Bild: Dirk Knofe / LVZ.de

19.12.2017, 18:08 · Aktualisiert: 21.12.2017, 16:11

Wir haben mal einen Experten gefragt.

Die Stickerei auf den Fahrzeugsitzen des neuen Polizeipanzers "Survivor R" muten an, als sei sie dem Jahr 1939 entsprungen: Loorbeerkranz, markante Streifen – und gebrochene Schrift (bento).

Am Sonntag entfachte sich bei Twitter eine Debatte darüber, das Innenministerium sah sich zur Stellungnahme gezwungen und wies die Vorwürfe zunächst entschieden zurück. Mit "rechter Attitüde" hätte das Logo nichts zu tun. Außerdem: "Das Fahrzeug wurde mit dieser Bestickung der Sitze vom Hersteller so ausgeliefert."

Inzwischen hat das Innenministerium noch mal korrigiert: Das Landeskriminalamt habe ein Design dem Panzer-Hersteller vorgelegt. Diese Vorlage sei nicht mehr vom Ministerium geprüft worden. Das Landeskriminalamt selbst nennt das Logo "ein Fantasiekonstrukt zur internen Verwendung".

Was hat es mit dem "Fantasiekonstrukt" auf sich?

Die Frakturschrift, die auch während des Nationalsozialismus verwendet wurde, gehört zu den gebrochenen Schriften. Beide sind stark verschnörkelt und für unser Auge kaum zu unterscheiden.

Vom Emblem und seiner Ästhetik des Logos einmal abgesehen: Wie viel hat die gebrochene Schriftart überhaupt mit Nazis zu tun? Und wo wird sie heute sonst noch verwendet?

Wir haben bei Christoph Strupp nachgefragt. Er arbeitet an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

(Bild: Privat)

Wie viel Nationalsozialismus steckt eigentlich in der gebrochenen Schrift?

Die Ästhetik ist die Gleiche wie bei der Frakturschrift und deren Geschichte geht bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Sie hat sich über die Jahrhunderte im deutschen Sprachraum immer weiterentwickelt und leicht verändert.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Schrift weniger einflussreich, auch, weil sie schwer zu lesen ist. Die Druckschrift, die wir heute verwenden – in Fachsprache nennt man sie Antiqua – setzte sich zunächst im Bereich Naturwissenschaften durch.

Viele bedeutende naturwissenschaftliche Publikationen des Kaiserreichs wurden auch im Ausland gelesen, da brauchte es eine international gebräuchliche und leicht lesbare Schrift. In der Weimarer Republik verbreitete sich Antiqua dann weiter, auch wenn es weiterhin noch Bücher mit Fraktur-Schrift gab. Nazis haben diese Schrift also nicht erfunden.

Wie sah es dann während des Nazi-Regimes aus?

Die Geschichte zu dieser Zeit ist kontrovers. Ab 1933 gab es eine Bewegung zurück zur Fraktur, mit der Begründung, das sei die alte deutsche Schrift. Doch die Fraktur war trotzdem nicht unumstritten. Von Hitler persönlich gab es Aussagen, die die Schrift kritisieren. Sie sei zu romantisch, zu rückwärtsgewandt.

1941 schafften die Nazis die Fraktur offiziell ab – sie sollte komplett durch Antiqua ersetzt werden. Weil nach den Eroberungen der ersten Kriegshälfte die Frakturschrift bei der Verwaltung dieser Gebiete und bei der Auslandspropaganda hinderlich war. Die Umstellung ließ sich im Krieg aber nicht hundertprozentig durchsetzen – alle Druckmaschinen umzustellen, war ein riesiger Aufwand und die Menschen hatten schlicht andere Sorgen.

Wo taucht die gebrochene Schrift heute noch auf?

Zum Beispiel bei Bands in der rechtsextremen Musikszene. Sie wollen ganz klar Assoziationen zur NS-Zeit hervorrufen. Obwohl das historisch schief ist.

Gebrochene Schrift beziehungsweise Fraktur ist zwar die Schrift, die im "Dritten Reich" vorwiegend erschien und die wir deshalb mit dem Nationalsozialismus verbinden. Es ist aber weder eine Schrift, die von den Nazis erfunden wurde, noch wurde sie in der NS-Zeit uneingeschränkt propagiert.

Was bestimmt für viele überraschend ist: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" verwendete Fraktur noch heute auf der Titelseite. Auch die Evangelische Kirche hat noch in den Fünfzigerjahren die Bibel in Fraktur drucken lassen – und das bestimmt nicht, weil sie NS-Klänge damit anstimmen wollte.

Taucht sie denn – wie in Sachsen – auch noch bei Behörden und öffentlichen Einrichtungen auf?

Gerade im Militär und im Sicherheitsbereich ist diese Symbolik besonders stark ausgeprägt. Eichenlaub-Kränze und die Streifen, wie sie bei dem Panzer in Sachsen zu sehen sind, findet man nicht nur dort. Zum Beispiel das Abzeichen beziehungsweise ein Schulteraufnäher vom Kampfmittelbeseitigungsdienst in Niedersachsen verwendet ebenfalls gebrochene Schrift. Das ist sicherlich kein Einzelfall.

Warum beruft man sich gerade in diesen Bereichen auf die Tradition?

Traditionspflege generell gibt es auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, im Vereinswesen oder bei Unternehmen, insofern ist es nicht überraschend, dass wir das auch im Militär- und Sicherheitsbereich finden – und dort dann eben mit den traditionellen Symbolen wie dem Eichenlaub.

Aber trotzdem bleibt doch ein übler Beigeschmack?

Es kommt immer auf den Kontext an, in dem man die Schrift verwendet. Aber klar: Die Assoziation der gebrochenen Schriften mit der NS-Zeit lässt sich nie ganz ausräumen.

Die Frakturschrift war nun einmal die vorherrschende Schrift zu dieser Zeit – auf Flugblättern, in Filmen, in Büchern. Die Frage ist, ob man die Schrift, die derart historisch belastet ist, noch verwenden mag.

Auch der Hitlergruß, der ausgestreckte rechte Arm, war ursprünglich ein harmloser Gruß der Römer – heute ist er verboten.


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Geschenke für die allerletzte Minute

19.12.2017, 17:47 · Aktualisiert: 24.12.2017, 15:03

Sorry, aber wir müssen es dir jetzt einfach ganz schonungslos sagen: Diesen Sonntag ist Weihnachten!