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Was ein Ex-Offizier von der Bundeswehr-Webserie "Die Rekruten" hält

02.11.2016, 14:36 · Aktualisiert: 02.11.2016, 18:10

Julia weint. Sie muss jetzt ihre Ohrringe und Piercings rausnehmen. Die Grundausbildung bei der Bundeswehr beginnt. Der Schmuck ist nur hinderlich, wenn man durch den Schlamm robbt. Nachher bleibt man noch irgendwo hängen. Verletzungsgefahr. Kein guter Einstand für Julia.

Mit solchen Szenen versucht die Bundeswehr jetzt, junge Menschen für eine Karriere bei der Bundeswehr zu begeistern. "Die Rekruten" – so heißt die Webserie, die wie ein hippes YouTube-Format rüberkommen soll und dann aber vor allem bemüht wirkt: Die Bundeswehr versucht, einen auf Jung zu machen.

Die Dokusoap begleitet drei Monate lang zwölf junge Menschen bei der Grundausbildung. 1,7 Millionen Euro hat das gekostet. Zuviel finden einige. Das hätte man bei der Bundeswehr auch an anderen Stellen gut gebrauchen können, so die Kritik. Nichts soll geschönt und alles authentisch sein in "Die Rekruten": Tiefpunkte sind kein Tabu, ein großer Teil ist mit dem Selfie-Stick gedreht.

Doch wie authentisch kann eine Serie sein, die Werbung für etwas machen will?

Wir haben mit dem ehemaligen Offizier, Dominik Brück, gesprochen.

Das sind die ersten Folgen der Serie

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Dominik Brück hat mit der Bundeswehr abgeschlossen.

Dominik Brück hat mit der Bundeswehr abgeschlossen. (Bild: Privat)

Dominik, 31, arbeitete von 2004 bis 2013 bei der Bundeswehr. Nach einem Jahr als Reserveoffizier trat er die Offizierslaufbahn an und studierte Politikwissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg.

"Ich hatte die Hoffnung bei der Bundeswehr was bewegen zu können, Brunnen graben und Schulen bauen, wie es so schön heißt", sagt Dominik. Bis er realisiert habe, dass er sich nicht mehr mit den Idealen der Bundeswehr identifizieren kann.

Seine Masterarbeit schrieb er damals zum Thema "Innere Führung bei der Bundeswehr". "Bei den Befragungen habe ich gemerkt, das ist keine Umgebung, in der ich arbeiten will." Viele Antworten brachten Elitedenken und auch sehr konservatives Gedankengut hervor. "Immer wieder sprach man von Ehre, Treue zum Vaterland und Stärke – ganz in der Wehrmachtstradition."

Wie findet er die Serie?

So sah Dominik Brück aus, als er noch gedient hat.

So sah Dominik Brück aus, als er noch gedient hat. (Bild: Privat)

Kritikpunkt 1: Die Realität gibt es nur in Auszügen

Das Format ist sehr gut gemacht, sowohl inhaltlich als auch filmisch – das trifft genau die junge Zielgruppe. Die Szenen sind realistisch, so laufen die ersten Tage bei der Grundausbildung ab: Die Ausrüstung wird zusammengesucht, man muss sich auf dem Kasernengelände orientieren. Auch der Befehlston ist sehr authentisch, das kenne ich aber auch noch schärfer.

Mir fällt auf, dass die Kaserne, die gezeigt wird, sehr modern ist. Die junge Frau freut sich, dass sie sich nicht in einer Gemeinschaftsdusche waschen muss. Ich habe auch anderes gesehen. Ich habe schon in Zwölf-Bett-Zimmern geschlafen und mit 20 Männern geduscht.

Wir kriegen hier natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus der Realität geboten – klar, es soll schließlich Werbung sein.

Die Bundeswehr

In der Bundeswehr sind derzeit rund 168.000 Berufs- und Zeitsoldaten und 8.400 freiwillige Wehrdienstleistende aktiv. Zur Bundeswehr gehören 19.630 Soldatinnen. 4.320 junge Soldatinnen und Soldaten studieren an der Bundeswehr-Universität. (Stand: 30. September 2016 bundeswehr.de)

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass bei der Ausbildung auch viel Schindluder getrieben wird – der hier natürlich nicht gezeigt wird. In meiner Grundausbildung gab es zum Beispiel die sogenannte Arbeitsgemeinschaft Leiden, eine “freiwillig befohlene” Übung nach Dienstschluss – sie war natürlich nicht freiwillig. Wir wurden durch die Kaserne gedrillt, bis wir nicht mehr konnten, wir mussten im Entengang watscheln, Liegestütze machen uns auf den Rücken legen, während andere über unsere Bäuche rannten.

Ich war dabei, als junge Soldaten mit ABC-Schutzmaske durch die Sonne getrieben wurden, bis sie darein gekotzt haben. Heute weiß ich, dass ich das hätte melden können. Früher war ich ahnungslos.

Palina Rojinski hat sich auch eine Woche bei der Bundeswehr versucht

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Kritikpunkt 2: Es wirkt inszeniert

Es mutet zunächst so an, als ob es einfach produzierte Homestorys sind: Die jungen Soldaten filmen zum Teil selbst, machen Selfies. Doch man sieht, wie viel Produktionsaufwand dahinter steckt. Einige Szenen müssen mehrfach gedreht worden sein. Das sind doch nicht alles Medienprofis, die fehlerfrei in die Kamera sprechen. Die verhaspeln sich ja kein einziges Mal.

Alles Kritische wird völlig ausgeblendet. Ich habe mit meiner Familie, bevor ich die Offizierslaufbahn eingeschlagen habe, über mögliche Einsätze gesprochen. Es ging darum, dass ich unter Umständen auf Menschen schießen muss oder selbst getötet werden könnte. Diese Gespräche finden bei den Homestorys gar nicht statt.

Es fallen immer wieder die typischen Schlagworte, die bei der Bundeswehr Gang und Gäbe sind: Disziplin, Ehre, Treue. Das wirkt einstudiert.

Kritikpunkt 3: Soldaten werden zu Helden stilisiert

Was auffällt: Alles wirkt heroisch. Schon allein das Titelbild sieht nach einem Hollywood-Blockbuster aus. Und als ein junger Mann seine Uniform zum ersten Mal anzieht, kommen Glitzereffekte hinzu und ein fröhlicher Sound ertönt. Der Beruf des Soldaten wird glorifiziert. So darf das – gerade in Deutschland – nicht sein.

Ob die Videos wirklich motivieren, zur Bundeswehr zu gehen, bezweifle ich. Aber die, die mit dem Gedanken spielen, können danach sicherlich beruhigter dorthin gehen – weil einfach alles Schlechte ausgeblendet wird.

Das Ganze mutet an wie eine Dokumentation, man könnte glauben, es handelt sich um einen objektiven, journalistischen Bericht, aber es ist Werbung und das sollte kenntlich gemacht werden. Man kann ihn nicht bewerben wie jeden anderen Job, das ist er nämlich nicht. Als Bürokaufmann halte ich schließlich keine Waffe in der Hand.


Trip

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Die Wellen donnern voller Kraft über die Klippen – und wirken dennoch zart und flüchtig. Die Erde von oben, sie ist rau, wild und wirkt unendlich zerbrechlich. Diesen Eindruck gewinnt, wer die Bilder von Gabriel Scanu betrachtet.

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