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Queer

So kämpft eine türkische Aktivistin gegen das LGBT-Verbot

22.11.2017, 07:00 · Aktualisiert: 22.11.2017, 08:34

Aufgeben? Schweigen? Sevval Kilic lacht laut auf. "Niemals!", sagt sie. "Wir haben unser ganzes Leben lang gekämpft. Wir werden jetzt nicht damit aufhören."

Kilic, Politaktivistin aus Istanbul, sitzt in ihrer Wohnung im Stadtteil Dolapdere. An der Wand hängt eine Regenbogenfahne. Regen peitscht gegen das Fenster. Kilic klickt sich durch E-Mails, Tweets und Facebook-Posts auf ihrem Rechner.

Die türkischen Behörden haben am vergangenen Wochenende sämtliche LGBTI-Veranstaltungen in der türkischen Hauptstadt Ankara bis auf Weiteres gestoppt.

Bereits am Mittwoch zuvor wurde ein "Pinkes Leben Queer Festival", das die deutsche Botschaft in Ankara mitorganisiert hatte, untersagt. Es gehe darum, die "öffentliche Sicherheit" zu schützen, heißt es in einem Statement des Gouverneurs. LGBTI-Veranstaltungen könnten die "Gesundheit und Moral" der Gesellschaft gefährden.

Die Bundesregierung kritisierte die Entscheidung. "Die Freiheit der Kunst und die Rechte von Minderheiten sind unantastbar", schrieb Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, auf Twitter. Bei Aktivistin Sevval Kilic gehen seit dem Wochenende beinahe stündlich Nachrichten von Mitstreitern, Unterstützern, Journalisten ein.

"Wir werden uns gegen dieses Verbot wehren", sagt sie. "Die türkische Zivilgesellschaft lebt."

Kilic, 46 Jahre alt, gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen der türkischen Queer-Bewegung. Sie hat die LGBTI-Organisationen "LambdaIstanbul" und "Istanbul LGBTT" mitgegründet und richtet die Gay-Pride-Parade in Istanbul mit aus.

Das Verhältnis der Türkei zu sexuellen Minderheiten ist seit jeher ambivalent:

  • Im Osmanischen Reich war, anders als in vielen europäischen Ländern, Homosexualität nicht verboten.
  • Schwule aus Deutschland, Frankreich, England flohen Anfang des 20. Jahrhunderts nach Istanbul.
  • Gleichzeitig mussten LGBTI-Personen stets für ihre Rechte streiten.
  • Die Regierung ging gerade nach dem Militärputsch 1971 immer wieder gewaltsam gegen Menschen mit nonkonformer sexueller Orientierung vor.

Recep Tayyip Erdogan versprach nach seinem Amtsantritt als Premier 2003, die Türkei nach Europa zu führen. Im Zuge des EU-Beitrittsprozess stärkte seine muslimisch-konservative AKP zumindest in der ersten Legislaturperiode Minderheitenrechte.

LGBTI-Aktivisten erkämpften Freiräume:

  • Die Türkei ist eines von wenigen mehrheitlich muslimischen Ländern, das Gay-Pride-Paraden erlaubt hat.
  • Bülent Ersoy, eine berühmte transsexuelle Sängerin, nahm im vergangenen Jahr an einem Iftar-Essen von Präsident Erdogan teil.

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

Epa / Sedat Suna
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Epa / Cem Turkel
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Epa / Tolga Bozoglu
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Epa / Deniz Toprak
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Für Kilic, wie für die gesamte queere Szene, markierten die Proteste im Istanbuler Gezi-Park eine Zäsur.

Hunderttausende Menschen gingen im Frühsommer 2013 gegen die Regierung auf die Straße, LGBTI-Aktivisten bildeten einen eigenen Block. Auf dem Christopher Street Day, wenige Wochen später, forderten abermals 100.000 Demonstranten Rechte für Schwule und Lesben ein. Kilic glaubt, dass sich die AKP durch den Erfolg der Queer-Bewegung herausgefordert fühle:

"Wir wurden sichtbar und selbstbewusst. Das gefällt vielen Konservativen nicht."​

In den vergangenen Jahren löste die Polizei Gay-Pride-Paraden regelmäßig auf. Unmittelbar bevor der Gouverneur von Ankara LGBTI-Veranstaltungen am Wochenende verbieten ließ, verurteilte Präsident Erdogan Pläne der Republikanischen Volkspartei (CHP), Quoten für Homosexuelle in Stadtverwaltungen einzuführen. Schwule und Lesben zu stärken, verstoße gegen "die Werte der Nation", sagte er. Erdogans Politik ziele zunehmend auf eine Spaltung der Gesellschaft, kritisiert Kilic. "Wir LBGTI-Personen sind ein naheliegendes Feindbild."

Kilic will sich auch von den jüngsten Attacken nicht einschüchtern lassen. Sie ist gewohnt, für ihre Rechte einzutreten. Kilic wurde als Mann geboren.

Sie hatte gerade begonnen, in Istanbul Politik zu studieren, als sie beschloss, sich umoperieren zu lassen. Für Transsexuelle ist es bis heute schwierig, in der Türkei Arbeit zu finden. Etliche Trans-Frauen sind gezwungen, sich zu prostituieren. Auch Kilic verdiente eine Zeit lang als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt. Später arbeitete sie für "Kadin Kapisi", eine NGO, die sich unter anderem für den Schutz von Sexarbeiterinnen engagiert.

Kilic und ihre Kolleginnen und Kollegen haben es geschafft, dass Gewalt gegen sexuelle Minderheiten in der Türkei nicht länger totgeschwiegen wird. Als die transsexuelle Aktivistin Hande Kader im vergangenen Jahr in Istanbul ermordet wurde, gingen kurz darauf Tausende Menschen aus Protest auf die Straße, auch heterosexuelle Männer und Frauen.

"Die Menschen verstehen langsam, dass es nicht um die Interessen Einzelner geht", sagt Kilic, "sondern dass wir alle gemeinsam für eine gerechte, pluralistische Gesellschaft kämpfen müssen."

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