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Queer

​Wie Grindr in Israel schwule Palästinenser und Juden zusammenbringt

01.09.2016, 10:23 · Aktualisiert: 01.09.2016, 11:59

Aviel, 26, lebt in Tel Aviv und sucht gezielt nach arabischen Männern für die Nacht.

Sanft streicht er über "Phoenix", der nur seine Bauchmuskeln fotografierte, über "Nightdream", der mit Dreitagebart in die Kamera grinst und über "Mohammad68", der Gewichte stemmt.

Aviel, 26, ist jüdisch, schwul, lebt in Tel Aviv und sucht bei der Dating-App Grindr gezielt nach arabischen Männern für die Nacht. Ihn stört nicht, dass sich Israelis und Palästinenser seit Jahrzehnten unversöhnlich im Nahost-Konflikt gegenüberstehen. Im Gegenteil: "Eigentlich ist das genau der Reiz. Man will doch meist das, was schwer zu bekommen ist."

Aviel heißt in Wirklichkeit anders

Aviel heißt in Wirklichkeit anders

Tel Aviv gilt seit Jahren noch vor Beirut als größte Schwulenmetropole im Nahen Osten. Seit 1988 ist Homosexualität in Israel nicht mehr strafbar. Seitdem entwickelte sich in Tel Aviv, Israels kulturellem Zentrum, eine große Community mit unzähligen Bars, Clubs und einer " Gay Pride Parade", die jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen auf die Straßen und an die Strände lockt.

Auf dem "Gay Happiness Index", 2015 von "Planet Romeo" veröffentlicht, rangiert Israel auf dem siebten Platz der Weltrangliste. Dazu tragen auch die lockeren Gesetze bei: Bislang ist eine Homo-Ehe zwar noch nicht möglich, schwule Partner haben es dennoch leicht, ein Kind zu adoptieren oder sich mit einer Leihmutter den Familien-Traum zu erfüllen.

In der Slideshow: So leben Homo- und Transsexuelle in Tel Aviv

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Aviels Bekanntschaften sind in der Regel Palästinenser mit israelischem Pass, die in Tel Aviv wohnen, in Jaffa, in Umm al-Fahm oder in einem anderen arabischen Dorf in Israel. Offiziell gehören sie zur nationalen Gemeinschaft, sie leben aber in Parallelgesellschaften mit eigenen Regeln , einer eigenen Moral und eigenen Treffpunkten. Schuld daran ist der schwelende Konflikt, der wenig Raum für Liebe und Vertrauen lässt.

Homosexualität gilt in arabischen Gesellschaften für viele noch als unmännliches Verhalten, als Schande, darum hält die überwiegende Mehrheit der Palästinenser in Israel ihre sexuelle Orientierung geheim.

Sich in stadtbekannten Schwulenbars zu treffen, kam für Palästinenser lange Zeit kaum in Frage. Zu groß war die Gefahr, gesehen zu werden, zu groß die Angst vor dem Zorn der eigenen Väter, Brüder und Onkel. Darum sind auch zum Schutz der Protagonisten alle Namen in dieser Geschichte geändert.

Doch dank der sozialen Medien weichen diese unsichtbaren Grenzen zwischen der israelischen und palästinensischen Schwulen-Community immer weiter auf. Besonders Grindr ermöglicht einen regen Austausch zwischen Männern, die sich im Alltag sonst kaum vernetzen können.

Mehr als zwei Stunden täglich verbringt Aviel online. Schaut, chattet, schickt Bilder, verabredet sich. Manchmal mit zwei Männern am gleichen Tag. Meist lädt er seine Partner zu sich nach Hause ein.

"Es ist ein bisschen wie Trampen", sagt Aviel. "Du weißt vorher nicht, zu wem du da ins Bett steigst. Stimmt die Chemie, dann wird es eine gute Fahrt. Wenn nicht, dann steigst du einfach wieder aus."

Über Nacht darf niemand bleiben, auch nicht, wenn der Sex gut war. Neben jemanden aufzuwachen, sei intimer als mit jemandem zu schlafen. Das gehöre in Beziehungen, sagt er. Und dafür fühlt er sich noch viel zu jung, er will jetzt Spaß haben, sich austoben. Außerdem brauche echte Liebe Zeit und Vertrauen. Schwierig in einer Stadt voller Clubs, Bars und Grindr.

Seit drei Jahren genießt Aviel das leichte Leben in Tel Aviv, in der Blase, wie Israelis die Stadt gerne nennen; so wie das preisgekrönte israelische Drama "The Bubble". Der Film dreht sich um die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen einem Israeli und einem Palästinenser, die im hedonistischen Tel Aviv beginnt und durch den Nahostkonflikt am Ende doch tragisch endet.

Im vergangenen Jahr attackierte ein ultraorthodoxer Jude Teilnehmer der Gay Parade in Jerusalem mit einem Messer und tötete ein 16-jähriges Mädchen. Sein Motiv: Hass auf Homosexuelle. Liebe außerhalb der göttlichen Gesetze konnte er nicht ertragen. Schon gar nicht in der heiligen Stadt, die Gläubige aller drei großen Religionen gleichermaßen beseelt und radikalisiert.

Fassungslosigkeit und Trauer nach einem Anschlag bei der Gay Pride Parade in Jerusalem 2009.

Fassungslosigkeit und Trauer nach einem Anschlag bei der Gay Pride Parade in Jerusalem 2009. (Bild: dpa / Abir Sultan)

Auch in den Vororten und in den Kibbuzim, jenen dörflichen Zusammenschlüssen auf dem Land, tun sich einige Menschen schwer damit, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu dulden. Dort wird aber selten laut protestiert: Homosexualität ist für viele akzeptabel, solange es nicht die eigene Familie betrifft .

Seine Kindheit verbrachte Aviel in einem 400-Seelen-Kibbutz am Rande der Negev-Wüste, wo jeder jeden grüßte. Ein guter Ort, um aufzuwachsen, ein schlechter, um Geheimnisse zu hüten . Der Vater ist Architekt, die Mutter Kindergärtnerin, seine zwei Schwestern und der Bruder sind ein paar Jahre älter, alle patriotisch, aber nicht streng-religiös. Manchmal kam auch Schweinefleisch auf den Tisch.

Mit 14 Jahren färbten sich Aviels Wangen rot, wenn er den Sportlehrer sah.

Da ahnte er, dass er Jungs lieber mag als Mädchen. Mit 18 beendete Aviel die Schule und lernt seinen ersten Freund kennen. Gerne hätte er seiner Familie von dem jungen Mann erzählt, geschwärmt, ihn vorgestellt.

Und auch wenn die Beziehung zwischen den beiden nur kurz währte, gab sie doch den entscheidenden Anstoß zu Aviels Coming-Out. An einem letzten glutheißen Tag im September bat Aviel seinen Vater um ein Gespräch. Gemeinsam spazierten sie an den Rand des Dorfes, dort blieb Aviel stehen. "Papa! Ich glaube ich bin schwul." Der Vater umarmte ihn. "Hör auf zu weinen", sagte er, " du bist mein Sohn und ich liebe dich."

In Tel Aviv macht sich Aviel jetzt schön für die Nacht, mit ein paar Freunden will er ausgehen. Ihr Ziel: Das "Comfort 13". Der Club liegt in Florentin, einem schmuddeligen aber angesagten Viertel im Süden von Tel Aviv. Die Mieten hier sind günstig und die Partys gut. An regulären Abenden tanzen die Gäste bis in die Morgenstunden zu elektronischen Tönen. Heute spielt der DJ arabischen Pop, und statt der jüdischen Bohéme tanzen auf der Fläche palästinensische Männer.

Etwa alle sechs Wochen finden im "Comfort 13" die " Palestinian Queer"-Partys statt. Veranstalter ist die arabische Schwulen-Organisation "Al-Qaws", ("Regenbogen"). Weil die meisten Gäste zu einer unverdächtigen Zeit in ihre arabischen Dörfer zurückkehren müssen, spielt der DJ bereits am späten Nachmittag die ersten Lieder, um 23 Uhr die letzten. Zum Schutz der Männer ist es verboten, zu fotografieren oder Videos zu drehen.

Aviel lehnt an der Bar und schaut sich um. Die ersten Gäste tanzen bereits mit nacktem Oberkörper, ein Pärchen neben ihm küsst sich selbstvergessen. Aviel scrollt durch Grindr und sieht, dass Hussein in der Nähe steht. Die beiden kennen sich flüchtig über eine gemeinsame Freundin. Aviel entdeckt ihn auf der anderen Seite, Jeans, nackter Bizeps, hartes Gesicht, ein Wasser in der Hand.

Heimlich aber eskalativ - Party in einem Schwulenclub in der Altstadt.

Heimlich aber eskalativ - Party in einem Schwulenclub in der Altstadt. (Bild: dpa / Abir Sultan)

Hussein, 28, arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus. Vor sieben Jahren tauschte er sein enges arabisches Dorf in Israels Norden gegen die Großstadt. Seine muslimische Familie ahnt nicht, dass er Männer liebt. Hussein ist sich sicher: " Sie würden mir sehr weh tun, wenn sie es wüssten."

Vor kurzem wäre sein Doppelleben fast aufgeflogen. "Jemand muss mich in Tel Aviv mit einem Mann auf der Straße erkannt und es meiner Mutter erzählt haben." Sie forderte umgehend ein Gespräch, weinte, schrie, wollte nicht glauben, dass ihr ältester Sohn in Sünde lebt. Hussein stritt alles ab, er log, schwor und beschwichtigte. Die Mutter glaubte ihm, wollte ihm unbedingt glauben, so erzählt Hussein es. Seitdem fährt er nur noch selten nach Hause , höchstens alle sechs Monate und er bleibt nicht mal über Nacht.

Auch in Tel Aviv fällt es Hussein schwer, glücklich zu werden. Von der Freiheit der Stadt profitieren vor allem die jüdischen Schwulen, so fühlt es sich für ihn an.

Ständig müsse er beweisen, dass er ein guter Araber sei. "Dass ich mich nicht in die Luft sprenge und Juden nicht hasse." In solchen Situationen erzählt er meist von seinem jüdischen Exfreund. Drei Jahre waren die beiden ein Paar, wohnten sogar zusammen. "Das beruhigt die Leute", sagt Hussein, " ein Araber, der schwul ist und einen Juden liebt, kann wohl kaum ein Terrorist sein."

Aviel hat inzwischen auch Mahmouds Profil entdeckt; mit dem 28-Jährigen verbrachte er bereits eine Nacht. Eine Stunde später tanzen die beiden eng umschlungen, während sich der Club langsam leert.

Viel Zeit bleibt beiden nicht mehr: Noch vor dem Morgengrauen muss Mahmoud zurück in sein muslimisches Dorf , die Familie darf nicht erfahren, wo und mit wem er seine Nächte verbringt. "Einen Freund von mir haben sie blutig geschlagen, als herauskam, dass er schwul ist", sagt er.

Am Ende der Nacht wird Aviel wieder alleine in seinem Bett liegen und vor dem Einschlafen noch lange über die Profile bei Grindr streichen. Für den nächsten Tag ist er schon verabredet. Diesmal mit einem christlichen Palästinenser aus Bethlehem, der als Marketing-Manager in einem Hightech-Unternehmen in Tel Aviv arbeitet. Aviel freut sich auf das Treffen. Es wird ihr einziges sein.


Haha

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01.09.2016, 08:23

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