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Nein, wir brauchen den Schüleraustausch zwischen Ossis und Wessis nicht!

16.01.2018, 16:48 · Aktualisiert: 16.01.2018, 18:23

"Der Schüleraustausch geht in diesem Jahr nach... Zwickau!"

Ich stelle mir vor, wie meine Lehrer uns das früher in der Schule verkündet hätten. Meine Freunde und ich wären wohl ziemlich enttäuscht gewesen. Nicht, weil ich Ostdeutschland nicht mag, sondern weil ich viel lieber ins Ausland gewollt hätte.

Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, kann sich so einen Austausch aber in Zukunft vorstellen. Er findet, dass Ost und West zu wenig miteinander reden würden. Seine Idee: Ein Austauschprogramm zwischen Schulen in Ost- und Westdeutschland. So sollen ostdeutsche Erfahrungen in den Westen gebracht werden und umgekehrt (SPIEGEL ONLINE).

Doch was würden die Schüler von einem Ost-West-Austausch mitnehmen? Die aktuellen Oberstufenschüler sind Anfang der 2000er-Jahre geboren, für sie liegt das gespaltene Deutschland weit zurück. In ihren Köpfen ist die frühere Grenze nicht mehr präsent – es sei denn, man baut diese in ihrer Wahrnehmung überhaupt erst wieder auf.

Die Erwartungen der Schüler an so eine Reise kann ich mir gut ausmalen: Wenn wir schon einen Austausch machen sollen, muss es im Osten beziehungsweise im Westen ja wirklich verdammt anders sein. Unterschiede werden gesucht, und wer sie sucht, findet sie auch: Was essen sie? Wie reden sie? Klar gibt es da andere Traditionen. Aber die gibt es zwischen Bayern und Schleswig-Holstein auch. Auf die Idee, einen Nord-Süd-Austausch zu organisieren, würde aber niemand kommen.

Ich stelle mir wieder mein 16-jähriges Ich vor, dass zum Austausch in Zwickau oder irgendeiner anderen ostdeutschen Stadt gezwungen wird. Ebenso denke ich an den ostdeutschen Teenager, der seinen Austausch in Gelsenkirchen machen muss. Als trotziger, pubertärer Schüler hätte man wohl weder Lust auf das eine, noch auf das andere – einfach zu unspektakulär.

Dabei sind für mich Schüleraustausche eigentlich etwas Tolles: In der zehnten Klasse habe ich mich für einen einwöchigen Austausch in Sankt Petersburg angemeldet – ohne überhaupt ein Wort Russisch zu sprechen. Die Reise war ein kleiner Kulturschock, im Nachhinein habe ich aber viel über dieses oft fremde Land gelernt. Sogar ein bisschen Russisch habe ich dort aufgeschnappt.

Alleine oder mit meiner Familie wäre ich wohl nie nach Sankt Petersburg gekommen. Ich denke, dass viele Schüler außerhalb eines Schüleraustausches nicht die Möglichkeit haben, einfach so ins Ausland zu reisen. In einen anderen Teil Deutschlands kommt man dagegen viel schneller. Deshalb ist der geschützte Raum eines Austausches eine tolle Chance für junge Menschen, das Ausland kennen zu lernen.

Im Ausland ist es nämlich meist wirklich anders als in Deutschland. Dagegen erscheinen die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland verschwindend gering. Fremdsprachen werden immer wichtiger, Grenzen immer unwichtiger. Dringend nötig ist meiner Meinung nach die Verständigung zwischen den verschiedenen EU-Staaten.

Es stimmt schon: Viele Ostdeutsche gehen zum Arbeiten oder Studieren nach Westdeutschland, andersherum ist das sehr viel seltener der Fall. Das ist ein Problem. Die sozialen Verhältnisse in Ost- und West driften auseinander, zum Nachteil des Ostens. Das wirtschaftliche Wachstum Ostdeutschlands kommt nicht an den Westen heran, die Ostdeutschen fühlen sich abgehängt (ZEIT ONLINE).

Ich glaube allerdings nicht, dass ein Schüleraustausch irgendwas an der Situation verbessern würden. Es braucht schon weitreichendere Maßnahmen, um die Probleme anzugehen.

Warum ein Ost-West-Schüleraustausch doch gar keine so schlechte Idee sein könnte, schriebt Marc Röhlig hier:


Gerechtigkeit

Ja, wir brauchen den Schüleraustausch zwischen Ossis und Wessis!

16.01.2018, 16:47 · Aktualisiert: 16.01.2018, 17:16

Ein Schüleraustausch ist eine tolle Sache: Endlich mal raus aus dem eigenen Mief, neue Welten entdecken, fremde Kulturen verstehen lernen. Die meisten denken da an Spanien, Frankreich oder die USA. Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, denkt eher an Bielefeld und Bitterfeld. Oder an Magdeburg und Mannheim. 

Holter meint, auch 27 Jahre nach der deutschen Einheit gibt es immer noch zu viele Unterschiede zwischen Ost und West. Daher sollen Jugendliche in einem Austauschprogramm zwischen Schulen in Ost- und Westdeutschland nun "die anderen" besser kennenlernen (SPIEGEL ONLINE).

Innerdeutsche Horizonterweiterung? Ja, bitte!