Style

Thighbrows sind die radikale Antwort auf Bikini-Body-Terror

24.02.2016, 15:18 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Speckröllchen für alle. Warum die "perfekte Bikini-Figur" diesen Sommer niemanden mehr interessiert

Das Internet als Klassenzimmer der massenmedialen Selbstrepräsentation hat in den vergangenen Jahren einiges gesehen: Selfies, Belfies, Thigh Gaps. Gebräunte Würstchenbeine am Strand von Mallorca und hockende Babos auf Mülltonnen.

Lange ging es darum, möglichst dünn zu sein

2013 wollten viele Frauen nichts lieber als eine Thigh Gap haben: Eine sichtbare Lücke zwischen den Oberschenkeln, die vor allem von der Stellung des Beckens - und nicht wie fälschlicherweise angenommen - vom Gewicht abhängig ist. Auf dem Tumblr-Blog "Fuckyeahthighgap" zeigten Frauen ihre zu Gunsten der Oberschenkellücke ausgemergelten Körper. Die Seite ist mittlerweile offline.

Stress no more

Umso schöner, dass wir diesen Sommer auch mal "etwas anderes" sehen werden: Thighbrows. Es handelt sich dabei um das Haut- und Fettröllchen, das an der Falte zwischen Bein und Po – also an der Hüfte – entsteht, wenn man kniet, sitzt oder sich nach vorne beugt. Moment. Hat das nicht jeder?

Doch, nur ist die individuell mal mehr, mal weniger ausgeprägte Thighbrow in den meisten Fällen mit Kleidung verdeckt. Neu ist, dass hochausgeschnittene und eng anliegende Badeanzüge seit 2015 wieder getragen werden, und man die vergessene Körperstelle deshalb bald häufiger sehen wird.

Beyoncé, Nicki Minaj, Rihanna und Kendall Jenner machen es seit September vergangenen Jahres vor. Dass sich die Superstars auch neben normkonformen Laufstegmodels nicht verstecken müssen, sollte man sich als Ottonormalfigurbesitzerin trotzdem vor Augen halten, wenn man dazu versucht ist, die eigenen Urlaubsfotos mit denen von Queen B zu vergleichen.

Muss das sein?

Menschen fotografierten, die Medien berichteten: Sind Selfies ein narzisstischer Schrei nach Aufmerksamkeit – oder, im Gegenteil - ein Akt der Selbstliebe? Diskussionen darüber sind mittlerweile so alt wie Kim Kardashians Covershooting für das PAPER Magazine. Wir erinnern uns an das berühmteste Belfie so far, das streng genommen gar nicht so heißen dürfte. Miss Kardashian-West hat ihr bestes Stück schließlich nicht selbst fotografiert.

(Bild: PAPER)

Alles eine Frage der Authentizität

Bildnisse unserer Selbst verschönern nicht nur den Alltag unserer Freunde, sondern wir bekommen die Chance zu zeigen, wer wir “wirklich sind”. Gerade "In Real Life" haben wir selten die Chance, intime Augenblicke aus unserem Privatleben zu teilen. Bleibt nur der Griff zum Smartphone, wenn man gerade halbnackt im Bett liegt.

Auf Instagram werden Fotos geshared, die das eigene Image als stilaffine Internet-Boheme nicht nur radikaler, sondern auch weitaus massenwirksamer und schneller branden. Dafür ist das fotolastige Netzwerk geeigneter als sein großer Bruder Facebook, auf dem sich aktuell vorwiegend Privatpersonen als Manager tarnen und umgekehrt.

Bye, Thigh Gap

User reagieren auf die ästhetisch ansprechenden Posen vor allem mit Nachahmung. Durch die fotografisch festgehaltene Wiederholung avancieren gewisse Posen (Russenhocke, Fish Gape, Duck Face) zum nonverbalen Code, der ein gewisses Trendbewusstsein suggeriert, ohne explizit darauf hinzuweisen. Fotos spiegeln die Normen der Gesellschaft wider, brechen sie, spielen mit ihnen.

Thighbrow ist die gütigere Thigh Gap

Seit 2013 hat sich in Sachen Schönheitsideale einiges getan. Selbst, wenn auf den Covern der Hochglanzmagazine noch immer viel zu wenig Diversität herrscht: Es gibt mittlerweile genügend Frauen, die mit ihren provokanten Fotos eine Anti-Bewegung zu Beauty-Accounts darstellen, die hauptsächlich mit Designer-Kaffeetassen und aufwändig geschminkten Gesichtern punkten.

Instagrammer wie Runningmermaids, Teenslut_Girlgang oder Arvida Byström hinterfragen durch die bewusste Inszenierung der scheinbaren Schwachstellen ein Schönheitsideal, dessen Erreichen in vielen Fällen mit einem hohen psychischen und körperlichen Aufwand verbunden ist.

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Auch im neuen Video zu "Work" von Rihanna feat. Drake kann man Gegentendenzen zu Size 0 erkennen. RiRi scheint kein Problem mit ihren "natürlichen" Formen zu haben und schafft mit Bildern wie diesen Platz für neue Körperbilder.

rihanna - work ft. drake from Daniel Bouquet on Vimeo.

Schminke ab, Hose runter: Teenslut_Girlgang sind Antikonen des Internets

No Strings attached

Für den Look braucht es Unterwäsche im Stil der Neunzigerjahre (hochausgeschnitten, über die Hüften gezogene Gummibänder) oder Half-Strings, die sich auch ideal für Belfies eignen. Ansonsten gilt wie sonst auch: Besser auf die Meinung der Hater zu verzichten.

Thighbrows sind sexy, unabhängig von Größe und Gewicht ihrer Trägerin. Sie befreien Frauen ein Stück weit vom Bikinibody-Terror, der seit Anfang Januar wieder auf den Titelseiten von Brigitte und Co. herrscht.

Bleibt zu hoffen, dass die für "perfekte" Thighbrows essentielle schmale Taille nicht zur neuen Problemzone stilisiert wird. Dafür macht faul im Schwimmbad liegen und Pommes essen auch einfach zu viel Spaß.

Weirdo continued