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Anti-Hartz-IV-Aktion: Wer hinter #happyhartz steckt

06.12.2017, 18:16 · Aktualisiert: 08.12.2017, 15:27

Die 28-jährige Anna ist happy. Studieren und alleine ein Kind großziehen? Überhaupt kein Problem! Lachend schaut sie in die Kamera – alles nur, weil ihr Hartz IV den Rücken freihält. Die Geschichte von Anna gehört zu einer Kampagne mit dem Titel "#HappyHartz", oder auch "Weil du es uns wert bist". Die Aktion wird mit einer Website, auf Facebook und Twitter sowie mit Plakaten an Berliner U-Bahnhöfen beworben.

Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Kampagne der Bundesagentur für Arbeit. Auch der 17-jährige Azubi Timo und der 47-jährige Andreas freuen sich, mit Hartz IV "endlich durchstarten" zu können.

Diese überzogenen Geschichten sind natürlich nicht echt. Und nun ist klar, wer dahinter steckt.

Die Kampagne, die unter anderem in der U-Bahnstation am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz plakatiert wurde, sorgte trotz der offenkundigen Satire für negatives Feedback:

Das Jobcenter selbst wusste bisher nicht, wer hinter der Aktion steckt. In der FAZ sagte eine Sprecherin: „Wir wissen nicht, wer hinter der Aktion steckt und wie es zum Beispiel mit dem Datenschutz aussieht.“

Die Fake-Website mein-jobcenter.com führt zur Seite einer PR-Agentur mit dem Namen Parnass. Deren angebliche Inhaberin Paula Rosenholz ist allerdings eine Kunstfigur. Allen Menschen, denen sie auf Twitter folgt, folgt auch Jens Spahn.

Hinter der Website http://parnass.de/ steckt die reale Beraterin und Autorin Claudia Cornelsen. Und die gibt bento im Interview die erwartete Bestätigung: Die Kampagne will auf die Lebensbedingungen von Hartz-IV-Empfängern aufmerksam machen.

Die Aktion soll aufzeigen, wie gut Hartz IV ohne Sanktionen wäre.
Claudia Cornelsen

Hartz IV ist für viele Menschen eine Sackgasse. Wer die Arbeitslosenhilfe bezieht, kommt dort oft nicht wieder hinaus. Mehr als sechs Millionen waren 2016 auf die Unterstützung angewiesen.

Und waren oft gar nicht happy. Denn die 409 Euro im Monat, die ein Single überwiesen bekommt, sind an Bedingungen geknüpft. Und den Beziehern droht immer die Gefahr, bei Nichteinhaltung der Vorgaben "sanktioniert" zu werden. Ein nicht wahrgenommener Besuch beim Amtsarzt kann zum Beispiel zehn Prozent der Bezüge kosten. Für die Bezieher ist es ein ständiger Kampf.

"Die Betroffenen erleben es nicht als Hilfe sondern als Demütigung. Und das liegt zu einem großen Teil an den Sanktionen, die abschrecken sollen“, erklärt die 51-Jährige im Telefongespräch. Cornelsens Agentur tritt als Strohmann auf, die Kampagne wurde vom Verein „Sanktionsfrei“ ins Leben gerufen. Dahinter stehen Menschen, die sich gegen die Gängelung durch das Jobcenter einsetzen.

"Diese Sanktionen sind schwarze Pädagogik aus dem vorletzten Jahrhundert", sagt Cornelsen. Besonders Menschen unter 25 Jahren würden viel schneller sanktioniert als ältere. "Wenn mir mein gesamtes Einkommen gestrichen würde, wüsste ich, was ich als 20-Jähriger denken würde: 'Mittelfinger hoch‘. Wenn wir die Menschen für unsere Gesellschaft begeistern wollen, müssen wir Sanktionen abschaffen."

Eigentlich sollte die Kampagne noch bis Samstag laufen. Nun flog die Geschichte früher auf.

Am Ende, so hatte es sich der Verein vorgestellt, sollte die Erkenntnis stehen: Die Menschen in den Videos sind tatsächlich Hartz IV-Bezieher. "Dass alles zu früh aufgeflogen ist, ist natürlich blöd", sagt Cornelsen. "Wir wollten eigentlich am Wochenende eine Seite live stellen mit Videos der Menschen, die zu sehen waren. Die sind jetzt noch gar nicht fertig."

Und damit nicht genug: Es gibt Kritik von prominenter Seite. Inge Hannemann, Politikerin der Linken, Aktivistin für das soziale Grundeinkommen, Mit-Gründerin von Sanktionsfrei ohne aktive Rolle im Verein und ihrerseits scharfe Kritikerin von Hartz IV twitterte:

Auch doof ist, dass sich andere Menschen von der Kampagne verarscht fühlten. "Das war nicht unsere Absicht und tut uns Leid", gibt die zerknirschte Claudia Cornelsen zu.

Wie wäre es statt Hartz IV mit einem Grundeinkommen?


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