Bild: Jan Petter

Sport

Dieses Paar skatet im Rollstuhl statt auf dem Skateboard

30.06.2017, 18:13 · Aktualisiert: 18.07.2017, 17:27

David und Lisa zerlegen im Skatepark Klischees

Wer verstehen will, welche Bedeutung Skaten im Leben von David hat, muss mit ihm in einen Skatepark gehen. David, 30, fährt nicht in die Bowl, er springt. Auf dem Weg nach unten dreht er an den Rädern seines Rollstuhls, als wären sie das Steuerrad der Titanic. Drumherum: verblüffte Skater mit ihren Boards.

Mit seiner Freundin Lisa, 29, erweitert David gerade die Grenzen dessen, was in deutschen Skateparks bislang üblich ist. Dafür ist das in Dortmund lebende Paar regelmäßig tagelang auf Achse, unterwegs schlafen sie in ihrem selbst ausgebauten Tourbus. Die beiden sind Vorreiter einer Sportart, die sich WCMX nennt – Wheelchair Motocross, abgeleitet von BMX.

David und Lisa sind Rollstuhl-Skater.

Zwei der besten weltweit. Bei der Weltmeisterschaft in Venice Beach wurde David 2014 Erster, seitdem skaten die beiden regelmäßig in den weltweiten Top 3. Während andere Paare auf dem Sofa Netflix schauen, feilen die beiden im Skatepark an ihren Tricks.

Über ihnen steht nur noch der US-Amerikaner Aaron Fotheringham, der durch den ersten Rückwärtssalto in einem Rollstuhl bekannt wurde und von Kennern als "lebensmüde" oder "irre" beschrieben wird. Für die Szene ist er jedoch vor allem eine Inspiration:

Das Ziel von David und Lisa ist ein anderes. Sie wollen dafür sorgen, dass Rollstühle in Skateparks eines Tages so normal sind wie BMX-Räder oder Skateboards.

"Skaten ist der perfekte Inklussionssport", sagt Lisa: "Beim Skaten hat jeder seinen eigenen Stil. Es geht um Kreativität und Mut, nicht um Taktiken oder Vereinsgedöns. Ob jemand im Rollstuhl sitzt oder auf dem BMX, das ist erstmal eigentlich egal."

Lisa sitzt erst seit drei Jahren im Rollstuhl – und ärgert sich heute darüber, ihn aus falschem Stolz nicht früher genutzt zu haben. Bis zu ihrem 26. Lebensjahr ging sie auf Krücken, was mit ihrer Rückenerkrankung aber immer schwieriger wurde.

Erst mit dem Skaten wurde ihr klar, dass ein Leben im Rollstuhl auch Vorteile mit sich bringt. Heute sagt sie, muss sie lächeln, wenn sie im Supermarkt sieht, wie Nicht-Behinderte ihre Einkäufe kompliziert aufeinander stapeln, während sie alles im Schoß transportieren kann.

"Ich habe versucht, wie die anderen zu sein, anstatt zu sehen, welche neue Möglichkeiten ein Rollstuhl mir bieten würde", sagt sie.

Skaten ist der perfekte Inklusionssport
Lisa, 29

Eine Lektion, die auch David lernen musste. Um mit dem Rollstuhl ganz nach oben zu kommen, musste er erst einmal tief fallen. Zwei Stockwerke, um genau zu sein.

Seit einem Unfall vor neun Jahren ist er querschnittsgelähmt. "Ich habe mit meiner Punk-Band Quatsch gemacht und bin besoffen das Treppengeländer runtergerutscht", erzählt er, während er im Kulturzentrum Conne Island in Leipzig konzentriert an seinem Wettkampf-Wheelie schraubt.

Die Skills, die er seitdem mit seinem Rollstuhl gelernt hat, gibt er heute in Workshops an andere weiter. Die meist jungen Rollstuhlfahrer hören ihm gespannt zu, während er von der wahrscheinlich schwierigsten Zeit seines Lebens erzählt.

Denn was heute wie eine Anekdote klingt, war für den damals 21-Jährigen ein Schock, nachdem er erst einmal nicht wusste, wie sein Leben weitergehen soll.

Seine Rettung war ausgerechnet das Fernsehen – Freunde zeigten ihm zur Aufmunterung in Reha Wettkämpfe der Paralympics. David schaute sich die Übertragungen bald stundenlang an. Die Sportler motivierten ihn, eine neue Perspektive tat sich ihm auf.

Heute arbeitet er in einem Sanitätshaus – und an seiner Sportkarriere. Gemeinsam mit Lisa gibt er in ganz Deutschland Workshops für Menschen, die auch im Rollstuhl sitzen und skaten wollen.

Auch Lisa war einst eine Teilnehmerin in Davids Workshop. Heute arbeiten sie zusammen, geben gemeinsam ihr Wissen weiter und reisen dabei durch Europa.

Und so sieht es aus, wenn Menschen in Rollstühlen über die Halfpipe fahren:

1/12

Die Sportart WCMX steht noch ganz am Anfang, viele der Tricks haben sich die Rollstuhlfahrer selbst ausgedacht. Oft rast David durch die Bowl, stürzt sich auf die nächste Seite der Halfpipe und lässt seine Räder erst dann los, wenn man eigentlich denkt, er müsste die Steilwand gleich senkrecht herunterstürzen.

Beim Rollstuhlskaten geht es mindestens so sehr um Körperbeherrschung wie um die Tricks. Auf die sonst oft üblichen Stützräder verzichten die Fahrer, um ihren Rollstuhl flexibler neigen zu können. Trotzdem fallen sie auch oft hin. Für Lisa und David kein Grund aufzuhören.

Bislang hat er Ex-Weltmeister fünf Rollstühle zerlegt - kurzfristige Besuche beim Schweißer in der Wettkampfpause nicht mitgezählt. Diesen Luxus kann er sich auch erlauben, weil inzwischen auch Sponsoren auf sein Talent aufmerksam geworden sind. Für sie ist er ein Aushängeschild.

Für Neulinge im Rollstuhl ist dagegen der Alltag schon oft ein Hindernis-Parcour. Nach Unfällen bekommen viele Rollstuhlfahrer in einem Sanitätshaus meist nur eine kurze Anleitung zum Umgang mit dem Gerät. In den Workshops von David und Lisa geht es deshalb nicht nur um Tricks, sondern auch um viele alltägliche Herausforderung.

Die jüngsten Teilnehmer sind dabei oft die mutigsten, weil der Rollstuhl viele von Geburt an zum Alltag gehört – und sie weniger Angst haben. So kommt es, dass zwei Grundschüler den Erwachsenen regelmäßig davonfahren, während andere lieber noch beobachten.

David und Lisa zeigen Kindern, was ihr Rollstuhl auf der Halfpipe kann

David und Lisa zeigen Kindern, was ihr Rollstuhl auf der Halfpipe kann

Dass die WCMX-Weltmeisterschaften bislang ausschließlich in den USA stattfanden, ist kein Zufall. Durch seine ausgeprägte Service-Kultur und die große Zahl von Veteranen hat das Land einen wesentlich geübteren Umgang mit Behinderten als Deutschland.

Oder wie David sagt: "Bei allem, was die Amerikaner gerade an Problemen haben – das mit der Inklusion kriegen die halt wirklich hin."

David hat einen Kleinbus voller Ersatzteile und repariert vieles selbst

David hat einen Kleinbus voller Ersatzteile und repariert vieles selbst

Für ihn ist die DIY-Mentalität in den Skateparks auch eine Antwort auf die politische Lage von Behinderten. Mit seiner Einstellung steht er für eine neue Generation, die sich nicht länger auf die etablierten Verbände verlassen will.

Viele junge Behinderte starten lieber einen eigenen Vlog oder engagieren sich politisch, beispielsweise in der neuen Partei "Demokratie in Bewegung" (bento). "Wenn ich was ändern will, gehe ich auf change.org und nicht zur Caritas", sagt David.

Für die beiden geht es nicht nur darum, anderen jungen Menschen im Rollstuhl zu helfen, sondern auch die Vorstellungen von Nicht-Behinderten, was ein Leben mit Rollstuhl bedeutet, zu verändern, sagt Lisa: “Die stärksten Bremsen, die man als Rollstuhlfahrer kennenlernt, sind die in den Köpfen."


Gerechtigkeit

Das Kalifat schrumpft: Ist der IS jetzt endlich besiegt?

30.06.2017, 18:12 · Aktualisiert: 30.06.2017, 18:28

Und wenn ja: Was kommt danach?

Vor ziemlich genau drei Jahren bestieg Abu Bakr al-Baghdadi die Predigerkanzel der Al-Nuri-Moschee in Mossul. Es war Al-Baghdadis erster öffentlicher Auftritt. Er ist Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) – und rief an jenem Tag Ende Juni 2014 ein sogenanntes Kalifat aus. Ein Land, in dem die Nachfahren des Propheten Muhammad über alle Muslime herrschen.

Das angebliche Kalifat umspannte zu jenem Zeitpunkt große Teile Syriens und des Irak. Die größenwahnsinnige Idee von Al-Baghdadi: Bald soll es der ganze Nahe Osten sein, später die ganze Welt. Und alle Muslime sollen in seinen "Staat" ziehen und mit dem IS gegen "Ungläubige" kämpfen.

Heute ist die Moschee zerstört, Mossul fast zurückerobert und Al-Baghdadi angeblich tot – die Ideologie der Dschihadisten lebt jedoch weiter.