Bild: Baal Fashion

Queer

Warum eine junge Mode-Designerin Frauenkleider für Männer entwirft

16.05.2016, 14:32 · Aktualisiert: 16.05.2016, 17:08

Was heißt schon Weiblichkeit?

Manchmal träumt sie von einer eigenen Abteilung in einem Kaufhaus, Männer probieren dort Röcke und Blusen an – und niemand findet das seltsam. "Ist doch eine schöne Vorstellung, oder?", fragt Jennifer Hartmann, 28 Jahre und gebürtige Freisingerin, das kurze, blondgefärbte Haar hat sie zurückgekämmt, die linke Augenbraue abrasiert.

Für ihre Bachelorarbeit an der privaten Mediadesign Hochschule Berlin hat sie ein Konfektionsgrößen-System für Transgender-Mode entwickelt und zwei Kollektionen mit ihrem eigenen Label "Baal" herausgebracht.

(Bild: Jens Wiesner)

Wie ist die Idee entstanden?

Ausschlaggebend war eine Begegnung auf dem Christopher Street Day vor einigen Jahren. Ich bin mit einem Typen ins Gespräch gekommen, der weiblich gekleidet war. Der fand es schade, dass es keine Frauensachen gibt, die auch bei Männern vernünftig sitzen.

Für deine Bachelorarbeit hast du das aufgeriffen.

Ich habe mich mit der Frage "Was ist Weiblichkeit?" beschäftigt. Das Klassisch-Weibliche war noch nie so ganz mein Ding, auch wenn ich mich in meinem Geburtsgeschlecht richtig fühle. Als Ausgangspunkt für meine erste Kollektion habe ich Interviews mit Transgender-Mädels geführt und sie befragt, wie sich Weiblichkeit für sie anfühlt.

Und?

Farbenfroh, fließend... Viele meinten, dass sie dunkle Farben meiden, wenn sie sich als Frau kleiden. Schließlich haben sie als Männer immer schon schwarz und dunkelbraun getragen.

In der Fotostrecke: So sieht die Transgender-Kollektion aus

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Welche Herausforderungen bietet der männliche Körperbau?

Männer haben oft breitere Schultern, längere Arme – und außerdem im Hosenbereich etwas, das Frauen im biologischen Sinne nicht haben. Meine Idee war es, den männlichen Körper an diesen Stellen so hübsch und weiblich wie möglich aussehen zu lassen, ohne dass sie Bodyformer tragen oder sich etwas einquetschen müssen.

(Bild: Jens Wiesner)

Wie hast du das umgesetzt?

Bei der ersten Kollektion habe ich mich vor allem auf die Oberfläche konzentriert, Wasserfallausschnitte benutzt, um den Brustbereich voller wirken zu lassen. Bei der zweiten ging es mehr um den Schnitt. Außerdem habe ich ein Prinzip entwickelt, das ich subtile Asymmetrie getauft habe: Ich baue Elemente ein, die die Symmetrie der Kleidung stören. Die Leute schauen dann zweimal hin – genauso wie in mein Gesicht, wenn ich mir eine Augenbraue abnehme. Schließlich geht es bei Transgender ja auch darum, aus der klassisch-normativen Geschlechterbalance geraten zu sein.


Es gibt im Netz einige Spezialshops für Transgender-Mode (Eine Auflistung findet ihr hier). Im Unterschied zur Baal-Kollektion wird dort jedoch mit Hilfsmitteln gearbeitet, in die Kleidung eingenähte Silikonbrüste zum Beispiel, Push-Up-Hosen, "Vagina"-Höschen und – natürlich – das Korsett für die Taille.

Wobei auch große Ketten das Thema längst für sich entdeckt haben: So brachte der H&M-Ableger &other Stories im August eine spezielle Transgender-Kollektion auf den Markt. "Wow, so stylish ist Transgender-Mode!", titelte MTV damals. Das Besondere: Die Stücke wurden von Trans-Menschen für Trans-Menschen entworfen. Im Gegensatz zu Jennifer Hartmanns Kollektion bevorzugten die Designer allerdings einen dezenteren Unisex-Look.


Ist geschlechterspezifische Mode nicht schon Vergangenheit?

An sich stimmt das. Ich verfolge aber nicht das Ziel, die Geschlechter aufzulösen. Das entspricht auch nicht dem Wunsch der Frauen und Männer, für die ich Mode mache. Die wollen femininer wirken durch entsprechende Kleidung.

In der Fotostrecke: So sieht die Mode auf dem Laufsteg aus

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Deine Bachelor-Kollektion wurde 2014 im Rahmen der Berliner Fashion Week gezeigt. Wie kam es dazu?

Ich hatte Glück. Auf der Suche nach Interviewpartnern habe ich Dagmar Harmsen kennengelernt. Die hat viele Kontakte in die Community und fand mein Projekt großartig. Über drei Ecken hat die Veranstalterin der "Style! It! Takes!"-Party auf der Fashion Week davon erfahren. Die meinte nur: "Geil, machen wir!"

Wie wurden deine Kollektionen in der Branche aufgenommen?

Auf meine zweite Kollektion habe ich positiveres Feedback bekommen, meine erste Kollektion war noch etwas unbeholfen. Ich war sehr stark auf Stoffspenden angewiesen und musste sehen, was ich damit machen kann. Die zweite ist strukturierter, man erkennt besser, dass alles zusammen gehört. Ich habe auch mehr darauf geachtet, dass meine Entwürfe im Alltag tragbar sind.

Gab es auch Kritik?

Ja, als wir zum Beispiel für die zweite Kollektion einen Modefilm am Kotti gedreht haben: Da haben uns zwei Jungs angepöbelt und Plastikflaschen hinterhergeworfen.

Nach der Fashion-Week-Veranstaltung kamen auch ein paar kritische Stimmen aus der Szene selbst. Das Thema war "Rethinking Punk", das musste ich irgendwie mit meinen gar nicht punkigen Entwürfen zusammenbringen. Also habe ich den Mädels neonfarbene Perücken aufgesetzt und Punkerschuhe angezogen. Ich fand diesen androgynen Style supergeil, aber: Die Mädels wollten ja gerade weiblich und nicht androgyn aussehen.


April Ashley (1970)

April Ashley (1970) (Bild: Getty Images / Hulton Archive)

Transgender auf dem Laufsteg sind nichts Neues in der Modewelt – das offene Bekenntnis dazu schon. Bis in die Achtziger hinein mussten Starmodels wie April Ashely, Caroline "Tula" Cossey und Lauren Foster erfahren, wie sehr ein Outing schaden kann: Nachdem Skandalmagazine über ihr Geburtsgeschlecht berichtet hatten, verloren sie ihre Aufträge. Erst Mitte der Achtzigerjahre änderte sich die Einstellung: Zu verdanken ist dies vor allem Teri Toye, die unter anderem für Sprouse, Lagerfeld, Gaultier und Chanel arbeitete, und sich – wohl als erstes Model ihrer Zeit – offen als Transgender bekannte.


Wie stehst du grundsätzlich zur Modebranche?

Es ist eine unheimlich oberflächliche Welt, Kleidung liegt nun mal an der Oberfläche der Haut. So richtig konnte ich mich damit erst anfreunden, als ich mein Bachelorthema gefunden hatte. Transgender-Mode zu entwerfen, hat ja viel mit Akzeptanz und Respekt zu tun. Ich habe das Gefühl, da kann man etwas bewirken. Vor allem bei meinen Models habe ich das gemerkt, sie waren ja keine Profis. Es ist schon großartig zu sehen, was das Projekt mit ihnen gemacht hat.

In der Fotostrecke: Calvin, 15, macht gerade die ganz große Karriere – als Frau

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2015 war das Thema Transgender in aller Munde. Glaubst du, wir stehen vor einem echten Wandel?

Ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft insgesamt immer offener mit dem Thema umgeht, siehe Conchita Wurst oder Caitlyn Jenner. Im persönlichen Umgang ist es natürlich noch etwas ganz anderes. Es ist für jemandem, der okay ist mit seinem biologischen Geschlecht, einfach unglaublich schwer vorstellbar, wie man sich im falschen Körper fühlen kann.


Ausgerechnet einer US-Reality-Show ist es zu verdanken, dass das Thema Transgender seinen Weg in den Mainstream und hin zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz gefunden hat: Jahrelang war Bruce Jenner in "Keeping up with the Kardashians" (YouTube) zu sehen. Als sich der ehemaliger Olympiagoldgewinner im Zehnkampf 2015 zu einer Geschlechtsangleichung entschloss und seinen Vornamen offiziell zu Caitlyn änderte, hievte ihn die "Vanity Fair" auf die Titelseite. Selbst das Weiße Haus gratulierte damals. In Europa war es vor allem der Sieg von Conchita Wurst beim European Song Contest 2014, der für das Thema sensibilisierte – obwohl der homosexuelle Travestiekünstler Tom Neuwirth keine Transfrau im engeren Sinne ist.

Wie geht es für dich weiter?

Noch kann ich von dem Label nicht leben. Deswegen werde ich mich in Zukunft wieder breiter aufstellen und mein Prinzip auch auf nicht-transgender-Kleidung übertragen. Mein Label und ich werden nach London umziehen, die Community ist da ziemlich groß und offen. Außerdem steht die "Transpride Brighton" und eine neue Kollektion an: Im vergangenen Jahr habe ich viel recherchiert und gezeichnet, das möchte ich jetzt endlich umsetzen.

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