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Sport

​Warum das "Flüchtlingsteam" bei Olympia eine schlechte Idee ist

05.08.2016, 18:37 · Aktualisiert: 19.01.2017, 11:07

Der Titel "Flüchtlingsteam" integriert geflüchtete Menschen nicht, sondern grenzt sie aus.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele tritt dieses Jahr eine Flüchtlingsmannschaft an: zwei Schwimmer aus Syrien, zwei Judoka aus dem Kongo, ein Leichtathlet aus Äthiopien und fünf aus dem Südsudan. Sie alle sind in den vergangenen Jahren aus ihren Heimatländern geflohen, sie alle wurden vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins "Refugee Olympic Team" berufen.

Das IOC will damit "ein Zeichen der Hoffnung" für geflüchtete Sportler setzen. Ein Beweis, wie Sport für Integration sorgen kann. Zudem soll eine eigene Flüchtlingsmannschaft darauf aufmerksam machen, wie viele Menschen derzeit weltweit auf der Flucht sind – und unter den Folgen leiden.

Die Idee mag zunächst sympathisch klingen – doch gibt es ein Problem: Denn der Titel "Flüchtlingsteam" integriert geflüchtete Menschen nicht, sondern grenzt sie aus.

Sie werden nicht in den Pool der Mannschaften aus verschiedenen Ländern aufgenommen, sondern nehmen als Flüchtlinge eine Sonderrolle ein. Ihr Flüchtlingsstatus ist damit wichtiger als ihre sportliche Leistung.

Die geflüchteten Spitzensportler können sich seit Monaten kaum vor Medienanfragen retten. In Interviews sagen sie, sie sähen sich als Botschafter und Vorbilder für andere Geflüchtete. "Ich hoffe, dass alle Flüchtlinge stolz auf mich sein können, und ich will ihnen Mut machen", sagt etwa die 18-jährige Schwimmerin Yusra Mardini, die im vergangenen Jahr aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. "Auch, wenn wir nicht in unserer Heimat sind, auch wenn wir auf der Flucht viel durchgemacht haben: Wir können immer noch großartige Sachen vollbringen." (RBB)

In der Slideshow: Alle Teilnehmer und ihre Disziplinen

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Die Athleten des "Flüchtlingsteams" wohnen wie alle anderen 11.000 Athleten im olympischen Dorf in Rio de Janeiro. Bei der Eröffnungsfeier laufen sie unter der Olympischen Flagge, wenn sie eine Medaille gewinnen, läuft die olympische Hymne.

Natürlich ist es eine gute Idee, geflüchteten Spitzensportlern eine Teilnahme an den Spielen zu ermöglichen. Allerdings: Ein "Flüchtlingsteam" braucht es dafür nicht. Seit 1992 nehmen immer wieder Sportler als "unabhängige Olympiateilnehmer" an den Spielen teil, wenn ihre Herkunftsländer sie nicht entsenden können. ("Die Welt")

Denn ein Flüchtlingsteam reduziert die Sportler auf ihre gemeinsame Erfahrung: ihre Flucht.

Dabei haben auch sie ein Heimatland, eine Nationalhymne und eine nationale Identität. Die Athleten stehen als Flüchtlinge auf einer Stufe mit den Nationalteams, das bewirkt das Gegenteil von dem, was das IOC erreichen will: Sie präsentieren die geflüchteten Sportler als homogene Masse, als Opfer. Und nicht als starke und handlungsfähige Individuen.

Hier nennt mich niemand Yolanda, alle rufen nur: Hey Flüchtling.
Yolanda Bukasa

So erzählt die 28-jährige Judoka Yolanda Bukasa, die vor drei Jahren aus dem Kongo nach Rio de Janeiro flüchtete und nun dort in einem Sportinstitut trainiert: "Hier nennt mich niemand Yolanda, alle rufen nur: Hey Flüchtling." Integration klingt anders. (kath.ch)

Die übergroße Inszenierung einer "Flüchtlingsmannschaft" scheint vor allem gute PR für ein Internationales Olympisches Komitee zu sein, welches aufgrund von Korruptionsvorwürfen und seinem Umgang mit dem russischen Doping-Skandal aktuell in der Kritik steht.

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Wie es anders gehen kann, zeigt die Geschichte von Raheleh Asemani:

Die Taekwando-Kämpferin flüchtete vor drei Jahren aus dem Iran nach Belgien. Auch sie war im Pool der 43 geflüchteten Athleten, aus denen das IOC die Flüchtlingsmannschaft auswählte. Bis Raheleh im Frühjahr dieses Jahres die belgische Staatsbürgerschaft bekam. Sie tritt nun, statt als Flüchtling, für "ihr Land" bei den Spielen an – für Belgien. (ZDF)

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