Bild: dpa/Sedat Suna

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Im Überblick: Warum die Türkei die fliehenden Syrer aufhält

08.02.2016, 16:07 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Der Ort des Geschehens: Aleppo

Die Türkei spielt in der Flüchtlingsfrage derzeit ein gefährliches Spiel: Seit Tagen drängen sich Zehntausende Flüchtlinge an der syrisch-türkischen Grenze, doch Ankara hält die Tore geschlossen. Trotz Kälte, Elend und miserablen hygienischen Bedingungen: Nur Verletzte und Kranke dürfen durch.

Nun ist Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Türkei gereist. Sie will die Türkei als dauerhaften Partner bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise gewinnen – die Türkei will vor allem Geld. Der Ausgang der Verhandlungen dürfte darüber entscheiden, ob der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Grenze für Aleppo-Flüchtlinge wieder öffnen lässt.

Auf einer Pressekonferenz mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu in Ankara beklagte Merkel das "große Elend" der Syrer an der Grenze und kritisierte Russland hart für die Luftangriffe auf Aleppo: "Wir sind in den letzten Tagen nicht nur erschreckt, sondern auch entsetzt, was an menschlichem Leid für Zehntausende Menschen durch Bombenangriffe entstanden ist, vorrangig von russischer Seite.“

Der Ort des Geschehens:

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Wie wichtig ist Aleppo?

Aleppo war mit einst mehr als zwei Millionen Einwohnern die größte Stadt Syriens und ein bedeutendes Kultur- und Handelszentrum. Die Jahrhunderte alte Altstadt gehört zum Weltkulturerbe, der überdachte Basar war einer der architektonischen Höhepunkte Syriens. Heute sind davon nur noch Ruinen übrig. Von der türkischen Riviera, einer auch bei Deutschen beliebten Urlaubsregion, liegt Aleppo keine 100 Kilometer entfernt.

Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus der interaktiven Karte des Beobachters Agathocle de Syracuse vom Frontverlauf am 1. Februar:

Umkämpftes Aleppo: Rebellen (grün) im Nordwesten, der IS (schwarz) im Nordosten, Assad (rot) rückt mit Unterstützung von Russen, Iranern und der Hisbollah von Süden an, die Kurden (gelb) sind eingekesselt. Der Grenzübergang "Bab al-Salama" liegt zwischen Azaz und Kilis.

Umkämpftes Aleppo: Rebellen (grün) im Nordwesten, der IS (schwarz) im Nordosten, Assad (rot) rückt mit Unterstützung von Russen, Iranern und der Hisbollah von Süden an, die Kurden (gelb) sind eingekesselt. Der Grenzübergang "Bab al-Salama" liegt zwischen Azaz und Kilis. (Bild: Agathocle de Syracuse)

Neuere Beobachtungen gehen davon aus, dass Assads Truppen die Brücke nach Nubl (nordwestl. von Aleppo) geschlagen haben – der kürzeste Fluchtweg von Aleppo nach Norden ist somit gesperrt:

Im seit Frühjahr 2011 tobenden syrischen Bürgerkrieg entwickelte sich Aleppo schnell zur am härtesten umkämpften Stadt. Sie ist Hochburg vieler Rebellengruppen (grün), der syrische Präsident Baschar al-Assad (rot) will sie wegen ihrer wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung unbedingt halten. Mit der Ausbreitung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eröffneten Islamisten (schwarz) eine dritte Front, auch kurdische Einheiten (gelb) ringen um Einfluss.

Assads Truppen versuchen, die Rebellen und verbündeten Kurden im Stadtzentrum komplett einzukesseln. In den vergangenen Jahren waren die Kräfte relativ ausbalanciert, nun könnte eine Entscheidung zwischen Assad und den Rebellen herbeigeführt werden – ausgerechnet durch russische Luftschläge.

So sieht das Stadtzentrum mit der historischen Zitadelle heute aus:

Und so sah die Zitadelle einst aus:

(Bild: dpa/Rainer Jensen)

Auch Präsident Assad pflegt die Erinnerungen an das alte Aleppo. Diese Klinik-Eröffnung postete er unter #throwbackthursday auf seinem Instagram-Account:

Warum fliehen die Bewohner Aleppos?

Laut Schätzungen leben noch mehr als 300.000 Menschen in den von Rebellen kontrollierten Stadtvierteln. Seit Jahren werfen Assads Hubschrauber Fassbomben auf ihre Häuser. Diese Bomben zerstören ganze Häuserblocks und Straßenzüge und haben viele Zivilisten getötet oder verletzt. Seit Ende September bombardieren russische Jets das Gebiet. Kritiker werfen Moskau vor, weniger Stellungen der Dschihadisten als vielmehr der Rebellen anzugreifen – und damit Assads Bodentruppen in die Hände zu spielen.

Unterstützt von den russischen Bombardements stoßen am Boden mit Assad verbündete Milizionäre vor, vor allem Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon und Söldner aus Iran und Afghanistan. Zwar laufen einige Soldaten dem syrischen Regime davon (SPIEGEL ONLINE). Der Stadt Aleppo droht nun aber eine baldige Rückeroberung durch die Assad-Truppen, Zivilisten und Rebellen fliehen gen Norden.

Hier erfährst du mehr über die rivalisierenden Fraktionen im syrischen Bürgerkrieg:

Wo finden die Flüchtlinge Zuflucht?

Derzeit vor allem im Niemandsland vor den syrisch-türkischen Grenzübergängen. Genauer in "Bab al-Salama", auf deutsch "Tor des Friedens", direkt nördlich von Aleppo. Der Grenzort auf türkischer Seite heißt Öncüpinar.

Nach Angaben einer lokalen Hilfsorganisation sollen rund 50.000 Geflüchtete ohne ausreichend Hilfsmittel in der Kälte ausharren. Der Governeur von Öncüpinar sagte, allein zwischen Freitag und Samstag hätten 35.000 Syrer vor den Luftschlägen an der Grenze Schutz gesucht. Er schätzt, insgesamt könnten es bis zu 70.000 Flüchtlinge werden (SPIEGEL ONLINE), andere Quellen sprechen sogar von 80.000 (SPIEGEL ONLINE).


An der geschlossenen Grenze sind die Flüchtlinge noch nicht in Sicherheit: Laut der Assad-freundlichen Zeitung "Al Watan" stehen die syrischen Truppen bereits 13 Kilometer vor der Grenze, die Kontrolle über den gesamten Norden der Provinz Aleppo soll bevorstehen. Auch die unabhängige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet vom Vorrücken der Milizionäre im Norden (die Angaben der Beobachtungsstelle können nicht überprüft werden, haben sich in der Vergangenheit aber meist als zutreffend erwiesen).

Im Video zeigt die regimekritische Website "Shahba" die Lage vor der syrisch-türkischen Grenze:

Warum kommen die syrischen Flüchtlinge nicht weiter?

Die türkische Regierung lässt nur noch selten Flüchtlinge ein- und nach Norden weiterreisen, Öncüpinar und andere Grenzübergänge sind meist geschlossen. Die Türkei beherbergt bereits mehr als 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge (UNHCR) und verlangt von der Europäischen Union (EU) mehr Unterstützung. Dass Erdogan nun Zehntausende Flüchtlinge sehenden Auges vor den anrückenden Milizionären Assads ausharren lässt, scheint ein gewagtes Schachspiel zu sein: Er will offenbar Merkel zu neuen deutschen Milliardenhilfen für die Türkei bewegen. Die Bundeskanzlerin hatte bereits drei Milliarden Euro Flüchtlingshilfe zugesagt. Weiter wünscht sie sich, dass die Türkei ihre Grenzen besser schützt – allerdings nicht jene mit Syrien, sondern die Mittelmeerküsten, die Flüchtlinge überschreiten, um in die EU weiterzureisen.

Lies zum Thema EU-Grenzen auch unseren ersten "Ort des Geschehens":

Wie sich das Schicksal der Geflüchteten aus Aleppo entscheidet, liegt also auch daran, ob sich Merkel und Erdogan bei ihrem Hintergrundtreffen in Ankara am Montagnachmittag einig werden.

Es ist der zweite Ort des Geschehens:

Merkel und Erdogan beim offiziellen Empfang in Ankara

Merkel und Erdogan beim offiziellen Empfang in Ankara (Bild: Turkish President Press Office)

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