Bild: Hatice Kahraman

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Er ist selbst geflüchtet, jetzt macht er mit der Angst vor Zuwanderern Wahlkampf

13.05.2017, 12:43 · Aktualisiert: 13.05.2017, 21:27

Mit Serge Menga unterwegs in Essen

Serge Menga packt die Flyer in den Koffer, nimmt zwei große Plakate in die Hand und klemmt sie an einen Plakathalter. Auf den Flyern und auf den Plakaten ist sein Gesicht zu sehen: braune Augen, dunkle Haut, schmales Lächeln, Halbglatze. Darunter die Worte: "Mut für ein besseres Miteinander."

An einem kalten Samstag im Frühling will er seine Botschaft in der Essener Innenstadt verbreiten. Menga, 40 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, kongolesische Wurzeln, ist eigentlich Lkw-Fahrer. Er hat keine Politikerfahrung und war auch sonst nicht politisch aktiv. Trotzdem hofft er jetzt, bei den Wahlen in NRW als erster parteiloser Kandidat in den Landtag einzuziehen.

Hatice Kahraman
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Warum er sich Chancen ausrechnet? Vor anderthalb Jahren hat er viel Zuspruch und Unterstützung bekommen, als er auf Facebook eine Videobotschaft nach den Übergriffen an der Silvesternacht in Köln hochlud. In dem Video forderte er kriminelle Migranten auf, das Land zu verlassen.

Posted by Serge Menga on Thursday, January 7, 2016

Das Video wurde mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen und fast 200.000 Mal geteilt. Seitdem sieht sich Menga als Sprachrohr für Menschen, die mit der Flüchtlingspolitik in Deutschland nicht zufrieden sind. Er fordert unter anderem härtere Kontrollen bei der Einreise.

Dabei ist Menga einst selbst als Flüchtling aus dem Kongo nach Deutschland gekommen. Als Kind floh er mit seiner Familie nach Europa, seit seinem 11. Lebensjahr lebt er in Deutschland. Menga wuchs in einer deutschen Pflegefamilie auf, machte seinen Realschulabschluss und dann eine Ausbildung zum Energieelektroniker. So erzählt er es an diesem Samstagmorgen auf dem Essener Marktplatz. Menga ist alleine unterwegs, sein Team wird erst später losziehen, noch mal Plakate kleben.

Er trägt Parka, Sweatshirt und Turnschuhe. Auch die anderen stehen hier an ihren Ständen. Die Leute von der SPD, der stärksten Partei in NRW. Ihre Spitzenkandidatin ist Hannelore Kraft, sie ist die amtierende Ministerpräsidentin. Ein paar Meter weiter die CDU, die Mitglieder machen Werbung für den Herausforderer Armin Laschet.

"Guten Morgen, ich brauche jede Unterstützung als parteiloser Kandidat", sagt Menga zu den Passanten und versucht, seine Flyer unter die Leute zu bringen. Nur ab und zu nehmen die Menschen ihm einen ab. Am Mittag hält er die meisten noch in der Hand. 

Aber Mengas Wahlkampf findet ohnehin eher auf Facebook statt. Dort kommentiert er zum Beispiel die Kriminalstatistik: "Ich möchte nicht den hier lebenden Flüchtlingen, Migranten, Ausländern alles unter die Schuhe schieben. Weil natürlich nicht alle so sind. Fakt ist aber, dass ein großer Teil der Menschen, die hier aufgenommen wurden, nicht mit guten Absichten ins Land gekommen sind."

Solche Behauptungen versucht er, mit Links zu fragwürdigen Internetseiten zu untermauern. Es gehe ihm vor allem um die innere Sicherheit, sagt Menga. Er will schnellere Abschiebungen und härter Strafen. Auch für deutsche Kriminelle - aber die könne man ja nicht abschieben. 

Es sind Aussagen, die man so oder so ähnlich auch von der AfD zu hören bekommt. Vergangenes Jahr wollte Menga der rechtspopulistischen Partei sogar beitreten. Am Ende ist es dazu nicht gekommen, weil die AfD ihn nicht sofort als Voll- sondern nur als Fördermitglied hätte haben wollen. So hätte Menga nicht für den Landtag kandidieren können. Daraufhin zog er seinen Mitgliedsantrag zurück: Ganz oder gar nicht.

(Bild: Hatice Kahraman)

Wie passt das zusammen? Ein Mann, der selbst einmal neu in Deutschland war und heute mit seiner deutschen Frau und seinen Kindern im hübschen Essener Stadtteil Rüttenscheid lebt, macht Stimmung gegen Geflüchtete? 

"Ich bin kein Unmensch", sagt Menga. Aber er wolle auch keine Kriminellen im Land. Ist ihm selbst mal etwas widerfahren? Oder seine Frau? Nein, sagt er. Aber er habe mal eine Schießerei in einem Club miterlebt. Die vielen Kriminellen, die wachsende Gefahr: Das ist oft mehr eine gefühlte Wahrheit.

Kriminelle Zuwanderer

Die offizielle Statistik sagt: Die Kriminalität bei Zuwanderern ist gestiegen. Trotzdem sinkt die Gefahr, Opfer einer Straftat zu werden. Wie passt das zusammen?

Die Zahl der Straftaten in Deutschland ohne ausländerrechtliche Verstöße, etwa illegale Grenzübertritte, geht zurück. Deutschland ist trotz Zuwanderung sicherer als früher.

Trotzdem melden Bundesländer eine Zunahme von Straftaten bei Zuwanderern. Wer als Zuwanderer gilt, ist in den Ländern jedoch unterschiedlich festgelegt. Polizeistatistiken sind außerdem umstritten, weil sie nur das zeigen, worum sich die Polizei gerade besonders kümmert.

Schließlich gibt es Schieflagen: Junge Männer sind immer krimineller als andere Bevölkerungsteile. Wenn unter Zuwanderern besonders viele junge Männer sind, verzerrt das einen Vergleich.

Nach ein paar Stunden am Marktplatz packt Menga die Flyer wieder in den Koffer und die Plakate ins Auto. An der Ecke ist eine Eisdiele Casal, dort trifft er seinen Freund und Berater Dirk Schmidt. Sie hätten sich vergangenes Jahr in einem Flüchtlingsheim kennengelernt, sagt Menga. Dort seien sie beide ehrenamtlich aktiv gewesen. Vor allem die Zustände im Heim, aber auch die fehlende Betreuung der Flüchtlinge kritisieren sie. 

Menga bestellt sich einen Eisbecher, dann sagt er: "In Deutschland muss Ordnung herrschen, man muss sich hier sicherer fühlen können. Wenn Fremde hier hinkommen, dann sollen sie sich auch wie Gäste benehmen und keine Parallelgesellschaften bilden."

Auf Facebook bekommt Menga Kritik für seine Thesen - weniger von Deutschen, sondern eher von Migranten, sagt er. Manche würden ihm vorwerfen, ein schwarzer Nazi zu sein. Er weist das alles zurück. Wer wirklich seine Videos schaue und ihn kenne, könne ihm das nicht vorwerfen.

Warum macht er das alles? "Ich will nicht, dass andere für mich entscheiden. Ich will mitentscheiden", sagt er. Er mache das auch für seine Kinder. 

Menga bräuchte, um in den Landtag einzuziehen, 25.000 Stimmen aus seinem Wahlkreis. Bis jetzt hat es noch kein Parteiloser in den NRW-Landtag geschafft. Aber vielleicht klappt es doch. Menga kann gut auf Menschen zugehen, sie überzeugen und für seine Sache gewinnen. Er kennt viele in der Stadt und viele kennen ihn. Auf Facebook hat er 30.000 Abonnenten. Die meisten davon sind aber nicht wahlberechtigt in seinem Bezirk.

Und wenn er es nicht schafft? Auf jeden Fall will er seine Facebook-Seite weitermachen. "Die hat sich für einige Menschen als Sprachrohr entwickelt. Und egal wie die Landtagswahlen ausgehen, ich mache weiter."

Hier sind alle unsere Beiträge zur NRW-Wahl


Korrektur: Der Wahlslogan heißt "Mut für ein besseres Miteinander", nicht "Mut für ein besseres Deutschland". Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen. (13. Mai 2017)


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