Bild: Pixabay/Getty Images; Montage: bento

Today

Warum wird Großbritannien immer wieder Ziel von Anschlägen?

24.05.2017, 13:12 · Aktualisiert: 04.06.2017, 16:14

Laut Premierministerin Theresa May war es der der dritte islamistische Angriff in Großbritannien innerhalb weniger Monate: Am Samstagabend überfuhren Angreifer auf der London Bridge im Zentrum der Hauptstadt mehrere Fußgänger mit einem Lieferwagen. Anschließend verließen sie das Fahrzeug und stachen im nahegelegenen Borough Market auf Besucher ein. Sieben Menschen starben, mindestens 48 weitere wurden verletzt. (bento)

Schon im März hatte es eine ganz ähnliche Attacke gegeben: Damals hatte ein Mann mehrere Menschen vor dem Parlament in Westminster überfahren und anschließend auf Polizisten eingestochen (bento). Vor knapp zwei Wochen hatte sich außerdem ein Selbstmordattentäter nach einem Ariana-Grande-Konzert in Manchester in die Luft gesprengt und mehr als 20 Menschen getötet (bento).

Theresa May sagte am Sonntagvormittag, die drei Vorfälle seien zwar "nicht verbunden durch ein gemeinsames Netzwerk", aber durch eine gemeinsame Ideologie, den militanten Islamismus. (SPIEGEL ONLINE, The Guardian)

Warum wird Großbritannien immer wieder zum Ziel von Anschlägen?

Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Großbritannien hat ein Problem mit "homegrown" Islamisten.

Gemeint sind Bürger, die sich in einer eigentlich offenen Gesellschaft selbst radikalisieren – weil sie sich nicht als Teil der Mehrheit fühlen. Terrorvideos im Netz reichen dann schon aus, um sich einer Gruppe wie dem "Islamischen Staat" oder Al-Kaida zuzuwenden, persönliche Kontakte zu Anführern dieser Gruppen sind kaum nötig. (bento)

Immer häufiger werden Anschläge in Europa und den USA mittlerweile von "in der Heimat gezüchteten" Terroristen verübt – also nicht wie am 11. September von Angreifern, die extra für den Anschlag einreisten. Großbritannien gilt dabei als eines der Zentren: Experten schätzen, dass die britischen Geheimdienste mittlerweile um die 3000 radikalen Muslime im Blick haben. (The Independent

Der IS ruft die "homegrowns" explizit dazu auf, in ihren Heimatländern für ihn zu kämpfen. (The Guardian)

2. Viele Muslime in Großbritannien fühlen sich abgehängt.

Dass so viele Menschen anfällig für radikale Propaganda sind, liegt auch an Problemen im Land: In Großbritannien gibt es eine große muslimische Community; viele Mitglieder kämpfen mit Diskriminierung, finden keine Arbeit oder bekommen keinen Zugang zu höherer Bildung – jeder dritte Muslim hat gar keine Ausbildung. Britische Muslime sind zudem im Schnitt deutlich ärmer als Nichtmuslime. (BBC, The Guardian)

Das Ergebnis: Entfremdung, Frust, Wut. 

Die Deradikalisierungs-Organisation "Faith Matters" zum Beispiel stellte in Interviews fest, dass einige junge Briten "unzufrieden" mit dem Land seien und lieber im "Kalifat" leben würden (The Guardian). Auch Forscher des Londoner Zentrums für Radikalisierungsforschung ICSR sagen, viele junge Muslime fühlten sich ihren Glaubensbrüdern im Nahen Osten näher als ihren britischen Nachbarn. Sie sprechen von einer "Generation Jihad".

Auch viele Mädchen und junge Frauen lassen sich begeistern:

1/12

3. Und der IS weiß genau, wie er sie ansprechen muss.

Die Terrororganisation arbeitet nicht mit langen, theologischen Texten – sondern lockt vor allem junge Muslime mit schnell geschnittenen Videos und Nachrichten auf Social-Media-Kanälen. Die Terrorgruppe spricht jene Generation britischer Muslime an, die sich für Moscheen kaum noch interessiert, sagt der Terrorexperte Shiraz Maher vom Londoner Zentrum für Radikalisierungsforschung.

Außerdem gibt es Menschen, die in Großbritannien persönlich Werbung für den IS machen: Eine der aktivsten Anwerberinnen ist die Britin Sally Jones. Die 47-Jährige betreibt unter dem Alias "Umm Hussain al-Britannija" Propaganda für den IS, ruft zu Anschlägen auf und will vor allem junge Frauen in den Nahen Osten locken. Sie soll zudem die Anführern der IS-Frauenbrigade sein. (Counter Extremism Project)

Eine andere berüchtigte britische Islamistin ist Samantha Lewthwaite, genannt "Weiße Witwe". Ihr Mann hat sich 2005 in der Londoner U-Bahn in die Luft gesprengt, sie selbst soll Drathzieherin eines Anschlags in Nairobi 2013 sein. (Daily Mail)

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL.

4. Einige der Radikalisierten ziehen in den Krieg – und kommen dann zurück.

Viele britische Islamisten fühlten sich in den vergangenen Jahren vom IS angezogen – vor allem ab 2014, als die Islamisten in Syrien und dem Irak ihr Kalifat ausriefen. Im August 2014 wurden Schätzungen veröffentlicht, wonach rund 2000 EU-Bürger nach Syrien und in den Irak ausgewandert waren, jeder vierte davon ein Brite (The Telegraph). 

Seither lag die Terrorwarnstufe in Großbritannien konstant bei "severe" – Behörden glauben, dass Anschläge "sehr wahrscheinlich" sind. Am Dienstag dann wurde sie auf "critical" erhöht, die höchste Stufe. Sie bedeutet, ein Anschlag "steht unmittelbar bevor" (MI5).

In den vergangenen zweieinhalb Jahren sollen noch einmal etwa 850 Menschen aus Großbritannien nach Syrien oder in den Irak gereist sein, um dort Terrororganisationen zu unterstützen oder sogar selbst für sie zu kämpfen. Unter ihnen sind Männer, Frauen und sogar Kinder; sie stammen aus unterschiedlichsten sozialen Verhältnissen. (BBC)

Etwa die Hälfte ist inzwischen wieder zurückgekehrt (BBC) – und zumindest von einigen von ihnen geht eine Gefahr aus (Brookings Doha Center).

1/12

5. Großbritannien kämpft im Nahen Osten gegen den IS. 

Nachdem der IS in Syrien und Irak eigene Gebiete erobert hatte, schmiedeten die USA ein internationales Bündnis im Kampf gegen die Terrormiliz. Großbritannien ist aktiv daran beteiligt – und fliegt Luftangriffe gegen Stellungen der Terroristen. (SPIEGEL ONLINE)

Bei diesen Angriffen sterben immer wieder auch Unschuldige (bento). Und der IS nutzt das für seine Propaganda: Er inszeniert die Luftangriffe als "Kreuzzug gegen alle Muslime". Darauf fallen auch junge Briten herein. Auch die britische Beteiligung im Irakkrieg ab 2003 wurde von der muslimischen Community daheim immer wieder kritisiert.

6. Und Großbritannien weiß nicht, wie es zu Hause mit seinen Radikalen umgehen soll.

Experten kritisieren die Politik: Zu lange wurden Parallelgesellschaften im Land ignoriert (FAZ), zu spät auf die Radikalisierung reagiert (The Guardian).

Meist kenne die Politik nur Gefängnis als Antwort auf Radikalisierung. Anstatt mit muslimischen Gemeinden zusammenzuarbeiten – und über die Gefahren des IS aufzuklären – würden auffällige Muslime zu schnell weggesperrt. So soll verhindert werden, dass weitere Islamisten als "Terrortouristen" das Land verlassen. "Ein Arrest kann aber den Deradikalisierungsprozess maßgeblich zurücksetzen", sagt ein Sicherheitsbeamter (Telegraph). 

Zusammenfassend kann man also sagen: 

Großbritannien kämpft mit ähnlichen Schwierigkeiten wie andere europäische Länder, allen voran Frankreich. Politik und Gesellschaft haben versäumt, junge Muslime besser zu integrieren und ihnen echte Chancen zu bieten.


Haha

Das Internet beschließt: Dieser Kult-Schläger soll die Kieler Woche eröffnen

24.05.2017, 12:49 · Aktualisiert: 24.05.2017, 19:07

"Hää Fugbaum!"

Falls es jemandem noch unklar war: Lass niemals im Internet darüber abstimmen, wie etwas heißen soll. Oder wohin du gehen sollst. Oder wer etwas tun soll. Also, eigentlich: Lass niemals im Internet abstimmen. 

Denn sonst heißt dein Forschungsschiff nachher "Boaty McBoatface", deine Pop-Tour führt nach Nordkorea und die Kieler Woche soll von einem legendären Kneipenschläger eröffnet werden

Bitte, was?!

Ja genau, die Kieler Woche, das weltbekannte Segel-Event und "größte Sommerfest Europas" mit drei Millionen Besuchern, braucht in diesem Jahr jemanden, der sie eröffnet. Eigentlich sollte der noch amtierende Ministerpräsident Torsten Albig den Job am 17. Juni übernehmen. Der hatte aber wegen der verlorenen Landtagswahl und schlechten Presse der letzten Wochen keine Lust mehr. (Welt)