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Warum Frankreichs Flagge auf Facebook-Profilbildern das falsche Signal ist

15.11.2015, 17:20 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Mehr als Putainouais und ein längeres Schweigen kam bei dem Gespräch zwischen meinem Freund und mir nach den Anschlägen in der vorherigen Nacht nicht heraus. Da ich gerade meine Eltern besucht habe, konnten wir uns nicht in den Arm nehmen. Seinen Schwestern in Paris geht es gut. 800 Kilometer und eine Staatsgrenze trennten uns an dem Tag. Umso perfider kamen mir die ganzen Frankreichfahnen vor den Profilbildern auf Facebook vor.

Drei Farben, die genau das betonen, was bei Mitgefühl eigentlich die geringste Rolle spielt: Nationalität. Denn egal ob in Deutschland, Frankreich oder dem Libanon: Wir solidarisieren und identifizieren uns mit den Opfern dieses Anschlags. Zahlreiche Posts meiner Schul- und Erasmus-Bekannten warnen davor, den Buhmann in der Flüchtlingskrise zu suchen und beziehen die Geschehnisse direkt auf die Situation in Deutschland.

Die Symbolik des Nationalstaates Frankreich wirkt am Brandenburger Tor: Deutschland steht hinter Frankreich. Auf Facebook funktioniert das nicht. Das soziale Netzwerk ist in diesem Moment kein Staatsakt, eher ein halböffentliches Kondolenzbuch. Wir trauern um Familien von Bekannten von Bekannten, um Mitmenschen. Die Wucht dieser Anschläge hallt in den Statusnachrichten als Bekenntnis zu einem bunten Europa wieder. 

Für mich steht die Tricolor nicht dafür. Sie steht nicht für die Menschen, die das Konzert im Bataclan genießen wollten. Die auf dem Place de la République unterwegs waren. Der Anschlag nahm ihnen ihr Leben, ihre Freiheit, es selbst zu bestimmen. Ob nun mit Sport, mit Musik, im Restaurant oder auf einem abendlichen Spaziergang. Für eine radikale politische Einstellung mussten sie sterben. Die Fahnen vor den Bildern reduzieren sie auf eine Nationalität. Teilweise nicht mal auf ihre Eigene, denn nicht alle Opfer waren Franzosen.

Vor der Volksabstimmung in Irland zur Hochzeit von Homosexuellen unterlegte ich mein Profilbild auch mit der Regenbogenfahne. Ich wollte zeigen, dass ich es gut fand. Aber die Regenbogenfahne steht für ein Gefühl, eine Bewegung der Toleranz und Vielfältigkeit. Im Gegensatz zur französischen Fahne zieht sie keine Grenze. Die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland existiert, ich fahre wöchentlich drüber. Der Gedanke, dabei kontrolliert werden zu können, ist für mich ein Relikt aus Erzählungen einer anderen Zeit. 

Für Flüchtlinge, die in einen Zug in Saarbrücken oder in den Bus nach Paris steigen wollen, ist er harte Realität. Auch dafür stehen nationale Symbole. Ich studiere in Saarbrücken, mein Freund in Metz. Wir standen zusammen Ende September vor den Exponaten der deutsch-französischen Kriege im Saarbrückener Stadtmuseum. Das Blau-Weiß-Rot war ähnlich einprägsam wie momentan auf Facebook. Individuen verschwinden hinter drei Farben, die eigentlichen Bilder sind kaum noch zu erkennen. 

Dabei meint es jeder gut. Viele Facebook-Nutzer wollen mit der Flagge an der Staatstrauer Frankreichs teilnehmen. Vielleicht denkt der eine oder andere dabei auch an die letzte Weinflasche mit der Fahne drauf, la Joie de vie, oder ein wenig Laissez-faire: Die Fahne als Symbol für französische Lebenslust. Wer aber von Nationalflagge in Richtung Hymne weiterdenkt, landet beim Blutvergießen: "Marchons, marchons! / Qu’un sang impur / Abreuve nos sillons!" – "Marschieren wir / marschieren wir / Unreines Blut / Tränke unsere Ackerfurchen."

Im Konflikt mit dem "Islamischen Staat" steht die französische Flagge auch für den Militäreinsatz in Syrien und damit für Bombardements. Sie steht auch für Marine Le Pen, die sich auf Facebook als Reaktion auf die Taten für strengere, permanente Grenzkontrollen ausspricht. Die Fahne als Profilbild ist eine erschreckende Antwort, denn Terroranschläge kennen keine Grenzen. Da kann doch das Symbol eines Nationalstaates schlecht die europäische oder weltweite Antwort auf wahlloses Töten sein? Mir zieht sich da jedenfalls der Magen zusammen.

Mein Freund sieht das entspannter. Meine nationalkritische Sicht der Fahne als Symbol bleibt für ihn ein bisschen Deutsch. Er fühlt sich als Franzose geehrt, findet die extreme Solidarisierung in sozialen Netzwerken aber unfair gegenüber den Gegenden der Welt, in denen Terroranschläge häufiger passieren. Die Fahne nützt nicht viel, meint er, wer trauert, sollte etwas unternehmen: auf Konzerte gehen, Kerzen anzünden. Was ihm dagegen Sicherheit gibt, ist der Safe-Button, den Facebook einschaltete. Damit war schnell geklärt, dass es seinen Pariser Bekannten und Verwandten gut geht.

Für die kollektive Beileidsbekundung auf Facebook konnten wir uns auf den Eiffelturm, eine Taube, Herzen, oder ein Emoji mit Kopfhörern einigen. Gegen Liebe, Frieden, Paris als Stadt der Liebe und einen rockenden Smiley gibt es nichts zu sagen.

Wenn du das anders siehst: Hier geht es zur Facebook-Funktion.

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat inzwischen auf Kritik reagiert: "Many people have rightfully asked why we turned on Safety Check for Paris but not for bombings in Beirut and other places. Until yesterday, our policy was only to activate Safety Check for natural disasters. We just changed this and now plan to activate Safety Check for more human disasters going forward as well."