Bild: Getty Images/Catherine Ivill

09.07.2018, 15:58 · Aktualisiert: 10.07.2018, 15:19

Die 6 wichtigsten Antworten

Erst Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, jetzt auch DFB-Boss Reinhard Grindel: Alle scheinen sich nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft auf Mesut Özil als Sündenbock geeinigt zu haben. Der Streit könnte möglicherweise sogar in einem Rücktritt Özils enden – und den DFB seine Glaubwürdigkeit kosten.

Hier ist alles Wichtige in sechs Fragen und Antworten:

Worum geht es eigentlich?

Immer noch um ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Mesut Özil und Ilkay Gündoğan hatten sich kurz vor der Abreise zum Trainingslager der Nationalmannschaft mit ihm fotografieren lassen. Bei einem Sponsoren-Termin überreichten sie ihm ein Trikot ihrer englischen Vereine, Gündoğan schrieb auf sein Trikot: "Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll." Gündoğan bedauert das Foto inzwischen. Özil hat sich bisher nicht geäußert.

Während des WM-Turniers vermischte sich die Erdoğan-Affäre immer mehr mit zum Teil wohl auch rassistischen Vorbehalten gegen die beiden Spieler.

Özil und Gündoğan sind in Deutschland geboren, haben nur einen deutschen Pass. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Dass Özil wie andere Spieler auch die deutsche Nationalhymne vor dem Spiel nicht mitsingt, wurde ihm zum Vorwurf gemacht. 1974 sang übrigens keiner der deutschen Nationalspieler vor dem Finale die Hymne mit.

Was hat Oliver Bierhoff gesagt?

(Bild: dpa/Andreas Gebert)

Er war der erste Verantwortliche, der nach dem WM-Aus Mesut Özil einen mitgab.

"Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen." Daher hätte man "überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet", sagte der Manager in einem Interview.

Hinterher fühlte er sich falsch verstanden. Er habe sich missverständlich ausgedrückt, sagte Bierhoff.

Was hat DFB-Boss Grindel gesagt?

(Bild: dpa/Christian Charisius)

DFB-Präsident Reinhard Grindel legte nun in einem Interview nach, das der "Kicker" am Montag veröffentlichte. Darin forderte er Özil auf, sich zum Foto mit Erdoğan zu äußern. Obwohl der DFB vor dem Turnier das Thema noch für beendet erklärt hatte.

Wörtlich sagte Grindel:

"Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte."

Besonders die Formulierung "aus eigenem Interesse" klingt wie eine Drohung.

Grindel sprach ein weiteres Thema an. Man müsse "die sportliche Analyse abwarten und schauen, ob Joachim Löw weiter mit ihm plant", sagte er. Plötzlich scheint es also nicht nur um Özils Umgang mit dem Erdoğan-Foto zu gehen. Wie schon Bierhoff pickt sich Grindel Özil heraus und stellt seine sportlichen Qualitäten in Frage. Bei keinem anderen Nationalspieler haben die beiden das bisher getan.

Bierhoffs und Grindels Äußerungen wirken auf viele Beobachter deshalb, als würden sie einen Sündenbock suchen – eventuell auch, um vom eigenen Versagen abzulenken. Denn die deutsche Mannschaft hat nicht nur schlecht gespielt und war taktisch schlecht eingestellt. Auch die Überinszenierung unter #zsmmn ging vielen Fans auf die Nerven. Außerdem vermarktet er die deutsche Elf als "Die Mannschaft".

(Bild: dpa/Christian Charisius)

Haben Bierhoff und Grindel nicht mit ihrer sportlichen Kritik Recht?

(Bild: Ina Fassbender/dpa)

Mesut Özil hat keine gute WM gespielt. Im deutschen Team war er aber bei Weitem nicht der Schlechteste. Vor allem im entscheidenden Spiel gegen Südkorea hatte Özil eine ordentliche Bilanz und kreierte viele Chancen, die anschließend nicht genutzt wurden. Trotzdem bewerteten viele Medien seinen Auftritt mit der Schulnote 6. Nach objektiven Maßstäben war das schon damals kaum zu rechtfertigen.

Und was sagt Mesut Özil?

Er äußert sich weiterhin nicht zu dem Thema. Stattdessen sagte sein Vater der "Bild am Sonntag", dass er an Mesuts Stelle zurücktreten würde. Das Foto mit Erdoğan sei keine gute Idee gewesen, aber auch kein politisches Statement. Über die Gefühlslage seines Sohnes sagte Özil:

"Er ist geknickt, enttäuscht und gekränkt. Und ja: auch beleidigt. Es heißt immer, wenn wir gewinnen, gewinnen wir zusammen. Aber wenn wir verlieren, verlieren wir wegen Özil?"

Warum steht auch die Glaubwürdigkeit des DFB auf dem Spiel?

(Bild: dpa/DFB/Getty Images)

Der DFB-Manager selbst erzählt seit Jahren gerne, die Mannschaft sei inzwischen ein Spiegelbild des weltoffenen Deutschlands. Viele Kinder von Migranten seien Leistungsträger. Die Nationalmannschaft solle den "Zeitgeist, die Entwicklung der Gesellschaft widerspiegeln", sagte Bierhoff einst. Beim Verband ist man stolz darauf, Bierhoff ist Schirmherr eines Integrationspreises.

Das Problem: Rechtspopulisten wie die AfD stänkern seit Jahren gegen die Nationalspieler, die nicht blond und blauäugig sind. Vor zwei Jahren hatte AfD-Chef Gauland gesagt, die Leute würden Boateng nicht als Nachbarn haben wollen. In diesem Jahr war vor allem Mesut Özil dran.

Statt sich in dieser Situation aber hinter die attackierten Spieler zu stellen, macht der DFB nun nach dem WM-Aus das Gegenteil. Das wirkt nicht nur charakterschwach – es befeuert die Debatte um Özil zudem noch zusätzlich.


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