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Mein Bruder wählt die AfD – wir müssen reden

25.09.2017, 15:45 · Aktualisiert: 25.09.2017, 17:06

Die AfD zieht als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. Und mindestens einer meiner beiden Brüder ist dafür mitverantwortlich.

Ich muss sagen: Ich weiß noch immer nicht, wie ich damit umgehen soll.

Vielleicht, weil ich das Problem zu lange verdrängt habe. Ich habe immer versucht, mir einzureden, meine Familie und ich lägen in unseren Ansichten gar nicht so weit auseinander.

Dabei hätte ich es wissen müssen: Politik war bei uns zuhause nie ein großes Thema. Offener und versteckter Rassismus hingegen schon. Sätze wie “Der ist zwar kein Deutscher, aber..” haben mich lange begleitet. Ich habe nie etwas gesagt.

So war es leider auch noch 2017. In der vergangenen Woche, wir saßen wieder bei meinen Eltern am Tisch, sagte mein zehn Jahre älterer Bruder: “Eigentlich müsste man rechts wählen”.

"Warum?", habe ich mich gefragt, "Warum 'musst' du rechts wählen? Du hast einen Job, eine Wohnung, ein Auto. Kein Ausländer, kein Flüchtling, und auch nicht die aktuelle Regierung haben dich jemals in deiner Freiheit oder Sicherheit bedroht. Wovor hast du Angst?"

Ich hätte ihn fragen sollen.

Aber ich habe den Raum verlassen. Mal wieder. Weggehen ist keine Lösung, ich weiß. Aber ich war so wütend, so traurig, so hilflos.

Später versicherte er mir, nicht rechts zu wählen. Ob es stimmt, weiß ich nicht, aber selbst wenn – er hat diese Aussage gemacht und ich bin sicher, in dem Moment auch so gemeint.

Hier sieht man, wie Menschen in Berlin nach der Bundestagswahl gegen die AfD demonstriert haben:

1/12

Ich habe noch einen zweiten Bruder, ebenfalls älter, ebenfalls mit teilweise rechten Ansichten. In seinen Zwanzigern hat er Böhse Onkelz gehört, heute macht er “die Ausländer” für Kriminalität und Angela Merkel für mangelndes “Durchgreifen” verantwortlich.

Wir sind deswegen schon oft aneinander geraten, aber eine ruhige, ernsthafte Diskussion ist uns bis jetzt nie gelungen. Nicht über meine Gründe, die AfD abzulehnen, weil es Rechtsradikale in ihren Reihen gibt, weil sie Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Religion verurteilt. Und nicht über seine Gründe, welche auch immer sie seien mögen.

Als ich ihn am Tag vor der Wahl direkt gefragt habe, ob er die AfD wählt, war seine Antwort:

Dazu sag ich nichts, wir sind da ja unterschiedlicher Meinung.
Mein älterer Bruder

Für mich Antwort genug.

Ich habe oft versucht, die Beweggründe meiner beiden Brüder zu verstehen. Man sagt oft, die Eltern prägen das politische Bewusstsein. Sicher, meine Mutter ist eher ängstlich und nicht sehr weltoffen. Würde ich mit einem türkischen Freund nach Hause kommen oder eine Frau lieben, würde sie erstmal schlucken.

Ich erkenne Parallelen zwischen meiner Mutter und meinen Brüdern: Sie haben alle ihre Heimat nie verlassen, sind kaum gereist, lernen selten neue Menschen kennen. Ich vermute, dass sie deshalb eine gewisse Angst oder Unsicherheit vor dem “Fremden” haben. Aber meine Mutter würde niemals rechts wählen. Und ich weiß natürlich, dass umgekehrt auch Menschen, die weit rumgekommen sind, nicht vor rechten Ansichten geschützt sind.

Gleichzeitig kann ich mit meiner Mutter nicht über die Ansichten meiner Brüder reden. Auch sie geht Diskussionen und Konflikten aus dem Weg.

Mit meinem Vater hingegen kann ich gut reden. Wir sind öfter einer Meinung und wenn nicht, können wir auch darüber reden.

Er war immer sehr liberal. Aber auch sehr leise.

Ich frage mich oft, wieso ich so anders denke als meine Brüder.

Ich vermute, zum großen Teil liegt es daran, dass ich mich für einen anderen Lebensweg entschieden habe. Nach der Schule haben sie eine Ausbildung gemacht. Ich wusste nie, was ich machen will. Habe die Stadt verlassen. Habe studiert, Praktika und verschiedene Jobs gemacht. Ich glaube nicht, dass das eine irgendwie besser ist als das andere. Aber: Ich musste mich zwangsläufig immer wieder mit neuen Menschen, Meinungen und Erfahrungen auseinandersetzen.

Meiner Meinung nach spielt auch eine entscheidende Rolle, welche Medien man liest, sieht, hört. Und weil ich in der Branche arbeite, habe ich natürlich einen ganz anderen Zugang dazu als meine Brüder. Sie suchen ihre Informationen nicht aktiv, sondern lassen sich von plakativen Facebook-Posts beeinflussen, ohne sie zu hinterfragen.

Sich durch den Dschungel an Informationen zu schlagen, die täglich auf uns einprasseln, fällt schon uns Medienprofis schwer und gelingt wahrlich nicht immer – wie sollen Laien sich da durch bewegen?

Müsste ich ihnen dabei helfen – oder ist das anmaßend?

Ich weiß es wirklich nicht.

Vielleicht sind sie auch unzufrieden mit dem eigenen Leben und wollen einfach nur protestieren – wogegen auch immer. Sie haben Arbeit, genügend Geld, eine Wohnung und eigentlich ein echt gutes Leben. Niemand hat ihnen etwas “weggenommen” oder ihnen das Gefühl gegeben, benachteiligt zu sein. Und trotzdem spüre ich eine Wut, die ich mir kaum erklären kann.

Ich weiß, dass es nur eine Antwort gibt: Ich werde sie danach fragen müssen. Versuchen, herauszufinden, was sie wirklich wütend macht – und warum sie der Meinung sind, dass die AfD daran irgendetwas ändern kann.

Und ich werde meinen Brüdern mit der Offenheit begegnen, die ich mir von ihnen wünsche. Meinungen zulassen und meinen eigenen Standpunkt vertreten. Ob wir uns wirklich irgendwo inhaltlich treffen können, weiß ich nicht. Vermutlich nicht. Aber ich muss es zumindest versuchen.

* um das Wahlgeheimnis der Brüder zu schützen, wurde der Name der Autorin verfremdet.


Haha

Der erste Trailer zu "Fack ju Göhte 3" ist da

25.09.2017, 14:38 · Aktualisiert: 25.09.2017, 15:01

Er ist wieder da: Elyas M'Barek alias Lehrer "Zeki Müller". Doch diesmal geht es nicht auf Klassenreise: Chantal (Jella Haase), Danger (Max von der Groeben) und die anderen müssen wieder zur Schule

Um die steht es übrigens schlecht. Wenn nicht innerhalb von vier Wochen neue Auflagen erfüllt werden, soll die Schule sogar geschlossen werden. Pädagogisch wertvoll – wie immer – nimmt Zeki die Herausforderung an.