Style

Was soll eigentlich diese "Russenhocke"?

12.02.2016, 16:20 · Aktualisiert: 27.05.2016, 10:55

Dein Cousin hockt, Rapper Yung Hurn und Beyoncé auch. Eine Pose, die entfernt an einen Toilettenbesuch im vietnamesischen Budget-Hostel erinnert, ist zum massentauglichen Fotomotiv avanciert: die "Russenhocke". So nennt man sie zumindest seit Neuestem in Deutschland. Künstler nehmen sie ein, wenn ein wichtiges Shooting ansteht. Aber auch Instagram ist voll von kreativen Nachahmern.

(Bild: Crack Ignaz - Gwalla (prod. Lex Lugner)

Dabei kann prinzipiell überall gehockt werden, wo die Beinmuskulatur mitmacht. Auf Leitern, auf einem Sockel vor dem Museum oder, ganz klassisch: auf Langhanteln. Es sei denn, man ist Queen B, dann geht auch ein sinkendes Polizeiauto.

(Bild: Beyoncé - Formation)

Warum hocken jetzt alle?

2016 wird gehockt, weil die Pose offensichtlich als ästhetisch ansprechend empfunden wird. Sie ist zum nonverbalen Code avanciert, der ein gewisses Trendbewusstsein suggeriert, ohne explizit darauf hinzuweisen. Wer hockt, wird im Internet von seinesgleichen akzeptiert und für gut befunden. Älter als 30 sind dabei die wenigsten.

Der Wissenschaftler Charles Lewis schreibt in seinem Essay "Photography, Consumerism and Patriarchy" über den Einfluss von Fotografie auf das Posing vor der Kamera: "A natural pose that may occur occasionally in a particular ‘real life’ situation becomes standardized once it is adopted by photographers." Eine gelegentliche, ja gar stereotypisierte Pose oder Geste wird zur gesellschaftlichen Konvention, sobald sich diese massenmedial wiederholt.

Das kennen wir schon vom Duckface (Die Lippen leicht spitzen und zusammenpressen), das 2015 endgültig vom Fish Gape (Mund lasziv offen) abgelöst wurde.

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Bevor eine Geste oder Pose als Meme im Internet landet, gibt es zuerst einen kleinen Kreis an Menschen – die early adopters. Sie nehmen die Pose ein und verbreiten sie via sozialen Medien im Netz. Damit grenzen sie gleichzeitig jene Betrachter aus, die den Code nicht kennen.

Jonas Wgnr: "Ich könnte die Russenhocke anbieten, Modell "Karnevalskegeln", 2016er Jahrgang 󾌵"Haha musste so lachen 󾌴 geile Truppe! Ist das ein Affe da hinten? 󾇎󾌴

Posted by Russenhocke on Freitag, 5. Februar 2016

Der Höhepunkt ist erreicht, wenn die Pose im Mainstream anlagt, danach beginnt der Coolness-Faktor stetig zu sinken. So lange, bis es irgendwann lächerlich wirkt. Spätestens in fünf Jahren dürfen wir uns also wieder über uns selbst lustig machen. Oder, wie Noisey-Autor Bauce Sauce es beschreibt: "It first begins as a genuine appreciation of a thing, then it shifts into an ironic appreciation, which at that point the decline begins." (NOISEY)

Naa wer würde auch gerne mit ihm eine Russenhocke machen? Putin weiß wie die (Putin-)Hocke geht! 8-)

Posted by Russenhocke on Freitag, 11. Dezember 2015

Ist die Russenhocke schon Mainstream?

Schwer zu sagen. Die ersten Mainstream-Tendenzen lassen sich schon beobachten: Beyoncé hat sich in "Formation" auf den Polizeiwagen gehockt. Putin hockt auch.

Gleichzeitig gab es erst im Januar auf der Facebook-Seite "Russenhocke" die erste Russenhocke-Challenge, bei der User ihre Fotos einsenden konnten. Die Gruppe zählt aktuell erst rund 1400 "Gefällt mir"-Angaben, die Anzahl der eingesandten Bilder hielt sich dementsprechend im Rahmen. Ein Hype sieht anders aus. Das Bild mit den meisten Likes (139) wurde mit einem 20 Euro Amazongutschein entlohnt. Die Gewinner, Sasha und Ivan, grübeln noch heute, welche Jogginghose sie sich davon kaufen sollen.

Vermutlich wird uns die Hocke also noch eine Weile im Internet begleiten.

Gab es die "Russenhocke" nicht schon früher?

Ja, die Russenhocke gibt es nicht erst seit gestern. Ob sie lediglich eine abgewandelte "Rap Squat" oder kulturell einem ganz anderen Milieu zuzuordnen ist, wird noch diskutiert. Jedenfalls hat die "Raphocke" schon in den Neunzigern und frühen Zweitausenderjahren an popkultureller Relevanz gewonnen, als Künstler diese für Albumcover nutzten.

Die "Rap Squat" auf HipHop-Covern

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Etabliert und weiteradaptiert wurde die Pose von Gefängnisgangs. Auch im Nahen Osten und in Südostasien ist die Hocke weit verbreitet. Dort dürfte die Haltung vor allem eine Frage der Kleidung sein: Männer tragen hier oft Wickelröcke oder – im arabischen Raum – ein thaub oder dischdascha genanntes Gewand. Mit dem hockt es sich einfach entspannter als in Jeans.

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Die Russenhocke ist nicht nur ideal, um sich bequem im Sitzen zu betrinken, während man auf den Nachtbus wartet, sondern transportiert auch ein gewisses Imponierverhalten. Gleichzeitig schließt die Pose andere aus – ähnlich wie Kleidung: Wer nicht hockt, gehört nicht dazu. Mit den Bros am Boden hocken ist wie damals Kettenrauchen im Hinterhof.

Wo genau der Unterschied zur "Rap Squat" liegt, ist für den kulturell distanzierten Laien nicht auf den ersten Blick erkenntbar. Sicher ist, dass man die Hände bei der Russenhocke nicht mehr wie zum Beten aneinander presst – wie einst Justin Bieber – sondern die Ellbogen an den Knien abstützt und die Hände dabei locker nach vorne fallen lässt.

In Russland ist die "neue Hocke" innerhalb der Gopnik Subkultur beliebt. Kriminelle Jugendliche aus der Arbeiterklasse werden dort als Gopniki bezeichnet. Ähnlich wie die Nachahmer der "Rap Squat" spielen die auf Hochhäusern hockenden Freizeit-Rapper auf ironische Weise auf working-class Attribute wie billigen Alkohol, Jogginghosen und Silberketten an.

Der Begriff "Russenhocke" selbst ist in gar keinem Fall abwertend gemeint, im Gegenteil. Alle wollen chillen wie die Russen. Oder die, die sich mit Polo-Kappe und Markenturnschuhen als solche ausgeben. Nicht nur die Pose festigt dieses stereotype Bild, auch ein gewisser Streetwear-Fetisch ist für die mehr oder minder geglückte Aneignung der Prollkultur essentiell. Die kulturellen Codes kennend, versuchen sich Kinder der Mittel- und Oberschicht als stilbewusste Edeledition der ansonsten Gemiedenen zu präsentieren. Fehlt nur noch die Ai Weiwei Vase.

Wie alle Internetphänomene ist auch die “Russenhocke" nicht vor unwürdigen Nachahmungen gefeit. Sobald deine älteren Geschwister damit anfangen, weißt du: Es wird Zeit, das Profilbild zu wechseln.

Noch mal zum Nachlesen

So geht’s:

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Ein Bein kommt nach vorne, die Ferse des zweiten Fußes ungefähr zehn Zentimeter hinter den Oberkörper.

Für Fortgeschrittene: Posen wie ein Könner

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So nicht

Wer zu faul zum Hocken ist, ist der Pose nicht würdig. Next.

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