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Schminke ab, Hose runter: Teenslut_Girlgang sind Anti-Ikonen des Internets


06.01.2016, 16:24 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Über Butt-Pics im Zeitalter visuell dominanter Kultur

Majonaise mögen sie, Pokemon und Glitter auch. Manchmal machen sie Kunst, mit dem iPad. Auf den Selfies von Teenslut_Girlgang sieht man mehr Brust als Gesicht, aber das macht nichts. Solange das Smartphone beim Shooting nicht in die Badewanne fällt.

Wenn man durch die sassy Fotos von Teenslut_Girlgang scrollt, bekommt man eine Mischung aus Bergwelt und radikalem Hedonismus präsentiert. Die nächste Party scheint nur einen Schlüpfer entfernt. Die Gang besteht aus Alexis, Bella und ihren fabelhaften "bois and gurls“, die regelmäßig auf den Fotos auftauchen. Man sieht sie beim Rauchen, Küssen und im Bett chillen. Meistens in Innsbruck und München.

Frauen wie Alexis und Bella von Teenslut_Girlgang sind Onlinekünstlerinnen, die sich mit Graphic Design, Neunzigerjahre-Ästhetik und Rebellion im Internet beschäftigen. Mit ihren provokanten Fotos stellen sie eine Anti-Bewegung gegen Beauty-Accounts dar, die in der Regel von makellosen Bloggerinnen geführt werden. Diese sind vor allem dafür bekannt, ihre unnatürlich stark geschminkten Gesichter nach der erfolgreich absolvierten 90-Tage-Fitness-Challenge ins Netz zu posten.


Ob Fashionbloggerin oder Anti-Ikone, Insta-Starlets haben einiges gemeinsam: Sie setzen sich selbst gekonnt in Szene und machen ihre persönlichen Fotos bewusst und kontrolliert einer breiten Masse zugänglich. Alexis schießt ein Foto, lädt es gleichzeitig auf mehreren sozialen Netzwerken hoch und setzt damit einen interaktiven Kommunikationsprozess in Gang. Mit jedem Bild spinnt sie ihre eigene Onlinegeschichte weiter. So entsteht über die Jahre eine bis aufs letzte Detail abgestimmte Online-Identität, die durchaus Überschneidungen mit dem "realen Leben“ aufweisen kann. Ausdauer, Konsistenz sowie eine gewisse Anzahl an Postings pro Woche sind dafür notwendig.

Die Fotos der jungen Frauen aus Tirol und Bayern erinnern an Miley Cyrus und BadGal Riri. Übersexualisierte Frauenkörper waren im Internet schon seit jeher präsent, heute hat sich ihre Inszenierung an die visuelle Ästhetik des Internets angepasst. Der große Unterschied: Statt den Prozess des Fotografierens auszulagern, greifen die Mädels selbst zur Cam und werden damit vom entmündigten Objekt zu mündigen Produzentinnen, die über ihre Sexualität bestimmen.

Um nackte Hintern zu sehen, reicht ein Blick auf Instagram. Die Butt-Pics werden durchaus angefragt. So schreibt ein Fan: "U haven’t posted an ass pic in a while.“ Man kennt solche Fotos auch von Digital Artists wie Runningmermaids aus Wien oder Isa.Yasmijn aus Amsterdam.

Schminke ab, Zunge raus, Hose runter. Für den Look braucht es: weniger gut bis schlecht gestochene Tattoos auf Armen und Beinen, einen versorgungswilligen Dealer ums Eck und Basiskenntnisse in Grundschulenglisch. Dann kann man auch Dinge wie "nice packaging bro“ schreiben, ohne zwanghaft jugendlich zu wirken.

Besonders beliebt: Die sogenannte Backwards-Gaze. Eine Pose, die oft in HipHop-Videos reproduziert wird, und die weibliche Kehrseite als hypererogene Zone stilisiert. Man erinnere sich an Beyoncés Auftritt bei den MTV Music Awards 2014 (Minute 1:50).

In sozialen Netzwerken wie Instagram, auf dem pro Tag durchschnittlich 70 Millionen Fotos hochgeladen werden, steht Authentizität im Zentrum. Die Wissenschafterin Nicola Döring definiert Online-Selbstdarstellung als "die dienst- oder anwendungsspezifische Repräsentation einer Person im Netz“. Eine Modebloggerin würde beispielsweise die ihr zugesandten Artikel mediengerecht in Szene setzen und dadurch einerseits die Marken unterstützen, andererseits ihr eigenes Image als Fashionista aufbauen.

Der Aufmerksamkeitsmarkt wird zunehmend kommerzialisiert, da auch dieser den Spielregeln des Kapitalismus ausgesetzt ist. So hat sich online ein eigener Markt des Erzählens entwickelt, der von Digital Artists, Schriftstellerinnen oder Bloggern bespielt wird. Die Währung ist eine andere, bezahlt wird in Shares, Likes und Herzen. Zumindest so lange, bis die Künstler und Künstlerinnen ihre eigenen Labels, Buchverträge oder Aufträge für Medien an Land ziehen und anfangen, so ihr Geld zu verdienen. Die Sluts stehen ab und an als Models vor der Kamera - natürlich nur für befreundete Künstler.

(Bild: Screenshot von instagram.com/Isa.Yasmijn )

Die Art, wie junge Frauen und Männer über sich erzählen, gleicht mittlerweile unternehmerischer Kommunikation und bedient sich an Instrumenten des Marketings. Für den Account der Teenslut_Girlgang heißt das: sich so sexy wie möglich zu verkaufen und dabei möglichst wack zu wirken. Greifbar ist Identität nur, indem wir uns selbst erzählen oder inszenieren - also unsere Existenz einer mal mehr, mal weniger anonymen Masse präsentieren. Um darzustellen, wer wir sind, müssen wir etwas von uns preisgeben. Das kann ein Tweet sein, ein Foto oder Video.

Medienwissenschafterin Angela Tillmann merkt an, dass die Inszenierung der eigenen Person und der eigenen Fähigkeiten immer an die Hoffnung auf Anerkennung geknüpft sei. Die meist jungen Frauen und Männer werden durch positives Feedback der Fans ermutigt. Sie bekommen zusätzliche Aufmerksamkeit und fühlen sich dadurch unterstützt, sich weiterhin so zu geben, wie sie sind. Diese positive Bestärkung innerhalb der eigenen Online-Community beeinflusst die Nutzerinnen laut einer Untersuchung Tillmanns oft häufiger als jene des unmittelbaren Umfeld.

Im Streben nach Anerkennung sind die Poser und Poserinnen darum bemüht, den kritischen Erwartungen der "Peers“ zu entsprechen. Wenn wir uns online darstellen, wollen wir von der Netzgemeinde in einer bestimmten Art und Weise wahrgenommen werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Frage, inwiefern man sich nach bestimmten Normen und Regeln richten möchte. Teenslut_Girlgang widersetzen sich dem, indem sie das neoliberale Modeldiktat ablehnen, das sich immer noch an einem Hüftumfang von 85 Zentimetern orientiert.

Es ist keine Schande, Fettpölsterchen zu haben. Der tägliche Kampf gegen verzerrte Schönheitsideale hat gerade erst begonnen. Durch die bewusste Inszenierung der scheinbaren Schwachstellen hinterfragen diese jungen Frauen ein Schönheitsideal, das Generationen von Menschen seit frühester Kindheit an eingetrichtert worden ist.

Alexis lädt das Foto via iPhone oder Tablet hoch und versieht es mit Elementen, die sie Anfang der 2000er Jahre in ihrem Kinderzimmer hängen hatte: Klebe-Smileys, Rosenblüten und Neon-Leuchtsterne. Teenslut_Girlgang könnten genauso gut in Videos des Rappers Yung Hurn auftauchen und sich an völlig anschlusslosen Ai Weiwei Referenzen versuchen.

Frauen können sich heute so darstellen, wie sie wollen und ihre Erfahrungen innerhalb von Safe Spaces teilen. Das sind meist Foren oder Netzwerke, in denen vom Mainstream abweichende Gruppen nicht ausgegrenzt, gemobbt oder unterdrückt werden. "Jeder fühlt den Druck“, so die Fotografin Rachel Hodgson. Online-Communities zu finden, helfe Frauen dabei, sich mit sich selbst wohler zu fühlen.

Auch die 27-jährige Alexis von Teenslut_Girlgang hatte offenbar nicht immer das Selbstbewusstsein, welches man hinter ihrer Performance vermutet: "Der Grund, warum ich das hier mache, ist, weil ich meinen Körper endlich liebe und respektiere, so wie er ist. Es ist das erste Mal in meinem Leben und es macht mich wahnsinnig stolz“, schreibt sie unter eines ihrer Fotos.

Natürlich, die eigene Identität schonungslos preiszugeben, ist auch mit Unsicherheit verbunden. Um Rückmeldungen zu erhalten, müssen die agierenden Individuen Aufmerksamkeit erregen und dafür auf Inszenierungsstrategien zurückgreifen. Im Falle von TeenSlut_Girlgang: Schienbeine mit hübschen Socken. Crop-Tops mit Comic-Aufdruck und den obligatorischen Joint im Mund. Die typische Pose sieht in etwa so aus: Frau liegt oder steht lasziv auf dem Bett und streckt ihren leicht bis gar nicht bekleideten Po in die Kamera. Das Gesicht passt meist nicht mehr ins Insta-Quadrat.

Kritik gibt es auch. "OMG you’re such a #slut! How can you post those pictures don’t you have any #selfrespect“ Alexis kontert darauf: "Ja, wenn Schlampe hübsch bedeutet und selbstbewusst, dann bin ich das wohl.“

Gerade junge Frauen sind im Netz massiven Anfeindungen ausgesetzt. Teenslut_Girlgang antworten den Hatern auf ihre eigene Art. Sie zeigen, was es heißt, seinen Körper zu lieben. Sie erobern den Begriff Schlampe zurück und definieren ihn neu.

So machen sie das Netz schöner.

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