Falls du, "Katharina, 28" also diesen Text liest:

Ich hoffe, dass du eines Tages genug Selbstliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen Menschen haben wirst, um zu verstehen, wie grausam, erbärmlich und traurig das ist, was du da tust. Und dass jede und jeder einzelne, der auf dich reingefallen ist, ein besonderer und schöner Mensch ist.

Die Identität von jemandem zu stehlen, um anderen weh zu tun, ist nämlich am Ende genau das: eine Tat ohne jede Liebe und Schönheit.

Und ich hoffe, dass du sehr bald aufhörst, die Zeit wunderbarer Menschen zu vergeuden – und deine auch.


Haha

Tchibo-Produkte, die wirklich kein Mensch braucht

02.04.2018, 13:31

DAS STAUBSCHWERT!

Vor ein paar Monaten haben wir hier "Tchibo-Produkte, die wirklich kein Mensch versteht" gezeigt – glücklicherweise gibt es davon noch viel mehr.

Hier sind noch mehr absurde Tchibo-Produkte, die wirklich niemand versteht: