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Style

"Fish gape" ist das neue "Duckface"

19.11.2015, 18:02 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Die wohl meistgehasste Pose der digitalen Selbstdarstellung ist out, und das nicht erst seit gestern. Das von Kulturpessimisten und Hobbyvisagisten gleichermaßen belächelte "Duckface“ wurde erfolgreich von einer neuen Gesichtsmuskelübung abgelöst: dem "Fish gape". Sie trendet auch unter dem Namen "The Dick Sucking Face" oder "Swallow Face".

Endlich.

Ein kleiner Abstecher ins Internet 2007. Eine Zeit, in der man Selfies noch nicht als solche identifizierte und Teenager überall auf der Welt ihre unbeholfen in Paint Shop Pro 8 editierten Kunstwerke auf die Internetplattform ihres Vertrauens klatschten. Für viele war das SchülerVZ, die Plattform gilt mittlerweile als hoffnungsloser Fall. Ein von Personalrecruitern unentdeckter digitaler Friedhof unser aller Social Media Sünden.

Man denke nur an die Gruppe: "Ich bin 14 und fotografiere mich ständig von schräg oben." Da wurden Brüste zurechtgerückt und Lippen geschürzt, um dann ein oder eher siebenundachtzig schlecht belichtete Selbstportraits mit einer alten Nikon Coolpix zu schießen.

Das Duckface, englisch für Schnuten- oder Entengesicht, war ein Trend, der sich vorwiegend bei weiblichen Internetnutzern durchsetzte. Das Ziel der Duckfacer und Duckfacerinnen: selbstironisch und sexy wirken! Leider ging das meist ordentlich daneben. Duckfaces sind offiziell tot.

Der Wunsch, als fuckable zu gelten, hat nicht unwesentlich zur fotografischen Höchstleistung im elterlichen Badezimmer angespornt. Wo hätte die Fleischbeschauung abseits der Raucherpausen besser inszeniert werden können, als im gelegentlich zwischen Mathe Hausaufgaben und Sims 2 aufploppendem MSN-Chatfenster mit dem "Schwarm"? HDGDL.

Normschön, das waren damals wie heute Frauen mit langem, wehenden Haar, schüchternem Schlafzimmerblick und einladend zusammengepressten Lippen. Große, aufgerissene Augen, gepaart mit einem tiefen, aber bitte nicht zu tiefem Ausschnitt. Durch das Zusammenpressen der Lippen, wie es beim Schmollmund üblich ist, sowie dem gleichzeitigen Einsaugen der Wangen soll ein besonders kindlich wirkendes Erscheinungsbild entstehen. Das wirke nämlich attraktiver. Schmale Nase, große Augen, ausgeprägte Stirnpartie - das Kindchenschema wäre damit bestens bedient.

Retrospektiv betrachtet war das Gepose wahrscheinlich nicht ganz so cool, wie man der besten Freundin am Klubklo versicherte. Die damals als angemessen geltende visuelle Ästhetik sprach allerdings auch für das Tragen von blauem Lidschatten. Just sayin. Scrollt man heute durch Instagram, scheint es bei Frauen nur noch eine Pose zu geben: leicht geöffneter Mund, mit ein bisschen Zahn. The "Fish gape" was born.

Lewis schreibt in seinem Essay "Photography, Consumerism and Patriarchy“ über den Einfluss von Fotografie auf das Posing vor der Kamera: "A natural pose that may occur occasionally in a particular ‘real life’ situation becomes standardized once it is adopted by photographers.“ Eine gelegentliche, ja gar stereotypisierte Pose oder Geste wird zur gesellschaftlichen Konvention, sobald sich diese massenmedial wiederholt. Die durch Selfies sichtbar gemachte Wiederholung, die tagtäglich auf uns in sozialen Netzwerken einprasselt, führt dazu, dass wir diese als Nutzer nicht nur wahrnehmen, sondern auch nachahmen.

Das eigene visuelle Vorstellungsvermögen wird durch die unterschiedlichsten, oftmals medial übermittelten Reize geprägt. Sei es durch Musikvideos, Fotoshootings in Magazinen oder durch Fremde auf Social Media. Wir als aktiv am Internetdiskurs Teilhabende bekommen dadurch eine bestimmte Vorstellung davon, wie ein gutes Selfie im Jahr 2015 aussieht. Wie man den Mund öffnen, das Kinn heben, die Haare mit einem Arm lasziv hinters Ohr streichen sollte.

Oder wie MacDougall schreibt: Fotografien unser Selbst funktionieren wie Spiegel. Fotografien "doppeln" uns, wodurch wir eine Parallel-Welt kreieren. Sie repräsentieren uns, helfen aber auch dabei, uns mit uns selbst zu re-identifizieren.

Sich selbst in einer bestimmten Pose zu fotografieren, mag im ersten Moment unnatürlich und lächerlich erscheinen, manifestiert sich aber im Laufe der Zeit schnell zur Gewohnheit. Durch monatelange Berieselung mit Fischmund-Fotos auf Instagram passiert es beinahe automatisch, dass wir diese Pose an- und einnehmen.

Tipps für deinen perfekten "Fish gape":

  • Zähne putzen
  • Augen zusammenkneifen und zielsicher um die Linse herumschielen
  • Nase rümpfen, wie beim Müll runtertragen
  • Schlüsselbeine anspannen
  • Kiefer blockieren, zubeißen, aber nicht ganz!
  • An den letzten Herzschmerz denken

Fake it til you make it, lautet auch hier die Devise.