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14.05.2018, 17:53

"Er verspottet mich, nimmt mich nicht ernst."

FDP-Chef Christian Linder hat am Wochenende einen Shitstorm eingefahren. Er befördere Alltagsrassismus, so der Vorwurf. Was ist passiert?

Lindner hatte beim Parteitag der FDP gesagt, in der Schlange beim Bäcker frage man sich als Deutscher, ob der Ausländer an der Theke legal im Land sei. Oder eben nicht. Mit seiner Rede implizierte er, dass Menschen im Alltag grundsätzlich Angst vor ausländisch Aussehenden haben.

Wer in seinen Aussagen Rassismus oder Rechtspopulismus lese, sei "etwas hysterisch unterwegs", sagte Lindner später – nachdem er in sozialen Netzwerken scharf kritisiert worden war. Ein FDP-Mitglied kündigte auf Twitter an, die Partei verlassen zu wollen. (bento)

Schiefe Blicke, Angst vor Fremden – das ist Realität in Deutschland. Manche Menschen, die nicht "typisch deutsch" aussehen, erleben das immer wieder. Wie es ihnen damit geht, erzählen sie hier.

Charly, 28, Architekt aus Münster

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Ich erlebe schräge Blicke relativ oft. Im Zug, beim Kontrolleur, von älteren Damen, tatsächlich auch in der Bäckerei. Leute halten ihre Taschen oft fester, wenn ich in ihrer Nähe bin. Letztens hat eine im Bus, die ich aus Versehen gestoßen hab, gesagt: "Wir sind hier in Deutschland, da gibt es Regeln, man muss sich anpassen." Bei sowas versuche ich, intelligent zu kontern, bei der Taschen-Aktion kann ich nichts machen. Ich bleibe auf jeden Fall immer freundlich, alles andere bringt nichts. Es macht am meisten Spaß, diese Leute damit zu schocken, dass man selbst so deutsch spricht wie sie auch.

Ich erlebe schräge Blicke oft
Charly

Ich kann schon verstehen, dass es manche irritiert, mit einem Dunkelhäutigen zu tun zu haben. Manche kennen einfach keine Menschen, die eine andere Hautfarbe haben als sie selbst. Was ich aber nicht verstehe, ist, wenn man dafür angegriffen wird, verbal oder auch physisch.

Was die Aussage von Christian Lindner angeht: Er beschreibt genau das, was unterschwellig viele Menschen in sich haben. Diese Angst, vor allem diese Unsicherheit. Ich meine, ich habe das schon in der Schule erlebt, wie auffällig ich wegen meiner Hautfarbe bin.

Ich frage mich schon: Warum muss jeder, der eine andere Hautfarbe hat, sich zuerst einmal profilieren und zeigen, dass er legal in Deutschland ist? Ich merke auch, dass ich von der Polizei oft ohne Anlass kontrolliert werde. Der Verdacht ist: meine Hautfarbe. Das ist kein Weltuntergang, aber echt ungemütlich. Ich bin hier geboren und aufgewachsen!

David, 30, Ingenieur aus Köln

(Bild: privat)

Fremdenangst kenne ich eigentlich nicht. Ich bin zur Hälfte indisch, habe einen braunen Teint. In meinem ganzen Leben wurde ich zweimal darauf angesprochen. Aber das war auch nicht schlimm. Mein Nachname ist Schreckenberg, das finden manche lustig, weil sie etwas anderes erwarten würden. Dann fragen sie: "Wie kannst du denn so heißen?"

Die Frage stört mich aber nicht. Die Aussage von Christian Lindner und deren Konsequenzen allerdings schon. Ich weiß nicht, welches Bild er da heraufbeschwören will. Für mich hat das Gauland-Dimensionen, von wegen, dass niemand Boateng als Nachbarn haben will. Ich sag mal: Zu 75 Prozent hat Lindner unglücklich formuliert. Und zu 25 Prozent wollte er in gewissen Wählerkreisen fischen.

Es ist übrigens ziemlich symptomatisch, welche Richtung die Diskussion direkt annimmt. Weil Rassismus ein Thema ist. Wenn ich mal lustig drauf bin, lese ich mir die Kommentare unter Artikeln durch. Egal, worum es geht, selbst bei Baby-Oppossums, ich finde immer irgendwas mit Flüchtlingen.

Sophie, 22, Studentin aus Frankfurt

Mein Vater kommt aus dem Sudan und ich habe einen Afro. Klar ziehe ich Blicke auf mich, es kommt aber darauf an, wo ich in Deutschland bin. In Berlin werde ich selten schräg angeschaut.

Was ich aber krass finde: Auf die Frage "Woher kommst du?" reicht "Frankfurt" als Antwort nicht, die Leute sind damit nicht zufrieden. Das sind sie nur, wenn sie mich klar zuordnen können. Ich bekomme diese Frage nicht einmal im Monat gestellt, sondern manchmal dreimal pro Tag. Beim Feiern kommt es schon auch mal vor, dass mir einfach in die Haare gefasst wird, eben wegen des Afros. Anstrengend! Aber es kommt für mich auch immer auf den Kontext an: Wenn ich entspannt bin, prallt das an mir ab. Wenn nicht, werde ich sauer – und etwas lauter.

Ich ziehe Blicke auf mich
Sophie

Kürzlich an der Uni hat jemand gesagt, dass Trump ausländerkritisch sei. Ich dachte: kritisch!?

Das impliziert, dass Ausländerfeindlichkeit oder Rassismus eine Kritik sein kann, dass sie vielleicht sogar konstruktiv sein kann. Das ist Unsinn. Und das, was Christian Lindner gesagt hat, ist auch schwierig. Im Prinzip meinte er, dass es ganz normal ist, grundsätzlich Angst vor allen Ausländern zu haben – dass es legitim ist. Damit erlaubt er den Menschen quasi, rassistisch zu sein. Wer ihn dafür kritisiert, den nennt er hysterisch. Da fühle ich mich zum zweiten Mal nicht ernstgenommen von ihm: Seine Rede gibt Menschen Recht, die Angst vor Leuten wie mir haben – und dann verspottet er mich, weil ich mich darüber aufrege.


Gerechtigkeit

Tote und Verletzte im Gazastreifen: Warum eskaliert der Konflikt?

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