Bild: Samuel Stamper

24.04.2018, 11:38

Meryem El Gardoum behauptet sich als Profi in Marokkos Männerwelt.

Meryem El Gardoum kann von der Dachterrasse ihres Elternhauses einen weiten Strandabschnitt überblicken, vielleicht fünf der gut 1000 Kilometer, die Marokkos Atlantikküste lang ist. Ihre langen, von Sonne und Salzwasser ausgeblichenen Haare bewegen sich kaum im Wind. Nach Sonnenaufgang prüft sie von dort oben aus die Qualität der Wellen - jeden Morgen.

Marc Oliver Rühle
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Samuel Stamper
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Sie schaut, ob sie rechtsseitig einlaufen, wie groß sie sind, wann sie brechen und wie stark die Böen sind, wie konstant der Wind und stabil die Großwetterlage scheinen.

An diesem Tag sind die Bedingungen eher problematisch.

"Es hat viel geregnet letzte Nacht, der Wind kommt direkt von Westen, die Wellen brechen senkrecht", sagt die 21-Jährige. "Das Wasser ist aufgewühlt und wahrscheinlich dreckig, Plastik und Treibgut und so - heute gehen nur Touristen ins Wasser." Was spöttisch klingt, ist keineswegs so gemeint, denn El Gardoum lebt als Surflehrerin davon, dass immer mehr Wellenreiter und diejenigen, die es werden wollen, das Maghreb-Land im Nordwesten Afrikas zum Surfen für sich entdecken.

"Wenn ich nicht das ganze Jahr hier direkt am Meer leben würde, würde ich an so einem Tag auch mein Glück versuchen", sagt El Gardoum. "Touristen haben ja auch nicht viel Zeit." Die junge Surferin lässt ihren Blick noch einmal über die Wellen schweifen.

Auf ihrem Smartphone studiert sie Nachrichten ihrer Freunde, die regelmäßig über WhatsApp kleine Videos von Wellen umliegender Küstenabschnitte schicken. Zum Beispiel von den begehrten Surfspots Anchor Point, Le Kilometres, Banana Beach, Panoramas oder Anza - "wo eigentlich immer was geht", sagt sie.

Hier kannst du Meryem auf dem Surfbrett in Aktion sehen:

Meryem El Gardoum ist eine Vorreiterin

Das Berbermädchen aus dem Dorf Tamraght, 15 Kilometer nördlich von Agadir, ist mittlerweile nicht nur unter den männlichen Surfern - und unter den wenigen Surferinnen sowieso - des Landes und in den Küstenorten eine Berühmtheit. Auch in anderen küstenfernen Landesteilen, den Großstädten Casablanca oder Marrakesch, wird ihr Name immer bekannter.

El Gardoum ist Marokkos beste Surferin - und vor allem eine der ersten Frauen Afrikas, die professionell und erfolgreich auf dem Brett stehen.

Besonders in Taghazout, dem Surfmekka Marokkos, ist sie bekannt. El Gardoum gibt dort Surfstunden und wird voller Respekt von den einheimischen Surferjungs gegrüßt.

"Als Kind habe ich mir ständig den Kopf zerbrochen, was die anderen über mich denken und sagen würden", sagt El Gardoum.

"Eine Frau, eine Muslimin, die surft? Heute ist mir einfach nur wichtig, der Welt zu zeigen: Hey, da sind marokkanische Frauen, und die können surfen - und das auch noch verdammt gut."

Ihr Talent und ihr Eifer machen sie zu einer Ikone der Emanzipation und des Feminismus in Marokko.

Gegen das Patriarchat angepaddelt

Kaum elf Jahre alt, entdeckte sie ihre Passion: Ihr Cousin nahm sie mit ins Meer, lieh ihr sein Brett, machte sie mit den wichtigsten Regeln vertraut, und fortan war El Gardoum nicht mehr aus dem Meer wegzudenken.

Der Anfang war schwer, denn sie war als Frau fast allein. Und das Meer voller junger Männer, die irritiert waren und ab und an diskriminierende Sprüche von sich gaben. "Sie mussten sich erst daran gewöhnen, dass ich keine Touristin, sondern tatsächlich Marokkanerin bin - und mir erlaube, auch ein Stück Welle für mich und alle anderen Frauen Marokkos zu beanspruchen", sagt El Gardoum fast verständnisvoll.

Ihr ist der gegenseitige Respekt im Wasser und an Land wichtig. "Ich habe von Anfang an diesen Ehrgeiz empfunden, es allen beweisen zu müssen", sagt sie. Der Erfolg gibt ihr recht. Die Marokkanerin hat sich behauptet, gegen die Jungs, die Tradition, die Wellen.

Bereits nach zwei Jahren war sie ihren männlichen Altersgenossen voraus. Fünfmal schon ist sie bisher marokkanische Surfmeisterin geworden, wurde unter anderem nach Frankreich, Portugal und sogar Indonesien eingeladen. Wäre es für die Karriere nicht von Vorteil, Marokko zu verlassen? "Nein, ich gehöre hierher, das ist mein Zuhause, hier kann ich was bewegen", sagt sie.

Kein Budget für Afrika

Für Surferinnen in Marokko und ganz Afrika gibt es keinen Markt, das Leben als Profisportlerin ist schwer. Während in den Surferparadiesen in den USA oder Australien Sportlerinnen wie El Gardoum fast routinemäßig mit Sponsoringverträgen ausgestattet werden, lautet die Antwort auf ihre Anfragen bei entsprechenden Ausstattern oft:

Sorry, aber wir haben kein Budget für Frauen in Afrika.

Es ist El Gardoums Traum, dass sich das ändert.

Die Palmen rascheln im Wind, einige Kamele trotten über den dunkelgelben Sand vor dem Taghazout-Bay-Surfresort. In der modernen Anlage, die sich gut der Landschaft anpasst, trainiert El Gardoum fast täglich und gibt Surfstunden. "Ich hatte von Anfang an den Segen meiner Eltern. Dafür bin ich sehr dankbar", sagt sie.

El Gardoum stammt aus einer großen Familie mit vielen Geschwistern, Cousins und Cousinen. Sie ist das jüngste Kind ihrer Eltern und genießt viele Freiheiten. Aber sie ist auch in die Aufgaben des kleinen Berberimperiums eingebunden: Arganöl produzieren, Bananen ernten, Felder bewässern. So vergeht ein Sommer.

Und dann kommt der Winter, und der ist zum Surfen da.

Von Mitte Oktober bis Mitte März gibt es die besten Wellen, bei etwa 17 Grad Wasser- und 20 Grad Lufttemperatur - nahezu perfekte Bedingungen. Neben der Region um Taghazout empfiehlt sich noch besonders der davon nördlich gelegene Ort Imsouane auf dem Weg nach Essaouira, dem Windsurf- und Kite-Hotspot des Landes. Außerdem das von Agadir aus südlich gelegene verträumte Sidi Ifni.

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Immer mehr marokkanische Frauen gehen an diesen Spots in die Wellen.

Sie sind Teil der Szene geworden. Auf hohem Niveau aber betreiben neben El Gardoum insgesamt nur ein gutes Dutzend Surferinnen den Sport.

"Dass Surfen nicht nur das Lebensgefühl von Männern prägt, ist für ein religiöses und traditionelles Land wie Marokko sicher noch nicht selbstverständlich. Aber wir arbeiten daran. Wenn es nicht der Sport schafft, was dann?"

,sagt El Gardoum.

Mit einem Avocado-Shake in der Hand sitzt sie in einem Café direkt am Atlantik und beobachtet schon wieder die Dünung, den Swell.

Ich glaube, jetzt sieht es wieder nach Surfen aus. Die Jungs da draußen können die Wellen bereits gut nehmen, da darf ich nicht fehlen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

Ich lüge in jeder erdenklichen Situation. Was ist mit mir los?

24.04.2018, 10:50

"Ich koche gern und hatte schon viele Freundinnen."

Markus, 21, fragt: