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Bild: Pixabay

Queer

Brauchen wir eine genderneutrale Sprache?

18.12.2015, 10:50 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Deutschland mag sich nicht gern geschlechtsneutral ausdrücken. Warum eigentlich?

Andrea sitzt in der Kirche, wie jede Woche. Der Pfarrer spricht zur Gemeinde: „Meine Brüder und Schwestern...“ Ein normaler Gottesdienst, doch Andrea fühlt sich verletzt, missachtet: "Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr hinhören."

Nach dem Training kommt eine Frau zu Kim und sagt: "Entschuldigen Sie, Frau Winkler…" Kim muss schlucken und fühlt einen stechenden Schmerz.

"Mich nerven diese Rollenbilder."
Julia

Andrea und Kim, beide heißen eigentlich anders, haben eines gemeinsam: Sie kommen in der deutschen Sprache nicht vor. Sie sind intersexuell. Jedes Mal, wenn sie angesprochen werden, bei jedem Formular, das sie ausfüllen, bei jedem Antrag, den sie stellen, sind sie unsichtbar.

"Es tut unglaublich weh nicht gesehen, nicht wahrgenommen zu werden", sagt Andrea.

"Ich möchte auch nicht alles annehmen, was heutzutage als männlich gilt. Mich nerven diese Rollenbilder. Ich möchte einfach als Mensch wahrgenommen werden", sagt Julia, 23 Jahre und transsexuell.

Vom Deutschen ignoriert

Menschen, die sich wie Inter- oder Transsexuelle keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen können, sind aus der deutschen Sprache ausgeschlossen. Auch viele Frauen fühlen sich vom Deutschen ignoriert. Genderneutrale Sprache würde das Problem lösen, eine Sprache, in der alle Geschlechter vorkommen.

Sprache sei entscheidend für die Sichtbarkeit und die Akzeptanz von Trans- und Intersexuellen, erklärt Andreas Kraß, Mitglied im Berliner Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien: "Wir können nur mit der Sprache kommunizieren. Und mit der genderneutralen Sprache können wir der menschlichen Vielfalt Rechnung tragen."

Studierende statt Studenten

England zum Beispiel hat im Sommer die neutrale Anrede Mx. (gesprochen Mix oder Max) in das Oxford English Dictionary aufgenommen. Außerdem wird im englischsprachigen Raum they als geschlechtsneutraler Ersatz für she oder he diskutiert. Und in Schweden wurde im Frühjahr das Pronomen hen offiziell eingeführt – als neutrale Alternative zu han ("er") und hon ("sie").

In Teilen ist die genderneutrale Sprache schon in Deutschland angekommen: So sind Unis schon länger dazu übergegangen, von Studierenden zu sprechen. Und nicht mehr von Studenten. Und Lann Hornscheidt, Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin, schlug vor, die geschlechtlichen Wortendungen durch ein X zu ersetzen – also Professx statt Professor/in.

Und auch die Grünen haben sich auf dem Parteitag Ende November ihre Partei zum Gender-Star verpflichtet. Neben der Gender Gap (Leser_innen) und dem Binnen-I (LeserInnen) versucht das Sternchen (Leser*innen) all jene Menschen einzubeziehen, die sich nicht in das binäre Mann/Frau-System einordnen wollen.

Sichtbarkeit für alle

"Sprache übersetzt sich in Denken und damit auch in politisches Handeln. Wenn in der Sprache nur Männer benannt werden, schließen wir damit Frauen, aber auch Trans- und Intersexuelle aus", erklärt Gesine Agena, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen. "Wir wollen mit dem Gender-Star eine Sichtbarkeit für alle schaffen."

Schon seit Jahrzehnten setzt sich die Frauenbewegung dafür ein, im Deutschen alle sichtbar zu machen und gleichberechtigt zu behandeln. Die feministische Sprachkritik geht davon aus, dass Frauen derzeit benachteiligt werden und Männer eine Vormachtstellung einnehmen.

Dies führte zu heftigen Diskussionen, aber auch zu Veränderungen: So gibt es in vielen Firmen mittlerweile Leitfäden zur geschlechtergerechten Sprache.

In Deutschland haben wir gerade erst angefangen so etwas Ähnliches wie eine gendergerechte Sprache zu etablieren.
Nike Roos

Anfänge der gendergerechten Sprache

Trotzdem gibt es noch einiges zu tun. Das findet zumindest Nike Roos, gelernte Journalistin und Unternehmerin: "In Deutschland haben wir gerade erst angefangen so etwas Ähnliches wie eine gendergerechte Sprache zu etablieren. Noch nicht einmal die Frauen sind gleichberechtigt. Oft wird nur die männliche Form genannt."

Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, glaubt nicht an ein geschlechtsneutrales Deutsch: Es würde zu stark in das System der Sprache eingreifen, sagt er. "Im Gegensatz zum Englischen ist das grammatikalische Geschlecht im Deutschen stark verankert."

Ist genderneutrale Sprache konstruiert?

Vor allem konservativ-religiöse Kreise sagen, gendern sei wider die Natur. Kraß vom Berliner Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien sagt: "Die Geschlechtervielfalt stellt eine der letzten Gewissheiten des konservativ-bürgerlichen Lagers in Frage, und das löst Ängste aus."

Auch Publizistinnen wie Birgit Kelle setzen sich seit Jahren gegen den „Gender-Mainstream“ ein. In ihrem Buch Gender-Gaga schreibt sie, genderneutrale Sprache und die damit verknüpfte Diskriminierung sei konstruiert. "Mir ist nicht klar, warum die Mehrheit der Weltbevölkerung ihre Sprachkultur wegen einer marginalen Minderheit auf den Kopf stellen muss."

Kim würde sich wünschen, dass Geschlecht in unserer Gesellschaft nicht mehr so wichtig ist. "Letztendlich kommt es doch auf den Menschen an, oder?"

XY-Frauen

Die Selbsthilfegruppe XY-Frauen bietet Intersexuellen die Möglichkeit Kontakt miteinander aufzunehmen und sich auszutauschen. Treffen finden in regionalen und überregionalen Gruppen in Deutschland statt.