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Sein Hashtag #PorteOuverte brachte Freitagnacht Menschen in Sicherheit

14.11.2015, 00:00 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Wir haben mit dem Franzosen Sylvain Lapoix gesprochen.

Wie geht es dir?

Die Anschläge gehen mir sehr nahe. Ich kenne das Viertel um den Boulevard Voltaire und das Bataclan. Ich habe zehn Jahre in dieser Gegend von Paris gearbeitet und dort viele wichtige Momente meines Lebens verbracht. Ich saß bis 4 Uhr morgens an meinem Rechner, habe mir im Internet die grausamen Bilder der Anschläge angesehen und auf Nachrichten von Familie und Freunden gewartet.

Sylvain Lapoix, 32, arbeitet als Journalist in Frankreich

Sylvain Lapoix, 32, arbeitet als Journalist in Frankreich (Bild: Sylvain Lapoix)

Wie bist du auf die Idee für den Hashtag #PorteOuverte gekommen?

Als die ersten Meldungen kamen, und ich Augenzeugen-Fotos auf Facebook entdeckte, war ich fassungslos. Auf Twitter fand ich Posts von Menschen, die in den Straßen unterwegs waren und nicht wussten, wie sie sich in Sicherheit bringen oder nach Hause kommen sollten. Andere antworteten und boten Unterschlupf an. Es hatte sich ein Netz der Solidarität entsponnen. Mir war sofort klar: Es braucht jetzt nur noch einen virtuellen Sammelpunkt. Ich betreue Online-Communitys und weiß, wie machtvoll Twitter sein kann.

Was passierte dann?

Ich suchte nach einem passenden Hashtag und #PorteOuverte erschien mir sinnvoll. Nicht einmal eine Stunde nachdem ich den Hashtag zum ersten Mal getwittert hatte, gab es eine Karte, auf der man die Tweets verorten konnte. Da habe ich kapiert: Das wird was Großes.

Mit diesen Tweets fing alles an.

(Für alle, die kein Französisch sprechen: "Margaux: Dasselbe gilt für das 20. Arrondissement bei Montreuil, Leute. "Navie: Wenn irgendjemand im 10. Arrondissement unterwegs ist, schickt mir eine Nachricht, ich lasse euch rein, falls ihr nicht mehr nach Hause laufen wollt.")

Der initiale #PorteOuverte Tweet.

("Wenn ihr jemanden aufnehmen könnt, geolokalisiert euere Tweets + #PorteOuverte, um sichere Orte anzuzeigen. #fusillade heißt schießerei #paris")

(Wenn das hilft, ich habe eine Karte mit Tweets erstellt #PorteOuverte GEOLOKALISIERT EUERE TWEETS !!!)

Einige kritisierten dich für diesen Hashtag.

Menschen veröffentlichten ihre Adressen und teilweise sogar Türcodes auf Twitter. Man warf mir vor, ich würde den Terroristen die Opfer auf dem Silbertablett servieren. Ehrlich gesagt hatte ich nicht lange überlegt, bevor ich mit #PorteOuverte loslegte. Aber auch im Nachhinein bin ich überzeugt, dass es richtig war.

Ich weiß zwar nicht, ob der Hashtag Menschenleben rettete. Aber ich weiß, dass Gestrandete Wohnungen fanden, in denen sie in Sicherheit waren und abwarten konnten bis das größte Chaos vorbei war. Und klar: Niemand wusste, wen er da beherbergt. Aber ich fahre zum Beispiel auch per Anhalter. Ich habe Vertrauen in die Menschen.

Sylvain reagiert auf Kritik

("Nochmal: Wenn ihr nach einem sicheren Ort sucht #PorteOuverte, und schickt Direktnachrichten, keine Adressen veröffentlichen")

("Diejenigen, die fürchten, die Attentäter könnten #PorteOuverte benutzen, ihr überschätzt sie, und ihr unterschätzt die Angst derer da draußen")

Viele Menschen machte #PorteOuverte Mut. Ein Lichtblick in der Katastrophe.

Alleine dafür hat es sich gelohnt. Ich bin überwältigt von der Solidarität der Menschen. Es war nur ein kleiner Hashtag auf Twitter nötig, um Helfer und Opfer zusammenzubringen. Den Rest haben die Menschen mit ihrer Großzügigkeit möglich gemacht.

Es waren wegen des Länderspiels viele deutsche Fußballfans in der Stadt. Hast du mitbekommen, dass #PorteOuverte auch ins Deutsche übersetzt wurde?

Nicht nur ins Deutsche. Expats haben Tweets zu #PorteOuverte in verschiedene Sprachen übersetzt, damit auch die Touristen Bescheid wussten, die kein Französisch sprechen.

Wirst du diese Nacht wieder vor dem Rechner verbringen?

Ich habe keine Sekunde gezögert mich gestern noch mit einem Kumpel für Samstagabend im Quartier des Bataclan zu verabreden. Daran können uns Verrückte mit Kalaschnikows nicht hindern. Wir werden in unser Viertel gehen und feiern. Aber sowas von!