Bild: privat

18.06.2018, 09:54

Als Zeichen gegen Erdogan.

Wenn Hasan von Tür zu Tür geht, dann weiß er nie, ob er sich gleich Beschimpfungen gefallen lassen muss. Oder ob er doch über sein Wahlprogramm sprechen darf. Was passiert, hängt oft damit zusammen, ob ihm ein Erdogan-Anhänger öffnet.

Hasan Atik ist schwul. Und er will ins türkische Parlament – als einziger Kandidat, der offen zu seiner Homosexualität steht.

Am 24. Juni wählt die Türkei einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament. Die Wahlen hätten eigentlich erst im November 2019 stattfinden sollen, doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sie überraschend um anderthalb Jahre vorgezogen. (bento)

Für Erdogan geht es um Machterhalt.

Für Hasan um eine gerechtere Türkei.

"Ich will Gleichberechtigung für jegliche Minderheiten erreichen", sagt der 28-Jährige zu bento, "und möchte dafür eine Stimme." Erdogan hatte die vorgezogenen Wahlen Ende April verkündet, knapp einen Monat später wurde Hasan als Kandidat von der HDP aufgestellt – drei Wochen vor der Wahl.

Die linke HDP gilt in der Türkei als Kurdenpartei, sie setzt sich für die Minderheiten im Land ein.

Hasan tritt in der Kleinstadt Edirne im tiefsten Westen des Landes an. Er engagiert sich bereits seit Jahren in der türkischen LGBT-Szene und klärt über den HI-Virus auf. Nun will er Wähler mit einem klassischen Wahlkampf überzeugen.

Auf Twitter verkündete er seine Kandidatur – der Hashtag bedeutet übersetzt "Mit dir kommt der Wandel":

"Wir gehen von Tür zu Tür und versuchen, mehr Unterstützer in diesem Kampf um Gleichberechtigung zu finden." Allzu groß sind Hasans Chancen nicht – durch seine Homosexualität steht er trotzdem im Mittelpunkt der Debatten.

"Professionelle Social-Media-Agenten der Regierung hetzten gegen mich", sagt Hasan. Regierungsnahe Medien wie "Akit TV" würden ebenfalls diffamierende Beiträge drehen. Immer wieder werde er unter Druck gesetzt, seine Sicherheit sei bedroht, sagt er. Angst haben er dennoch nicht. Im Gegenteil:

Die Hetzerei spornt mich an weiterzumachen.​
Hasan Atik

Um Mitglieder der LGBT-Szene steht es schlecht in der Türkei – vor allem Schwule werden in jüngster Zeit wieder stärker unterdrückt.

Die Rechte von Homosexuellen wurden von der türkischen Regierung lange Jahre ignoriert und nicht ernst genommen. Aber auch nicht aktiv beschnitten. Das änderte sich unter Erdogan – seit LGBT-Aktivisten als Kämpfer für Gleichberechtigung gelten, werden sie bewusst zum Angriffsziel, sagt Hasan.

Wir werden systematisch unterdrückt, ausgegrenzt oder tyrannisiert.
Hasan Atik

Das zeigen auch mehrere jüngere Aktion der Regierung unter Erdogan:

  • Die Pride-Paraden in Istanbul wurden sowohl 2016 wie 2017 kurzfristig verboten – angeblich aus Sicherheitsgründen. (bento)
  • In Ankara gilt seit vergangenem Jahr sogar ein zeitlich unbegrenztes Verbot für jegliche LGBT-Veranstaltungen. (bento)
  • Und sogar gegen eine schwul-lesbische Filmreihe der deutschen Botschaft gingen türkische Behörden vor. (bento)

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

Epa / Sedat Suna
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Epa / Cem Turkel
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Epa / Tolga Bozoglu
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Epa / Deniz Toprak
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Epa / Senat Suna
Epa / Sedat Suna
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Auch Morde an Schwulen oder Lesben klärt die türkische Regierung nur halbherzig auf. Im August 2016 wurde die türkische LGBT-Ikone Hande Kader im Alter von nur 23 Jahren ermordet.

Ihre Leiche wurde verstümmelt und verbrannt in Istanbul entdeckt, "aber ihre Mörder wurden bis heute nicht gefunden", klagt Hasan. Ähnliche Fälle gebe es zuhauf – auch mit bewusster Verschleppung durch die Justiz.

  • Amnesty International schildert zum Beispiel den Fall von Ahmet Yildiz. Er wurde 2008 von seinem Vater ermordet, weil er homosexuell war. Die Richter haben einen Haftbefehl ausgestellt, aber einkassiert wurde Yildiz nie. "Man versucht den Fall einfach verjähren zu lassen", sagt Hasan.

Hasan Atik ist nicht der erste schwule Kandidat, der in die Politik will – 2015 hatte die HDP bereits Barış Sulu nominiert.

Und auch zwei Transfrauen hatten sich damals zur Wahl aufgestellt. Keiner hatte es damals ins Parlament geschafft.

Hasan macht das Klima der Angst dafür verantwortlich, dass Erdogans Regierung verbreite:

"Die AKP und ihr Führer Erdogan werden immer autoritärer und machen alle möglichen Minderheiten zu ihrem Angriffsziel. Sie unterdrücken jeglichen Widerstand mit Gewalteinsatz und scheuen nicht vor polizeistaatlichen Mitteln zurück."

Schwule und Transgender würden aktiv zum Feindbild der Gesellschaft stilisiert – "das hat zur Folge, dass es immer mehr Gewaltverbrechen gibt". Es ist Erdogans Art, Politik zu machen – Macht durch Ausgrenzung.

Mit seiner Kandidatur will Hasan Atik zeigen, dass eine andere Politik möglich ist.


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Igel trinken Eierlikör und werden betrunken von der Polizei abgeholt

18.06.2018, 08:10 · Aktualisiert: 18.06.2018, 09:01

Katern ist nicht nur was für Menschen.

Da lagen sie einfach, die beiden Igel, in der Nähe eines Spielplatzes, und bewegten sich nicht mehr. Aber sie waren nicht tot. Das konnte eine Erfurterin noch nicht wissen, als sie besorgt die Polizei rief, um die Tiere zu retten.