Bild: Ben Lamberty

Style

Schluss mit Skinny! Warum du neue Jeans brauchst

01.10.2015, 07:05 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Schonungslos hat die Skinny Jeans unsere Toleranzgrenzen geweitet - jetzt hat sie ihre Aufgabe erfüllt. Hängen lassen!

Das erste Testimonial für Skinny Fit mag Napoleon Bonaparte gewesen sein. Okay, seine knallengen Franzosenhosen waren nicht aus Denim, und Elasthan wurde auch erst im 20. Jahrhundert erfunden. Aber immerhin saßen seine Culottes schon damals derart spack, dass man sie am unteren Ende aufknöpfen musste, um einzusteigen. Wir können bei Napoleons Beinkleidern also getrost von der Ur-Skinny sprechen.

(Fun Fact: Napoleon hatte einen BMI von 27. Er war echt klein, etwa eins siebenundsechzig groß, und bei 76 Kilo ansatzweise übergewichtig – traut bloß der Schönmalerei nicht.)

(Bild: Getty Images / Hulton Archive)

So viel zur Geschichte, die beweist, dass skinny tragen nicht skinny macht. Und auch nicht größer, athletischer oder eben graziler und zerbrechlicher. Eine enge Jeans ist keine Shapewear. Bonaparte sah auf seinem Pferd nicht erhabener aus als die Leggings-Frau vor euch auf dem Fahrrad. Nicht besser als der Typ im Bus neben euch mit Muffin Top.

Skinny Fit zeigt jede Kurve und jeden Knochen, die volle Vielfalt menschlicher Physiognomien. Schonungslos hat sie unsere Toleranzgrenzen geweitet, und viele litten in ihr als mutige Opfer von Fat- und Thin Shaming. Heute, endlich, ist Skinny Fit eine Form für Alle: Unter-, Über- und Normalgewichtige, Wohl- und Überproportionierte, Kurz- und Langbeinige, große, kleine und flache Ärsche. Wir haben uns daran gewöhnt. Aber woher kommt er überhaupt, dieser Drang des Menschen, sich in hautenge Hosen zu pressen?

Die Antwort liegt, wie schon zu Napoleons Zeiten, in der Revolution. Es ist die Möglichkeit, sich im nächsten Schritt vom Textil zu befreien, das man eben noch so schick gefunden hat. Klingt völlig irre, ist aber schon mehrfach passiert: in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Beispiel den schmalen Mods und Rockers durch den Schlag der Hippies. Die Karottenjeans wurden in den Achtzigern durch das Revival der entspannten 501 abgelöst, und schon in den Neunzigern sahen Bon Jovi neben Kris Kross echt alt aus. Seit den 2000ern wechseln die Moden schneller als zuvor, es gibt sie nur noch im Plural und trotz der neuen Vielfalt scheint die Masse auf skinny hängengeblieben. Dabei hat sie für dieses Jahrzehnt ihre Aufgabe längst erfüllt.

Die Mode der gerade laufenden Saisons, also Herbst/Winter 2015 und Frühjahr 2016, hat neuen Stoff zu bieten. Von der Marlenehose bis zur Straight Fit, von der Baggy bis Funktionsgear werden Models in allen Formen behost. Sogar eine weite Form der Culotte Napoleons erfährt ihre Renaissance. Die Skinny aber, ohne Scherz, können wir echt erst wieder in den 2020ern als Vintage tragen. Und bis dahin einfach hängen lassen.

(Bild: Fabian Hart)

Fabian Hart aus Hamburg kommentiert Moden und andere Ausdrucksmedien. In seiner Kolumne „Hart dagegen“ erlegt er pseudotrendige Modeerscheinungen – und entdeckt dabei immer wieder Wahrheiten über die Art, wie wir leben. Mehr von ihm gibt es in seinem Blog

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

Unsere Autoren und Redakteure argumentieren klar, meinungsstark, manchmal polemisch. Unsere Kommentare sind, das liegt in der Natur der Sache, absolut subjektiv und müssen nicht der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen. Wir wollen weder unseren Lesern noch unseren Kollegen vorschreiben, wie sie über einen Sachverhalt zu denken haben; wir wollen zur Debatte anregen – und freuen uns auf den Dialog. (Mehr Fragen und Antworten zum Redaktionsalltag findet ihr hier: FAQ)