Bild: Afghan Ski Challenge

Sport

Afghanische Skifahrer träumen von Olympia

01.03.2016, 14:05 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Und geben so einer ganzen Region Hoffnung.

Ein Skirennen in Afghanistan? Am 4. März ist es wieder soweit, bereits zum sechsten Mal findet die Afghans Ski Challenge in der Provinz Bamiyan westlich von Kabul statt. Etwa 50 Teilnehmer, darunter 20 ausländische Sportler, gehen an den Hängen des über 5000 Meter hohen Koh-e-Baba-Massivs an den Start. Das jährliche Spektakel zieht mehrere hundert Zuschauer aus der Umgebung an.

Nun sollen auch die Skitouristen kommen. Die Provinz Bamiyan kann neue Gäste vertragen: Einst war sie für ihre riesigen Buddha-Statuen berühmt – bevor die Taliban diese vor fünfzehn Jahren in die Luft sprengten. Dort, wo das große Loch im Stein zu sehen ist, standen einst die beeindruckenden Statuen:

Das Skirennen wird vom Bamiyan Ski Club organisiert

Der Schweizer Journalist Christoph Zürcher gründete den Bamiyan Ski Club vor fünf Jahren. Zu der Zeit berichtete er als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung über die Situation in Afghanistan. Als er zum ersten Mal nach Bamiyan kam, brachten ihn die unberührten Hänge des Koh-e Baba auf die Idee, einen sanften Skitourismus in der Region zu etablieren. Seitdem die Taliban 2001 aus Bamiyan vertrieben wurden, herrscht dort Frieden. Allerdings mangelt es an wirtschaftlicher Perspektive für die Bevölkerung. Der Aufbau einer Skiindustrie könnte hier helfen.

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Deshalb organisiert der Club mit Unterstützung der schiitischen Entwicklungsorganisation Aga Khan Foundation und der Schweizer Skimarke Völkl einmal im Jahr ein Skirennen in der Provinz. Zudem bildet der Club afghanische Rennfahrer aus. Nun hofft das Team zwei von ihnen, Alisha Fahrang und Sajjad Husaini, so fit zu machen, um sie in zwei Jahren zu den Olympischen Winterspielen nach Südkorea zu schicken. Es wäre das erste Mal, das sich afghanische Skisportler für Olympia qualifizieren.

Das ist Sajjad Husaini:

Ich wünschte ich hätte noch früher mit dem Skifahren anfangen können.
Sajjad Husaini

Sajjad musste als Kind mit seiner Familie vor den Taliban fliehen. Als der 23-Jährige nach Jahren im Iran wieder in seine Heimat zurückkam, fing er dort mit dem Skifahren an. Den Bewohnern der Region sei der Sport zu Anfang seltsam vorgekommen: Skifahren hat keine Tradition in Afghanistan. Vor allem Eltern hatten Sorge, dass ihre Kinder sich erkälten würden, wenn sie das warme Haus verlassen und hinaus in den Schnee gehen.

In der Region gibt es nämlich kein Krankenhaus, die ärztliche Versorgung ist schlecht. Mittlerweile ist das Skifahren fester Bestandteil des Lebens in Bamiyan – und die Kinder bauen sich zum Teil selber Skier aus Holz, um teilzunehmen.

Manche tun sich bei den ersten Fahrversuchen leichter als andere:

Sajjad gewann schon bei seiner zweiten Challenge den ersten Platz und stand seitdem jedes Jahr auf dem Treppchen. Genauso wie der 25-jährige Alisha Farhang, der das Rennen viermal gewann und mittlerweile als Manager im Bamiyan Ski Club arbeitet. Genau wie Sajjad kommt Alisha aus der Region Bamiyan. Als er die ersten ausländischen Skifahrer dort sah, war er sofort begeistert. Er fragte einen der Skilehrer, einen Italiener, ob er ihm das Fahren beibringen würde. Das war der Start seiner Karriere.

"Skifahren ermöglichte mir ein komplett neues Leben. Vorher sprach ich kein Englisch und wusste nicht viel von der Welt oder von Sport. Jetzt kann ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen." Diesmal will Alisha nicht am Rennen in Bamiyan teilnehmen. Sajjad und er haben höhere Ziele: die Olympischen Winterspiele 2018.

Das ist Alisha Farhang:

Das Skifahren ermöglichte mir ein komplett anderes Leben.
Alisha Farhang

Letztes Jahr lud Zürcher die beiden Talente zum Trainingslager nach St. Moritz in die Schweiz ein. Hier findet jeden Winter ein Benefiz-Rennen statt, dessen Einnahmen die beiden Hoffnungsträger unterstützen. Sajjad und Alisha haben nun seit jedes Jahr die Gelegenheit, zwei Monate mit dem ehemaligen Skirennfahrer Martin Berthod zu trainieren – und in den Genuss von Skiliften zu kommen. In Bamiyan gibt es davon noch keinen, auch wenn ein Bau in Planung ist. Bis dahin ist der Aufstieg Teil der Afghans Ski Challenge. Mit einer Rekordzeit von über 20 Minuten ist es also eher ein Skitourenrennen.

(Bild: Afghan Ski Challenge)

Das Spektakel soll aber nicht nur den Skisport unter Afghanen bekannter machen, sondern auch internationale Touristen anlocken. Das britische Reiseunternehmen Untamed Borders bietet die Abenteuerreise als Komplettpaket für gut 2000 Euro an. Mittlerweile gibt es auch eine Flugverbindung von Kabul nach Bamiyan, was die Anreise vereinfacht. Die Anfahrt aus Kabul mit dem Auto ist dagegen nicht sicher: die Präsenz der Taliban und die generelle Sicherheitslage im Land stellen auch die größten Probleme für die Weiterentwicklung des Skitourismus in der Region dar, sagt Zürcher. Trotzdem denkt er schon an Expansion: Das benachbarte Panschir-Tal etwa, welches ebenfalls recht sicher, von Kabul aus aber besser zu erreichen sei, wäre ein Kandidat für Afghanistans zweites Skigebiet.

Bisher hat das Skiprojekt "nicht nur mein Leben verändert, sondern auch das von ganz Bamiyan", sagt Sajjad. Er meint zum Beispiel das Skirennen nur für Frauen, das es seit drei Jahren gibt – in einem Land, in dem es viele schon verwerflich finden, wenn Frauen Fahrrad fahren.

Die Siegerehrung der Frauen 2013

Die Siegerehrung der Frauen 2013 (Bild: afghanskichallenge.com/)

Dass er bei den Olympischen Spielen gewinnen könnte, daran glaubt Sajjad nicht. "Aber als erster Skirennfahrer Afghanistans mein Land dort zu vertreten, das würde mich schon sehr stolz machen."

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