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"Ich dachte, ich verfaule": Was Doping mit dem Körper macht

03.12.2015, 15:46 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Neun Millionen Deutsche gehen ins Fitnessstudio. Weil sie vom perfekten Körper träumen, nehmen viele illegale Medikamente. Wie gefährlich ist das?

Alle fünf Tage öffnet Patrick die Schublade seines Nachtschränkchens, er nimmt eine Ampulle Testosteron heraus, eine Spritze, zwei Kanülen: eine zum Aufziehen, eine zum Injizieren. Er setzt sich ins Wohnzimmer, in seinen Fernsehsessel. Ein Bein legt er hoch, auf den Couchtisch. Dann setzt er die Spritze an, sticht in die Außenseite seines Oberschenkels und drückt. Tut nicht weh, pikst nur ein wenig. Er hat Erfahrung.

Patrick, 24, sitzt in Berlin in einem Steakhouse. Er trägt ein graues Sakko, dazu ein Hemd, das über der Brust spannt. 91 Kilogramm auf 1,78 Meter, Patrick könnte ein Covermodel für die Zeitschrift "Men's Health" sein.

(Bild: Markus Hintzen)

Ohne Doping, sagt er, hätte er seine heutige Figur niemals erreicht.

Seit sechs Jahren kauft und nimmt Patrick künstlich hergestellte Hormone, um größere Muskeln zu bekommen, um sexy zu sein. Hunderte Spritzen hat er sich schon injiziert, zwischen 3000 und 4000 Tabletten hat er geschluckt.

Das machen nicht nur Proleten.

Patrick studiert Marketing. "Ich kenne Manager, Rechtsanwälte und Ärzte, die dopen", sagt er. "Das machen nicht nur Proleten." Er findet es "falsch und unehrlich", etwas zu verheimlichen. Alle wüssten, was er nehme, seine Freunde, die Familie, die Kommilitonen. Trotzdem heißt Patrick in Wahrheit nicht Patrick. Seinen richtigen Namen soll niemand erfahren.

In Deutschland trainieren 9,1 Millionen Menschen im Fitnessstudio. Einer bundesweiten Studie der Universitätsklinik Lübeck zufolge konsumieren davon 22 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen leistungssteigernde Mittel. Der Dopingforscher Mischa Kläber von der Technischen Universität Darmstadt geht davon aus, dass jeder Fünfte im Fitnessstudio etwas schluckt oder spritzt

Das wären 1,8 Millionen Menschen. 


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(Bild: Markus Hintzen)

Es geht vielen Freizeitsportlern nicht nur darum, gesund zu leben. Sie wollen schön sein, dynamisch aussehen. Der Körper ist für sie ein Ausstellungsstück, das sie modellieren wie ein Künstler eine Skulptur. Wenn es sein muss, mit illegalen Medikamenten. Das Dopingsystem im Breitensport ähnelt dem Geschäft mit Rauschgift. Es gibt Produzenten, die die Substanzen kochen. Es gibt die User, auch Stoffer genannt, die sie kaufen, spritzen und schlucken. Und es gibt Dopingopfer, die ihr Leben ruiniert haben.

Der Doper

Patrick war 17 Jahre alt, als er mit dem Krafttraining begann, er wog damals 62 Kilogramm. In der Umkleidekabine seines Fitnessstudios kaufte er sein erstes Fläschchen Testosteron, es stammte aus einem Untergrundlabor, kurz U-Lab. Es kostete 60 Euro. Am Abend setzte er sich seine erste Spritze. Er saß in seinem Kinderzimmer, Patrick wohnte noch bei seinen Eltern.

(Bild: Markus Hintzen)

Im Internet ging er auf Einkaufstour, für 150 Euro im Monat bestellte er Steroide: Turanabol-Tabletten, Nandrolon Decanoat, Trenbolon, Masteron und Methyltrienolon. Mit Hilfe der Dopingmittel schraubte er sein Gewicht auf 96 Kilogramm hoch. 

Anabole Steroide, auch Anabolika genannt, sind künstlich hergestellte Wirkstoffe, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron nachempfunden sind. Testosteron bewirkt, dass die Muskulatur schneller wächst und langsamer ermüdet. 

Pharmafirmen haben Anabolika vor rund 80 Jahren entwickelt, als Medikamente für Krebskranke. Mittlerweile sind sie als Dopingmittel im Sport beliebt. Profisportler müssen Dopingproben abgeben, wer mit Steroiden betrügt, wird gesperrt. Im Breitensport stellt jeder seine eigenen Regeln auf, Hobbyathleten müssen nicht mit Dopingtests rechnen.

Früher hieß es: Kleider machen Leute. Heute gilt: Muskeln machen Leute."

Patrick geht zurzeit viermal pro Woche ins Studio. Sein Ziel ist es, einen "Fitnesskörper" zu bekommen, so nennt er das. Definierte Muskelstränge, die an Schultern, Brust und Oberschenkeln Streifen bilden und die Körperteile voneinander abgrenzen. "Das ist nach meiner Definition ein schöner, ästhetischer Körper", sagt Patrick, "die Wertschätzung spielt für mich eine große Rolle. Ich mag es, angesprochen zu werden, Blicke anzuziehen. Ein guter Körper ist heute ein Statussymbol. Früher hieß es: Kleider machen Leute. Heute gilt: Muskeln machen Leute." 

(Bild: Markus Hintzen)

Und geht das nur mit Doping? "Nein ", sagt Patrick, "aber es erleichtert mir den Weg zum Ziel".

Es ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten zu dopen. Wer seinen Körper mit Testosteron, Insulin oder Wachstumshormon aufmotzen möchte, den hindert kein Gesetz daran. Laut Paragraf 6a des Arzneimittelgesetzes ist es allerdings strafbar, Präparate zu Dopingzwecken im Sport "in den Verkehr zu bringen, zu verschreiben oder bei anderen anzuwenden" sowie "in nicht geringer Menge zu erwerben oder zu besitzen". Wer beim Handel mit Anabolika erwischt wird, dem drohen bis zu drei Jahre Gefängnis; in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre.

Der Produzent 

Ein Samstagmittag in einer Pizzeria im Umland von Stuttgart, Tim schlägt für das Interview einen Tisch in der hinteren Ecke vor. Tim heißt eigentlich anders. Er ist einer von denen, die erwischt wurden. Er sitzt im Knast. Tim ist zwar Freigänger, er darf sich elf Stunden am Tag außerhalb der Mauern bewegen, doch jeden Abend muss er zurück sein im Gefängnis. 

Vor vier Jahren wurde er verurteilt wegen des "gewerbsmäßigen Inverkehrbringens von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport", so stand es in der Anklageschrift. Tim betrieb eines der lukrativsten und produktivsten Untergrundlabors Deutschlands. Er kochte, mixte und vertrieb Anabolika-Präparate in großem Stil. Am Ende flog er auf. Hausdurchsuchung. U-Haft. Gerichtsverhandlung.

"Ich hätte viermal so viel herstellen können, so groß war die Nachfrage."

In seinem Fitnessstudio lernte Tim einen Pumper kennen, der in einer Mietwohnung ein Untergrundlabor betrieb. Er suchte einen Nachfolger für das Business und fragte Tim, ob er Interesse habe. Tim war begeistert. Er bestellte über das Internet Anabolika-Rohstoffe: Testosteron Enantat, Testosteron Propionat, Nandrolon Decanoat, Trenbolon Enantat und Trenbolon Acetat. Er kaufte bei einer Firma in China ein, für bis zu 10.000 Euro pro Bestellung. Die Rohstoffe kamen in Pulverform, luftdicht eingeschweißt. 

Tim funktionierte seine Küche zu einer kleinen Dopingfabrik um. Die Produktion lief immer gleich: Er nahm das Pulver, dazu kamen Rizinusöl und Ethyloleat. Er kochte die Mixtur auf und desinfizierte sie mit Benzylalkohol. Zum Schluss füllte er die Flüssigkeit in Zehn-Milliliter-Ampullen ab. Fertig. Für zwei Liter Dopingmittel brauchte er 90 Minuten. Tims Tage bestanden nur noch aus Krafttraining und Kochen. "Ich war total besessen", sagt er. 

Ich war total besessen.

In Webforen postete er seine Produktpalette. 30 Substanzen hatte er im Angebot, dazu Präparate in Tablettenform. Sein E-Mail-Eingang mit den Bestellungen quoll über. "Werbung musste ich nicht machen", sagt Tim, "ich hätte viermal so viel herstellen können, so groß war die Nachfrage."

Tim verkaufte die Ampullen und Tablettendöschen an Reseller, die die Präparate ihrerseits übers Internet oder in Studios weitergaben. So verdiente Tim im Monat bis zu 5000 Euro. Doch das schöne Leben war bald vorbei. Polizisten in München schnappten einen von Tims Resellern, er hatte auf Parkplätzen von Fitnessstudios gedealt. Die Beamten verfolgten die Handelskette zurück, bis sie vor Tim Wohnungstür standen. 

Ich habe Leben aufs Spiel gesetzt.

Viele Dealer wissen nicht, wie hart die Staatsanwälte inzwischen durchgreifen. "Den meisten fehlt das Bewusstsein dafür, wie gefährlich es ist, das Zeug zu vertreiben", sagt Tim, "ich habe Leben aufs Spiel gesetzt."

Die Nebenwirkungen der Medikamente sind enorm, Steroid-Konsumenten können einen vergrößerten Herzmuskel bekommen und einen Infarkt erleiden. Sie können an Bluthochdruck, Stimmungsschwankungen und Depressionen erkranken. Bei Männern verkleinern sich die Hoden. Sobald der Körper Testosteron von außen bekommt, fährt er die eigene Produktion herunter. Bei vielen Sportlern, die sich mit Anabolika dopen, schrumpfen die Hoden auf Erbsengröße.

Tim hatte zuletzt viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Auch über die Frage, warum das Dopen so beliebt ist. Für ihn hat die Antwort vier Buchstaben: Yolo. "Viele, die im Studio an ihrem Körper arbeiten, leben nach diesem Motto", sagt Tim, "sie wollen alles, und zwar sofort. In den U-Labs werden die Produkte zu diesem Lifestyle hergestellt."

Der Geschädigte 

Die erste Tablette hat David vor sechs Jahren geschluckt. Er war 14 Jahre alt. Die Pille war weiß, rund und so groß wie ein Smartie. Mit 17 wollte David sich zum ersten Mal umbringen. Er stand am Bahngleis in Erfurt und wartete auf den ICE aus Fulda.

Seit zwei Wochen taten ihm damals die Brustwarzen weh, und David hatte gelesen, der Körper wandle überschüssiges Testosteron in das weibliche Sexualhormon Östrogen um. Er hatte Panik, dass ihm ein Busen wächst von dem Zeug, das er ständig einwarf. Lieber tot als "bitch tits", so nennen Jungs wie David die Dinger, die sie kriegen können von Anabolika.

David zitterte, als er den Zug kommen sah. Er blieb stehen.

Seit jenem Tag hat David keine Anabolika mehr genommen, er ist seit 34 Monaten clean. Aber die Spätfolgen machen ihn fertig. David heißt nicht David. Er ist ein stiller Kerl, ein Angler, der am liebsten auf Brasse geht. Er läuft über den Domplatz in Erfurt und blickt aus müden Augen: Er hat wieder die halbe Nacht auf dem Klo gehockt, Durchfall ist so eine Nebenwirkung, die ihn bis heute quält.

Die Pillen öffneten ihm eine neue Welt.

Die erste Pille bekam David von Thomas, dem älteren Bruder eines Freundes. David nahm sie auf dem Weg zum Fitnessstudio, dann setzte er sich ans Curlpult, um den Bizeps zu trainieren. Ging gut. Er war angefixt und kaufte bei Thomas eine ganze Packung.

Nach drei Wochen drückte David auf der Bank 65 Kilo. Vorher hatte er nie mehr als 35 Kilo geschafft. Die Pillen öffneten ihm eine neue Welt. David war jetzt einer, auf den die Mädchen stehen. Er lernte Tanja kennen, seine erste Freundin.

David ging jeden Tag ins Studio, zuerst eine Stunde lang, dann zwei, dann zweieinhalb, "bis ich aus den Poren gequalmt habe", sagt er. Er verdoppelte die Anabolika-Dosis, nahm zwei Tabletten auf einmal. Er bestellte sich Testosteron-Booster, ein Pulver, mit dem er sich jeden Morgen einen Drink anrührte. 

(Bild: Marcus Simaitis)

Weil sein Taschengeld nicht reichte, um an den Stoff zu kommen, klaute David. Er zog anderen Jungs das Portemonnaie ab, brach in eine Zahnarztpraxis ein und verhökerte das Diebesgut. Zwei Jahre ging das so.

Im Lauf der Zeit wurde David immer aggressiver, beim kleinsten Anlass stauchte er seine Freundin zusammen. "Wenn ich ProSieben geguckt habe und sie wollte, dass ich auf RTL umschalte, habe ich sie zur Schnecke gemacht", sagt David. Und wenn Tanja mit ihm kuscheln wollte, ging er auf Distanz. "Intim lief nichts."

Morgens wachte er schweißgebadet auf, sein Herz raste. Pickel sprossen in seinem Gesicht, auf den Schultern und dem Rücken – er hatte Steroid-Akne. Rote Flecken und Narben bildeten sich auf seiner Haut. Davids Augen färbten sich gelb, Anabolika belasten die Leber. Dazu die Schmerzen an den Brustwarzen. Es war zu viel für ihn, und David machte sich auf den Weg zu den Bahngleisen.

(Bild: Marcus Simaitis)

Er setzte die Tabletten und das Pulver ab, er ging nicht mehr in den Fitnessklub. Doch so schnell, wie er seinen Körper aufgepumpt hatte, so schnell fiel er jetzt in sich zusammen. David verlor an Gewicht. Er war antriebslos und lag oft im Bett. "Ich dachte, ich verfaule", sagt er.

Die depressiven Phasen kamen und gingen. Wenn er einen kräftigen Oberarm sah, wurde er eifersüchtig, das konnte einen Schub auslösen. Seine Eltern wunderten sich, was mit ihrem Sohn los ist, fragten aber nicht weiter nach. David erzählte ihnen nichts, sie wissen bis heute nicht, dass er Anabolika genommen hat. 

David läuft über den Domplatz in Erfurt, dünn und blass. Er leidet an Magenkrämpfen, oft ist ihm übel. Aber er trainiert wieder, ein bisschen. Er kann es nicht lassen. Bei seinen Eltern im Keller stemmt er Gewichte. In sein altes Fitnessstudio geht er aber nicht. Er schämt sich. "So wie ich aussehe", sagt David.


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Tim, der Produzent, ist geläutert, er hat verstanden, dass er "riesengroßen Mist" gebaut hat. Er sagt, er könne sich gut vorstellen, Aufklärungsarbeit in Sachen Anabolika zu leisten. Irgendwann, nach seiner Haft.

Und Patrick, der Doper, hat Stress mit seiner Freundin. Sie mag es nicht, dass er nur sein Krafttraining im Kopf hat. Sie mag es nicht, dass er dopt. Sie sagt, das Zeug mache ihn "arschlochhaft". Patrick meint, es daure nicht mehr lange, dann stelle sie ihn vor die Wahl: sie oder das Doping. "Dann müssen wir uns trennen", sagt er. "Ich werde wegen ihr nicht aufhören. Das ist es mir nicht wert."

Dieser Text ist zuerst im SPIEGEL erschienen. Wir haben ihn ein wenig gekürzt.

Du willst mit Doping aufhören oder gar nicht erst anfangen?

Martin Hörning ist Professor für Sozialmedizin an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn. Er leitet das Programm "No roids inside", Roids ist die Abkürzung für Steroide. Hörning hält in Fitnessstudios Vorträge über die Gefahren von Anabolika und berät Freizeitsportler, die mit dem Dopen aufhören wollen. 

Was tue ich, wenn ich gar nicht erst in Versuchung kommen will, Dopingmittel zu nehmen?
  1. Informiere dich über Trainingsmethoden, bei denen bewusst auf den Einsatz von Chemie und Medikamenten verzichtet wird. Ein Beispiel dafür: Natural Training. 
  2. Suche dir ein Fitnessstudio, in dem es eine gute Anleitung durch die Trainer gibt. Bei kompetenter, persönlicher Betreuung ist die Gefahr geringer, dass im Studio ein dopingverseuchtes Milieu entsteht.
  3. Bleib im Studio weg von Sportlern mit bulliger Statur und vielen Pickeln auf dem Rücken, denn die dopen wahrscheinlich selbst.
 Was tue ich, wenn ich regelmäßig Dopingmittel konsumiere und damit aufhören möchte?
  1. Gehe zu einem Arzt und bitte ihn um Hilfe. 
  2. Wenn du nicht zu einem Arzt gehen möchtest, kannst du dich anonym an die Experten von "No roids inside" wenden. 
  3. Sei dir bewusst, dass dein Körper eine gewisse Zeit braucht, um wieder normal zu funktionieren. Deine natürliche Hormonproduktion muss wieder angeworfen werden, das dauert ungefähr fünf bis sechs Wochen, manchmal auch länger.