Style

Eine Taille, so schmal wie ein A4-Blatt

20.03.2016, 13:53 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Wie die "Paper Waist Challenge" unerreichbare Standards setzt

Es ist wieder soweit: Nach den langjährigen Bestrebungen für mehr Diversität im Model-Business (Ashley Graham auf dem Cover der "Sports Illustrated") und Kampagnen von großen Seifenherstellern (Love Yourself) setzt das Internet lieber wieder auf seine ganz eigenen Schönheits-Ideale.

Wer die Tage auf Instagram unterwegs war, kam nicht drum herum: Junge Frauen halten ein Din-A4-Blatt vor ihre Taille um zu beweisen, wie dünn sie sind. In diesem Fall: so dünn wie ein Blatt Papier. Sie fotografieren sich damit vor Spiegeln und vertaggen die Fotos mit #A4waist. "Paper Waist Challenge" lautet der Name der umstrittenen Beauty-Herausforderung, die den Gewinnern suggerieren soll: Ich entspreche dem Schönheitsideal. Ich habe gewonnen.

Die Challenge besteht nur, wessen Taille hinter einem A4-Blatt nicht mehr sichtbar ist. Zur Erinnerung: Das Blatt misst 21 mal 29,7 Zentimeter und befindet sich normalerweise im Bauch von Kopiergeräten. Durch die Zweckentfremdung eines Materials, das ursprünglich für die Verbreitung von Texten vorgesehen war, wird ein neuer Gradmesser für Schlankheit geschaffen. Die Challenge kommt ursprünglich aus Asien, mittlerweile ist sie auch in Europa angekommen.

Leider ist die “Paper Waist Challenge” nicht die erste “Herausforderung”, die Frauen mit ihren Körpern im Internet absolvieren können. Wir erinnern uns an die “Belly Button Challenge”, die “Collar Bone Challenge”, die “Bikini Bridge Challenge” und nicht zu vergessen: Die "Thigh Gap"-Challenge. Alle hatten sie eines gemein: Sehr schlanke Körperteile in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken und diese als makellos zu etikettieren.

Wer von Haus aus über einen eher kleinen und schmalen Körperbau verfügt, kann die “Challenges” mit ein wenig Baucheinziehen und dem richtigen Kamerawinkel relativ einfach meistern. Alle anderen werden die Herausforderung schon alleine deshalb nicht schaffen, weil es für sie anatomisch nicht möglich ist. Die Breite des Brustkorbs kann auch mit etlichen Diäten nicht verschmälert werden.

Nur weil ein Mensch die auf Instagram inszenierte “Herausforderung” besteht, bedeutet das nicht, dass er über einen gesünderen, besseren oder schöneren Körper verfügt als jemand, der scheinbar daran scheitert.

Der Begriff “Challenge” steht im Deutschen für eine Probe, einen Wettstreit oder eine Aufgabe – und passt schon alleine deshalb nicht, weil Körper nicht im herkömmlichen Sinne "gewinnen" oder "verlieren" können. Sie sind da, jeder in seiner ganz eigenen Ausformung und Schönheit. Die Normierung von Körpern durch Trend-Challenges führt dazu, dass unrealistische Standards nicht nur weiter aufrecht erhalten werden, sondern auch noch massenmediale Verbreitung finden.

Immerhin, der Dialog ist eröffnet. Frauen reagieren mal humoristisch, dann wiederum sehr ernsthaft auf die “Paper Waist Challenge” – und schaffen es so auf ihre eigene Weise, nicht an den Ansprüchen anderer zu verzweifeln.

So schreibt zum Beispiel eine Userin:

"Mein Beitrag zur #A4waist ihr Clowns. Leider keine Hand mehr frei, um den Mittelfinger zu zeigen. Ich hab ne #A3waist (und wenn es 10x so viel wäre… na und?) Wie kommt man denn auf so kranke Schönheitsideale? Mein jüngstes Kind hat nicht mal eine A4waist."

Hier hat es zumindest für den Mittelfinger gereicht.

Unter #Stopa4Waist versuchen User auf Twitter und Instagram, auf die Gefahren des Trends aufmerksam zu machen.

Spieglein, Spieglein an der Wand: