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Bild: Jamie Raines

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Wie ist es, vom Mädchen zum Mann zu werden, Jamie?

19.02.2016, 14:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

YouTuber Jamie Raines spricht über seine Transsexualität.

"Do you have a penis?", diese Frage hört er oft. Jamie Raines, 22 Jahre aus Essex, England, lebte früher als Mädchen. Während er langsam vom Mädchen zum Mann wurde, fotografierte Jamie sich jeden Tag. Über diese Zeit hat er schon mehrere Videos bei YouTube hochgeladen, neu hinzugekommen ist ein beeindruckendes Zeitraffer-Video.

Wir haben mit Jamie darüber gesprochen.

Wann hast du realisiert, dass du transsexuell bist?

Das war als ich 16 war. Manche Leute haben mich damals schon als Mann wahrgenommen und ich fühlte mich von Zeit zu Zeit komisch in meinem Körper – aber ich wusste nicht, warum ich mich so fühlte. Ich habe damals "The Boy Who Was Born A Girl" gesehen, ein Film über einen Transmann. Die Dokumentation öffnete mir die Augen.

Inwiefern?

Ich verstand, dass es möglich ist, transsexuell zu sein. Das erklärte, wie ich mich damals fühlte – und wie ich mich gefühlt hatte, als ich noch jünger war. Die Erkenntnis machte mir Angst, war aber gleichzeitig sehr erleichternd. Ich fand endlich einen Weg, um mich mit mir selbst wohler zu fühlen.

Was ist Transsexualität?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Transsexualität (oder auch "Transsexualismus") als "den Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden". Bisher zählt sie noch als "Geschlechtsidentitätsstörung", also als psychische Störung. 2017 wird die WHO-Klassifizierung erneuert – Transsexualität wird dann als "geschlechtliche Nichtübereinstimmung", also ein medizinischer Zustand, definiert. (Beta-Version der WHO-Klassifizierung)

Wie haben andere Menschen damals auf dich reagiert?

Meine Familie und Freunde haben mich von Anfang an sehr unterstützt, ich hatte großes Glück mit den Menschen in meinem Leben. Als ich mich outete gab es am College ein bisschen Getuschel und Gerüchte unter Kommilitonen. Ich weiß nicht genau, was sie über mich redeten. Aber es fiel mir leicht, sie zu ignorieren. Schöner wäre es trotzdem gewesen, wenn die Personen direkt auf mich zugekommen wären, einfach gefragt hätten.

Hast du auch offen negative Reaktionen erlebt?

Den größten Widerstand erfuhr ich von der Familie meiner Freundin, mütterlicherseits. Sie verstanden nicht, was es heißt, transsexuell zu sein und akzeptierten mich und unsere Beziehung nicht. Das war ziemlich hart in den ersten drei Jahren, die wir zusammen waren, besonders für meine Freundin. Aber an Weihnachten 2014 habe ich mich mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater hingesetzt und mit ihnen geredet. Seitdem ist es viel besser – nicht perfekt, aber definitiv auf dem Weg dorthin.

(Bild: Jamie Raines)

Wie hat deine Freundin reagiert?

Wir sind seit November 2011 zusammen. Wir waren davor ein Jahr lang befreundet und ich outete mich vor ihr im August 2011. Ich sagte zu ihr: "Ich bin das T in LGBT." Daraufhin fragte sie erstmal, was LGBT heißt. Nachdem ich es erklärte, hat sie mich sofort unterstützt.

[Anmerkung der Redaktion: LGBT steht für "Lesbian Gay Bi Trans". In Deutschland wird auch manchmal die Abkürzung LSBTTIQ verwendet, die für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen steht.]

Wann hast du beschlossen, als Mann zu leben?

Ich musste es tun. Ich bin keine Frau und konnte es auch nicht ertragen, als eine zu leben. Deswegen habe ich auch über die medizinische Seite sorgfältig nachgedacht., Hormone nehmen und sich operieren lassen.

Was für Probleme sind dir damals begegnet?

Als ich mich dafür entschied, Hormone zu nehmen, wusste ich nicht, was ich als nächstes tun sollte. Das war das Schwierigste. Ich konnte nur sehr wenig Informationen darüber finden, was ich in Großbritannien tun muss, um als Mann leben zu können. Es dauerte sehr lang, bis ich wusste, mit wem ich sprechen kann, was Gender-Kliniken sind, und wo ich hin muss, wenn ich Hormone nehmen möchte.

Wie hat sich der Prozess für dich angefühlt?

Am Anfang war alles sehr langsam. Vor allem auf sozialer Ebene war es schwierig und merkwürdig – es war komisch, Leuten zu sagen, wie es mir geht. Aber nachdem ich mit Testosteron anfing, ging plötzlich alles sehr schnell. Ich war total aufgeregt und habe es sehr genossen, all die Veränderungen zu sehen, die mit mir passierten. Sobald ich mit den Hormonen anfing, fühlte ich mich, als hätte jemand ein Gewicht von mir genommen. Und ein weiteres Gewicht mit der Mastektomie, also, als mir die Brüste entfernt wurden – ein sehr befreiender Prozess.

Wie fühlst du dich jetzt im Vergleich zu früher?

Ich war überhaupt nicht glücklich, ich hatte kaum Selbstbewusstsein, ich fühlte mich so unwohl und merkwürdig in meiner eigenen Haut.

Es fühlt es sich so an, als ob ich schon immer so hätte sein sollen, wie ich jetzt bin. Alles fühlt sich so richtig und natürlich für mich an. Ich bin selbstbewusster, glücklicher, kontaktfreudiger und freundlicher geworden. Diese geistigen Veränderungen waren das Beste – nicht die körperlichen.

Ich bin jetzt sehr zufrieden damit, wo ich bin und wer ich bin.

Jamie Raines

Jamie schreibt gerade seine Abschlussarbeit in Psychologie. Er hat sich auf Verhaltenspsychologie spezialisiert, insbesondere auf die Entwicklung und das das Wohlsein von queeren Menschen. Im Oktober ist er mit dem Masterstudium an der University of Essex fertig, danach möchte er einen Doktor machen.

Du videobloggst über Transsexualität. Warum?

Ich habe aus drei Gründen angefangen, Videos dazu zu machen. Erstens, um für mich persönlich zu dokumentieren, wie ich mich durch das Testosteron verändere und wie ich nach der Operation verheile. Zweitens, weil ich Videos anderer Transsexueller früher sehr hilfreich fand. Ich wollte das für andere sein, was diese Menschen damals für mich waren. Und drittens und letztens konnte ich damals auf der Suche nach Informationen nicht viel darüber finden, was ich in meiner Situation in Großbritannien tun kann. Die meisten Leute auf YouTube waren Amerikaner.

Was willst du mit deinen Videos erreichen?

Ich mache jetzt mit den Videos weiter, um anderen zu helfen und um aufzuklären. Ich mache Videos mit Tipps oder Informationen. Nicht nur für Transsexuelle, sondern auch für andere Menschen, die gern mehr darüber erfahren möchten. Für mich ist dabei auch wichtig, dass die Leute sehen, dass Transsexualität nicht das Einzige ist, was eine Person definiert.

Was würdest du Menschen zum Umgang mit Transsexualität raten?

Transsexuell zu sein ist etwas, das einfach passiert. Es kann niemand entscheiden, es nicht zu sein. Es ist so wichtig, dass diese Menschen in ihrem richtigen Geschlecht leben können. Und Unterstützung ist das, was transsexuelle Menschen am meisten brauchen. Nur ein kleines Netzwerk von Personen, die einen unterstützen, kann einen riesigen Unterschied machen. Für jemanden, der gerade versucht, aus sich selbst schlau zu werden, der sich gerade outet, oder der damit angefangen hat, in seinem richtigen Geschlecht zu leben. Ich weiß nicht, wo ich heute ohne die Unterstützung wäre, die ich hatte.

​An diese Stellen kannst du dich wenden, wenn du glaubst, auch transsexuell zu sein:

  • Die Vereine "ABqueer", "Transinterqueer" und "QueerLeben" bieten gemeinsam eine offene Beratung zu allen Fragen rund um Trans- und Intergeschlechtlichkeit an. Termine kannst du unter beratung@transinterqueer.org oder telefonisch unter 030 616 75 29 16 vereinbaren. Du musst nicht persönlich dort vorbei gehen, sondern kannst dich auch telefonisch beraten lassen. Das geht auch ohne Termin immer dienstags zwischen 16:00 und 17:00 Uhr unter 030-616 75 29 15. Auch Beratungen per E-Mail sind möglich. Auf den Seite der Vereine findest du auch viele Informationen.
  • Bei der "Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität" gibt es eine Liste der Beratungsstellen in verschiedenen Bundesländern – falls du lieber persönlich mit jemandem sprechen möchtest und nicht in Berlin wohnst, findest du dort regionale Ansprechpartner. Du kannst dich aber auch unverbindlich an beratung@dgti.info wenden. Auf der Seite der DGTI findest du auch viele Informationen.
  • In Foren findest du andere Menschen, die das gleiche beschäftigt, wie dich. Mit ihnen kannst du dich zum Beispiel im Trans Forum oder im Forum der DGTI austauschen.

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