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Bild: Fabian Hart

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Pali-Tücher sind aus gefährlichem Stoff

19.10.2015, 15:32 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Das Pali-Tuch ist mehr als ein Schal mit lässigem Print: Man wirft sich damit ein politisches Statement an den Hals.

Es gibt Teile, die kann man einfach nicht tragen: Leinenhosen, Karo-Shorts, Pullis mit V-Ausschnitt. Die sind unerträglich. Und dann gibt es Teile, die darf man nicht tragen. Sie sind untragbar, aus unterschiedlichen Gründen. Hakenkreuze. Militärmode. Und Palästinensertücher.

Während sich die meisten einig sind, dass Hakenkreuze an jedem scheiße aussehen, wird Soldatenkleidung oft genug als Military-Chic beschönigt. Kufiyas wiederum, also Pali-Tücher, tragen viele als Statement Piece zur Jeans. Dabei muss man kein Nahost-Experte sein, um zu verstehen, dass man sich da vor allem ein politisches Statement um den Hals wirft. Hartnäckig hält sich die Kufiya in Mode, derzeit macht sich das Würfelmuster sogar auf T-Shirts und Kleidern breit. Es wird als lässiger Print promotet, als arabisches Bandana.

Nun mag die Geschichte der Kufiya zwar als harmlose Kopfbedeckung arabischer Feldarbeiter begonnen haben - aber vor knapp achtzig Jahren wurde daraus gefährlicher Stoff. Damals, in den 1930ern, war Mohammed Amin el-Husseini Großmufti von Palästina. Der Typ war ein Bewunderer Hitlers, und die Kufiya setzte er als Erkennungszeichen für arabische Männer durch.

El-Husseini hat dazu aufgerufen, dass alle Araber Palästinas ein Pali-Tuch tragen sollen. Sein Plan war die Abgrenzung von Juden, ihre Vertreibung aus Palästina und der Aufstand gegen die Kolonialmacht Großbritannien. Allein diese Geschichte macht es der Kufiya unmöglich, zurück zu einem tragbaren Image zu finden. Sie ist bis heute ein Zeichen für Nationalismus, Kampfbereitschaft und Anti-Zionismus.

Auch der ehemalige Palästinenserführer Jassir Arafat trug Pali-Tücher.

Auch der ehemalige Palästinenserführer Jassir Arafat trug Pali-Tücher. (Bild: dpa / Gerry Penny)

Natürlich darf man nicht jeden Araber bashen, der heute Kufiya trägt. Immerhin bleibt das Tuch Teil einer kulturellen Identität, aber als Deutsche/r in Böblingen macht das soziokulturell einfach wenig Sinn. Grobe Umdeutungsversuche, die vor allem auf Jassir Arafat in den 1990ern zurückgehen, übrigens auch nicht. Der frühere Palästinenser-Chef trug Kufiya und bekam einen Friedensnobelpreis für seine Gespräche mit Israel. Aber er war eben auch Mitbegründer der Fatah, die jahrzehntelang israelische, jordanische und libanesische Menschen terrorisierte. Die Kufiya als neue Botschaft des Friedens anzuerkennen, bleibt also ein schwieriges Manöver. Auch für Linksautonome und Punks, die sie als Zeichen des Aufstands, der Selbstbestimmtheit, Freiheit und Anti-Amerikanisierung deuten.

Das Problem ist auch, dass Nazis das Pali-Tuch als generellen Ausdruck für Judenhass missbrauchen, von Volksbefreiung schwadronieren und es generell begrüßten, würde jedes Volk unter sich bleiben.

Tatsächlich ist es so: Wer Kufiya oder auch nur Kufiya-Muster trägt, bringt sich um Kopf und Kragen. Das Teil bleibt hochpolitisch und viel zu komplex, um als unpolitisches Accessoire durchzugehen. Auch wenn die Schals, Shirts und andere Teile, die einen auf Pali machen, durchaus stylo sein könnten (vor allem wenn sie aus gemütlichem Kaschmir sind).

Jeder, der behauptet, in einer Kufiya unpolitisch zu sein, outet sich als ignorant und oberflächlich. Deshalb gibt es für die Kufiya nur einen einzigen Styling-Tipp – lasst sie einfach hängen.

(Bild: Ben Lamberty)

Fabian Hart aus Hamburg kommentiert Moden und andere Ausdrucksmedien. In seiner Kolumne „Hart dagegen“ erlegt er pseudotrendige Modeerscheinungen – und entdeckt dabei immer wieder Wahrheiten über die Art, wie wir leben. Mehr von ihm gibt es in seinem Blog.

Zur Info: Ursprünglich stand in dem Text, Araber seien gezwungen worden, Pali-Tuch zu tragen. Großmufti El-Husseini hat aber nur dazu aufgerufen. Wir haben das korrigiert.

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