19.05.2016, 10:43 · Aktualisiert: 22.05.2016, 16:18

Früher einmal ließ sich die Emanzipation einer Frau an ihrer Rocklänge ablesen. Oder an ihren Schulterpolstern: je ausladender, desto emanzipierter. Heute ist Mode viel persönlicher. Genau wie jede Frau ihr Leben individuell gestalten möchte, wählt auch jede genau das aus, was sie tragen will. Einige mögen es pink, andere plakativ.

So verkauft beispielsweise die Amerikanerin Candace Reels, Gründerin der Seite Female Collective, in ihrem Shop T-Shirts mit Slogans wie "Mind Your Own Uterus" oder "More Feminism – Less Bullshit". Und die kanadische Künstlerin Petra Collins vereinte zusammen mit der Modemarke American Apparel gleich zwei Tabus auf einem T-Shirt: Sie illustrierte eine menstruierende und masturbierende Frau.

In der Fotostrecke: So sieht Feminismus auf Instagram aus

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Noch immer gilt die Modewelt als oberflächlich, gerade in Deutschland. Dennoch kann Kleidung als Medium direkt eine Meinung, ein Statement vermitteln, oder sogar zeigen, welcher Subkultur man angehört. So projizieren wir unsere Haltung und unsere Gefühle auf unsere Textilien und können jeden Tag eine neue Identität anziehen.

"Kleidung hat wichtigere Aufgaben, als uns zu wärmen. Sie verändert unseren Blick auf die Welt und den Blick der Welt auf uns", das hat die britische Schriftstellerin Virginia Woolf mal gesagt. Ihr Essay "Ein Zimmer für sich allein“ zählt zu den am meisten zitierten Texten der Frauenbewegung.

Mode ist also immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft und der Gegenwart. So veränderte sich mit der Emanzipation der Frau auch ihre Kleidung: Anfang des 20. Jahrhunderts befreiten sich Frauen aus Korsetts und sperrigen Röcken, Coco Chanel half ihnen in Hosen und der Minirock begleitete in den Sechzigerjahren die sexuelle Befreiung der Frau.

Engagiertes Model: "We can match the machos", fordert Cara Delevingne

Engagiertes Model: "We can match the machos", fordert Cara Delevingne (Bild: Getty Images / Frazer Harrison)

Designer lassen sich davon beeinflussen, was wir erleben, worüber wir reden und was in der Welt passiert. Kein Wunder also, dass der Feminismus heute in der Mode so präsent und auffällig ist wie schon lange nicht mehr.

Denn durch Frauen wie Beyoncé oder Emma Watson hat ein neuer, plakativer Feminismus den Mainstream erreicht. Seitdem ist er auch aus der Mode nicht mehr wegzudenken: Für die Chanel Frühlings- und Sommerkollektion 2015 inszenierte Karl Lagerfeld einen Protestmarsch. Models um Cara Delevigne liefen mit Megafon und Schildern und den Aufschriften "Ladies First", "Divorce pour tous" oder "We can match the machos" über den Laufsteg.

Viele Feministinnen machten sich danach Sorgen um den richtigen Umgang mit dem Thema. Bloggerin Susie Lau von Style Bubble fragte in ihrem Blog: "Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig, den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist."

In der Fotostrecke: Diese Models stehen für Persönlichkeit

Getty Images / Pascal Le Segretain
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Natürlich kann es sein, dass Designer und Unternehmen den Feminismus nur ausnutzen, um den Konsum anzukurbeln. Aber passiert dadurch nicht auch gleichzeitig das Gegenteil? Der Feminismus profitiert davon, endlich einmal Aufmerksamkeit von einem großen Publikum zu bekommen. Das angestaubte Image ist weg, Feminismus findet jetzt auch als Print auf T-Shirts und als Schnappschuss auf Instagram statt.

Denn viele junge Modeschöpferinnen und Künstlerinnen nutzen auch das Netz, um ein neues Bild von Weiblichkeit zu zeigen. So ermutigen die beiden Fotografinnen Arvida Byström und Petra Collins mit ihrer pastellfarbenen, ungeschönten Bilderwelt junge Mädchen: Du bist genau richtig, wie du bist.

Auch das schwedische Label Acne brachte im vergangenen Herbst Sweater für Männer mit Prints wie "Gender Equality", "Radical Feminist" oder "Women Power" in die Läden. Und der amerikanische Designer Rick Owens thematisierte den Zusammenhalt und den Einfluss unter Frauen, indem er seine Models auf der Spring/Summer 2016 Show einander als menschliche Rucksäcke tragen ließ.

In der Fotostrecke: Wenn Menschen Menschen tragen

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Diesen Support haben auch die Hamburger Journalistinnen vom Online-Magazin femtastics erkannt und gemeinsam mit dem Label Black Velvet Circus ein T-Shirt designt, das den Support in einem schlichten Schriftzug zusammenfasst: Girl Gang.

Anstatt uns also in Perfektion zu uniformieren, kleiden wir uns in Girlpower

Es sind direkte Botschaften wie diese, die die heutige Mode von denen der Frauenbewegungen der vergangenen Jahrzehnte unterscheidet. Jetzt, wo jeder Trend schon einmal da gewesen ist, und Schulterpolster eher an ein Revival der Achtzigerjahre als an die Rechte der Frau erinnern, braucht es klare Statements, um auf den Feminismus aufmerksam zu machen. Eine Art Pop-Feminismus, der laut "Girlpower" schreit, sich den Feminismus in Großbuchstaben auf die Unterhose (bento) schreibt - und vielleicht genauso schnell verschwinden wird wie jeder andere Trend heutzutage.

Oder er bleibt. Weil es gar kein Trend ist, der hier und heute passiert, sondern ein Umbruch. Auch das Schönheitsideal löst sich so langsam vom Einheitsbrei der immer gleichen dünne, weißen Models. Charakterköpfe und unterschiedliche Frauen sind immer öfter in Kampagnen für Modehäuser zu sehen, die für Persönlichkeit statt für Makellosigkeit stehen.

Anstatt uns also in Perfektion zu uniformieren, kleiden wir uns in Girlpower. Wir unterstützen uns gegenseitig, gehen individueller mit der Mode um und lassen jede genau das tragen, was ihr gefällt.

Vielleicht ist es gerade das, was diesen neuen Feminismus ausmacht. Dass jeder mitmachen darf, auch ohne über die Texte von Judith Butler oder Simone de Beauvoir, den beiden großen Feminismus-Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts, zu diskutieren. Dass wir das Recht haben, unsere eigene Art des Feminismus ohne festgelegte Regeln oder Kleiderordnungen zu kreieren – und diesen durch unsere Klamottenwahl ausdrücken. Dass sich Frauen endlich für sich selbst anziehen anstatt für andere und sich dabei gegenseitig unterstützen.

Sei es im rosafarbenen Mini-Kleid, im Hosenanzug oder in Acnes "Radical Feminist"-Sweatshirt.

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Ägyptisches Flugzeug stürzt über Mittelmeer ab – Terrorakt nicht ausgeschlossen

19.05.2016, 09:40 · Aktualisiert: 19.05.2016, 17:41

Über dem Mittelmeer ist am Donnerstagmorgen eine Passagiermaschine von EgyptAir abgestürzt. Das Flugzeug mit 66 Menschen an Bord sei auf dem Weg von Paris nach Kairo gewesen, teilte die Fluggesellschaft via Twitter mit.

EgyptAir meldet, die Maschine sei um 2.45 Uhr am Donnerstagmorgen kurz nach Eintritt in den ägyptischen Luftraum vom Radar verschwunden. Zu diesem Moment sei sie in einer Höhe von etwa 11.000 Metern unterwegs gewesen. Laut dem griechischen Verteidigungsministerium geriet sie dann in starkes Taumeln und sank auf unter 5000 Meter ab – bevor der Kontakt komplett abbrach (SPIEGEL ONLINE).