Sport

Was deutsche Leichtathleten tun, um sich zu finanzieren

09.08.2017, 14:46 · Aktualisiert: 13.08.2017, 17:45

Sie sprinten, werfen, springen; sie geben alles; sie zeigen, was der menschliche Körper leisten kann: Spitzensportler sind Vorbilder.

Und in Deutschland werden sie verdammt schlecht bezahlt.

Bei der Leichtathletik-WM in London sieht es für das deutsche Team nicht gut aus: Im Medaillenspiegel liegen wir auf einem der hinteren Plätze.

Viele Athleten meinen: Das liegt nicht nur an ihnen selbst, sondern auch an den Trainingsbedingungen in Deutschland. Sie sind wütend. Der deutsche Hürdenläufer Matthias Bühler ließ seinen Frust neulich in einem Interview mit dem ZDF raus:

Deutschland muss sich Gedanken machen, wenn bei der EM im kommenden Jahr in Berlin 80.000 Menschen einen Athleten anfeuern, der nicht einmal seine Miete bezahlen kann.
Matthias Bühler

Hier seht ihr das ganze ZDF-Interview mit Matthias Bühler.

In Frankreich und England erhalten die Spitzensportler ihren Lebensunterhalt vom Staat – die Höhe ist abhängig von den sportlichen Leistungen. Und diese Förderung macht sich bei internationalen Wettkämpfen bemerkbar.

Und, könntest du auch an einer WM teilnehmen? Oder machst du eher Sport wie der Durchschnitt? Unser Quiz verrät es dir:

In Deutschland ist das anders: Bei Medaillengewinnen gibt es Einmalzahlungen. Die Deutsche Sporthilfe unterstützt Sportler mit maximal 300 Euro staatlicher Förderung pro Monat. Zum Vergleich: Schon der Regelsatz des Arbeitslosengeld II liegt bei 409 Euro.

Die meisten Athleten sind Berufssoldaten oder Polizisten – die einzigen Arbeitgeber in Deutschland, die den Sportlern Flexibilität geben können. Das Trainingspensum von etwa 15 Stunden pro Woche und die Wettkampfsaison sind nämlich kaum mit einem normalen Job zu vereinbaren.

Der olympische Hürdenläufer Silvio Schirrmeister beendete 2015 seine sportliche Karriere aus genau dem Grund:

"Ich habe den Kampf gegen das Monster der dualen Karriere verloren"
Silvio Schirrmeister

Was Schirrmeister damals mit dem "Monster" meinte: Wer nicht zur Bundeswehr will, muss zweigleisig fahren. Den Lebensunterhalt verdienen plus Training, Regeneration und Arbeit hinter den Kulissen. Ist das überhaupt machbar?

Wir haben bei drei Athleten zwischen den Wettkämpfen in London nachgefragt:

Nadine Hildebrand, 29, Hürdenläuferin und Juristin

"Leistungssportlerin zu sein und nebenher zu arbeiten ist sehr schwierig. Schon während des Studiums kam mir die Uni überhaupt nicht entgegen. 'Entweder du studierst Jura oder machst deinen Sport', wurde mir da von einem Professor schon vor Beginn vermittelt.

Beim ersten Job fehlte den Mitarbeitern irgendwann das Verständnis. Gerade im juristischen Bereich ist es fast unmöglich, eine geeignete Stelle zu finden. Man muss wahnsinniges Glück und ein perfektes Zeitmanagement haben. Jetzt arbeite ich seit über einem Jahr zwanzig Wochenstunden in einer Kanzlei.

Nach vier Stunden im Büro geht es direkt zum Training und zur Physiotherapie. Zuhause bin ich meistens gegen 21 Uhr. Das Geld würde aber ohne die Unterstützung von meinen Eltern nicht reichen. Die 300 Euro Sportförderung sind eher ein Tropfen auf heißem Stein.

Wenn ich dann Summen wie bei dem Neymar-Transfer sehe, fühle ich mich schon ein bisschen verarscht. Von solchen Summen träumen wir ja gar nicht. Aber zum Leben sollte es reichen, ohne dass man rote Zahlen schreibt.

Bei Wettkämpfen macht das einen Unterschied: Sportler, die vom Staat ihren kompletten Unterhalt bekommen, konzentrieren sich das ganze Jahr auf den Sport. Die bringen natürlich bessere Leistungen.

Es kann einfach nicht sein, dass man erst gefördert wird, wenn man schon zur Weltspitze gehört. Einerseits werden immer Medaillen gefordert, andererseits fördert man die Sportler nicht auf dem Weg dorthin.

Dann kann man auch keine Weltklasse erwarten.
Nadine Hildebrand

Für mich wäre es ein Anfang, wenn der Staat zumindest unsere Rentenbeiträge übernehmen würde. Kein Sportler mit einer sogenannten dualen Karriere zahlt voll in die Rentenkasse ein, obwohl wir körperlich vollkommen an unsere Grenzen gehen. Das wird ein massives Problem im Alter."

Matthias Bühler, 30, Hürdenläufer, wird von seinen Eltern finanziert

"Es ist einfach schade, dass in einem wirtschaftlich starken Land wie Deutschland Sportler im Stich gelassen werden. Es werden Top-Leistungen verlangt. Nur wer Medaillen holt, wird tatsächlich gefördert.

Dafür braucht man aber ideale Trainingsbedingungen. Das kostet natürlich. Die deutschen Leichtathleten müssten meiner Meinung nach uneingeschränkt gefördert werden.

Wer sich die ganze Zeit Sorgen um die nächste Miete macht, kann keine Bestzeit laufen.
Matthias Bühler

Und auch bei Bundeswehr und Bundespolizei gerät man als Sportler in einen Trainingsrückstand. Während die Athleten hier ihren Dienst ableisten müssen und bei schlechtem Wetter trainieren, können sich die Top-Stars in Amerika bei besten Bedingungen auf ihren Erfolg konzentrieren.

Ich kann froh sein, dass meine Eltern mich finanziell unterstützen. Aber das ist mir unangenehm: Klar, dreißig Jahre alt und abhängig von den Eltern. Doch anders geht es einfach nicht.

Bei so einem Image und der schlechten Förderung gehen ganz viele Talente verloren. Keiner möchte in Deutschland mehr Leistungssportler werden. Da hab ich vielen im Interview mit dem ZDF aus der Seele gesprochen, denke ich."

Katharina Molitor, 33, Speerwerferin und Studentin

"Für mich persönlich ist es sehr schwer mein Studium und den Leistungssport zu vereinbaren. Ich habe viele Jahre nichts für die Uni gemacht und nur trainiert. Leider bin ich kein Überflieger und kann das nicht ausgleichen.

Ich studiere Lehramt für Sport und Sozialwissenschaften. Viele Kurse werden aber entweder nur im Winter- oder eben im Sommersemester angeboten. Das ist mit Vorbereitung und Wettkampfsaison schwer abzustimmen.

Besser wäre ein Fernstudium, wo ich mir die Zeit frei einteilen könnte und keine Fahrzeiten entstehen würden. Gibt es für Lehrämtler aber nicht.

Vom Sport allein kann ich nicht leben.

Man muss schon ein extrem gutes Niveau haben, um sich selbst finanzieren zu können. Und auch dann reichen die Einnahmen zum Überleben, aber nicht um große Sprünge zu machen.

Wie andere auch hätte ich den Sport ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern nicht weitermachen können. Doch wie viele Eltern können es sich leisten, ihre Kinder nicht nur fünf Jahre, die ein Studium dauern würde, sondern zehn oder mehr Jahre zu unterstützen?

Wenn man seinen Sport wirklich zu hundert Prozent machen möchte, kann ich mir kaum vorstellen, dass es möglich ist noch einen Nebenjob zu haben.
Katharina Molitor

Für den Sportler wäre ein gesichertes monatliches Grundgehalt perfekt. Damit soll man nicht reich werden, sondern seine Existenz finanzieren können.

Es geht auch viel um Existenzängste im Alter. Wenn wenigstens irgendetwas in die Rentenkasse fließen würde, fände ich das gut.

Die Altersvorsorge ist aber nicht das Einzige, was einem Sorgen macht: Viele Krankenversicherungen stufen Spitzensportler hoch ein oder versichern bestimmte 'Teile' des Athleten erst gar nicht mit. Eine lebenslange Krankenversicherung für Athleten, die in der aktiven Zeit kostenlos ist und danach einfach möglich, wäre super."


Style

20 Dinge für so richtig, richtig faule Menschen

09.08.2017, 14:37 · Aktualisiert: 07.11.2017, 15:01

Lebensoptimierung zwecks Förderung des ziellosen Rumgammelns

Anlässlich des internationalen Faulpelz-Tags erheben wir bei bento das Nichtstun zum Lifestyle! In der heutigen Einkaufsliste haben wir dir deshalb ein paar der nützlichsten und schrägsten Tools und Gadgets zusammengestellt, die dir als cleverem Faulpelz Arbeit abnehmen, Zeit sparen und mehr Energie für die wichtigen Dinge geben. Los geht's!