Bild: Jared Eberhardt / cc by-sa

Style

Der Tanga ist tot, lang lebe der Schlüpfer

14.12.2015, 17:12 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Auch eine Form von Feminismus: Die bequemen Granny Panties leiten einen neuen Umgang mit der eigenen Schönheit ein.

In Rot und Pink steht das Wort "Feminist" auf ihren Hintern. Keine Retusche, keine Models. Die Gründerinnen des Labels Me & You, Julia Baylis und Mayan Toledano, werben selbst für ihren Bestseller, den "Feminist"-Schlüpfer, der seit seinem Release im April immer wieder ausverkauft ist und nachproduziert werden muss.

Baylis und Toledano gehören zu einer neuen, jungen Generation von Feministinnen, die online eine neue Ästhetik, neue Schönheitsideale und ein neues Verständnis vom Frausein entwickelt. Es ist vor allem ein neues Sexy, das sich in den unretuschierten, spontan wirkenden Belfies (Po-Selfies) der beiden Mittzwanzigerinnen widerspiegelt.

Die beiden Frauen sind Teil des Kollektivs The Ardorous von Petra Collins, das jungen Künstlerinnen online eine Plattform bietet. Collins selbst ist durch ihre Arbeit als Fotografin, aber auch durch ihr Instagram-Profil, das nach dem Herausblitzen von Schamhaaren gelöscht wurde, zum Synonym einer Bewegung geworden, in der Körperbehaarung und Glitzer, Selbstbestimmung und rosa Mädchenzimmer perfekt harmonieren.

Über Jahrhunderte hat sich die weibliche Mode oft dem männlichen Blick angepasst: Die Stellen werden betont, die Männern besonders gut gefallen. Versteckt wird, was nicht ideal ist. Geformt, gepusht, gerafft, gestützt, verändert.

Korsett, Mieder und Push-Up haben versucht, den Körper in ein Ideal zu zwängen, das es so gar nicht gibt. Und selbst als sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Unterhose für die Frau etablierte, musste sich auch diese an den Wünschen des Mannes und nicht an denen der Frau anpassen. Bis in die Neunzigerjahre hinein wurde der Slip immer knapper, R&B-Künstler Sisqó sang sogar mit "Thong Song" einen Lobgesang auf den Tanga.

Und heute?

Gerade erst hat der H&M-Ableger &Other Stories seine neue Lingerie-Kampagne präsentiert. Darin zeigen drei ganz normale und gerade deswegen schöne Frauen mit Narben, Tattoos, Muttermalen und Körperbehaarung die neue Unterwäschekollektion des Labels, die ganz ohne Tanga und Push-Up-Effekt auskommt (zu sehen bei This Is Jayne Wayne).

Marken wie Hello Beautiful werden immer beliebter, das Label verkauft schlichte Baumwollslips an Kundinnen wie Chloë Sevigny oder i wanna, das nun auch den störenden Push-Up durch BHs ersetzt, die nirgends zwicken oder einengen. Die Marke Lonely Lingerie ruft in ihrem Lonely Girls Project sogar dazu auf, ein Foto von sich in natürlicher Umgebung und der Lieblingsunterwäsche auf Instagram zu posten – als Liebesweises an sich selbst.

Aber egal, ob ein ganzes soziales Netzwerk, der Partner oder niemand den Schlüpfer sieht: Die Wünsche der Trägerin und nicht die des Betrachters stehen jetzt im Vordergrund.

Nach Mom-Jeans und Birkenstocks, nach Man-Repelling und der BodyPositive-Bewegung ziehen sich junge Frauen immer öfter für sich selbst an, während die erzwungene Erotik der Gemütlichkeit weicht und veraltete Schönheitsideale Platz machen für Selbstbestimmung. So spiegelt Unterwäschenmode einen neuen Zeitgeist wider, der Feminismus kommt nun auch unten drunter zum Tragen.

Langsam löst sich die Bekleidungsindustrie von der Idee, dass nur Leopardenmuster mit pinker Umrandung oder schwarzer Spitze sexy sein kann. Auch große Modeketten setzen immer mehr auf bequeme Highwaist-Slips und BHs, die Körperteile lassen, wie sie sind – anstatt noch eine Portion Busen dazuzudichten.

Es ist das Ende des Tangas, das die Ära der Granny Panties und einen neuen Umgang mit der eigenen Schönheit einläutet. Mädchen wollen nicht leiden für ein Ideal, nicht eingeengt oder verändert werden. Und gleichzeitig die Freiheit genießen, weiter in Tangas herumzulaufen, wenn es ihnen selbst gefällt.

Und noch etwas darf jetzt verbannt werden: das Wort "Liebestöter". Denn es gibt nichts Tolleres, als jemanden, der sich wohlfühlt in dem, was er trägt.