Queer

Ich bin schwul und konservativ – kommt endlich klar damit!

16.08.2017, 11:47 · Aktualisiert: 18.08.2017, 11:36

Ich bin schwul. Und konservativ. Für viele Mitmenschen ist das ein Problem: Ich passe in keine Schublade. Manche Konservative glauben, alle Schwulen seien zwingend links – bis sie mich treffen. In den Köpfen etlicher Linker sind konservative Schwule verdruckste Spießer im Karohemd mit Doppelleben. Und dann begegnen sie mir im Club.

Das amüsiert mich meistens. Und manchmal nervt es mich so richtig.

 

Schließlich geht es hier um meine Überzeugungen: 

Konservative wollen Dinge bewahren – es geht uns mehr um Werte und weniger um Utopien. Ich glaube daran, dass die soziale Marktwirtschaft das beste Modell für unsere Gesellschaft ist, ich stelle die freie Entfaltung des Individuums über das Kollektiv und ich finde, ja, Leistung sollte sich lohnen. 

All dies ist für mich Voraussetzung für eine liberale Gesellschaft – und damit auch für die freie Auslebung von Sexualität. Also, wo ist das Problem? 

Ja, ich weiß, in konservativen Parteien haben manche eine andere Haltung zu den Themen Ehe und Familie, als ich sie persönlich vertrete – aber damit kann ich leben. Die "Ehe für alle" hat mir nie schlaflose Nächte bereitet. Viel wichtiger finde ich es, im Alltag frei und sicher leben zu können. Und, ganz nebenbei, der Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde 1994 von einer schwarz-gelben Regierung unter Helmut Kohl (CDU) abgeschafft.

Trotzdem scheint es in manchen Kreisen fast unmöglich, diese Meinung zu äußern – und zwar oft in genau denen, die am energischsten Toleranz für jede Andersartigkeit einfordern. 

Eine echte Debatte wird in der "queeren Szene" selten zugelassen. Stattdessen werden nach Außen absolute Wahrheiten verkündet – und intern streiten verschiedene Gruppen darüber, wer sich am meisten diskriminiert fühlen darf. Da fühle ich mich nicht zugehörig.

In unserer LGBT-Reihe reagieren Menschen auf die häufigsten Vorurteile, die ihnen begegnen. Hier erzählt Philipp, schwul, von seinen Erfahrungen:

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Es gibt eine gedankliche Bequemlichkeit und Arroganz, die mir peinlich ist. 

Vielleicht liegt es daran, dass Kernanliegen sexueller Minderheiten gesellschaftlicher Konsens geworden sind – zum Beispiel die "Ehe für Alle".

Jeder, der anders denkt, wird da knallhart verbannt: Sprechen sich einige CDU-Politiker gegen die Homo-Ehe aus, wird kurzerhand die ganze Partei vom Berliner CSD ausgeschlossen (2013) (queer.de). Und Beatrix von Storch, AfD, wird vom Motzstraßenfest gejagt, statt dass man mit ihr über Homophobie streitet (2016) (vice). Toleranz, anyone? 

 

Ich finde: In einem demokratischen Rechtsstaat sollte nicht das lauteste Geschrei, sondern das beste Argument den Ausschlag geben. Wer sich friedlich einer Diskussion stellt, sollte zumindest angehört werden – schlechte Argumente müssten doch leicht zu widerlegen sein.

 Und dann, so schmerzhaft es für manche sein mag, müssen wir auch über Zuwanderung reden: Ich finde es wichtig, unsere liberale und säkulare Gesellschaft zu verteidigen – aber nach allen Seiten. Wenn es gegen "Rechts" oder die Kirche geht, kämpft die "Szene" (zu Recht!) mit harten Bandagen. Im Nonnenkostüm zum CSD? Aber klar doch!

Wir waren auf dem kleinsten CSD Deutschlands und haben uns da umgeschaut:

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Andere Religionen hingegen, wie der Islam, genießen großzügigen Milieuschutz – bei Queeren, bei Linken und besonders bei queeren Linken. Selbst bei krasser Homofeindlichkeit werden beide Augen zugedrückt. 

Queere Aktivisten streiten für die Burka, sie führen Debatten um Unterstriche oder Gendersternchen - und ignorieren dabei völlig, dass die tägliche Freiheit sexueller Minderheiten wieder bedroht ist. Wer das nicht glaubt, darf gerne mal mit einem gleichgeschlechtlichen Partner auf der Neuköllner Sonnenallee knutschen gehen.

Oder Akten studieren: 

Die polizeibekannten Gewaltakte gegen Homosexuelle haben sich zwischen 2005 und 2016 vervierfacht, wie eine Kleine Anfrage der Grünen ergeben hat. 

Für mich ist das relevanter als "Sapiosexualität" oder die Frage, ob es nun 34, 58 oder 69 Geschlechter gibt. Aber im queeren Spektrum beschäftigt man sich lieber mit diesen Schein-Problemen, als die realen offen zu diskutieren.

Dabei macht der gesellschaftliche Rückschritt nicht mal vor einem Berliner Schwulenclub halt, der sich als „Schutzraum für alle“ versteht: Manche Kabinen der "Unisex-Toilette" sind neuerdings rundum mit Maschendraht gesichert und für "verwundbare Personen" (zum Beispiel Transsexuelle) reserviert. Hochglanzflyer warnen in elf Sprachen, dass Übergriffe geahndet würden.

Der Fotograf Robin Hammond zeigt in diesen berührenden Porträts Menschen, deren Liebe in ihrem Land illegal ist: 


Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
Robin Hammond
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Öffentlich spricht niemand gern darüber, weil immer gleich der Rassismusverdacht im Raum steht. Davon zeugen komische Interviews in Szenemagazinen (blu). "An dieser Stelle steht für uns nicht im Vordergrund, hier eine Tätergruppe ausfindig machen zu wollen", heißt es da. Kein Wunder: Die Tätergruppe passt nicht ins Schema "Kampf gegen Rechts". 

Ich kann das kollektive Wegschauen nicht nachvollziehen.

Zwar gab es einen Hilferuf des Leipziger "Conne Island". Aber der offene Brief wurde szeneintern derart skandalisiert, dass die Mauer des Schweigens im Endeffekt noch ein Stück höher geworden ist. Ich frage mich: Wird ein gutes Argument automatisch schlecht, sobald auch tatsächliche oder vermeintliche Unpersonen zustimmen?

Als die Berliner Drag-Queen Nina Queer kürzlich auf Facebook die Abschiebung homofeindlicher Schläger forderte, musste sie zu Kreuze kriechen und widerrufen. (Tagesspiegel)

Warum?

Ihr Kommentar war zwar hart überspitzt und in einem Rechtsstaat wäre "sofort Abschieben" auch nicht möglich. 

Aber: Jeder, der hier leben will, muss sich an unsere Regeln halten – und dazu gehört Respekt vor sexuellen Minderheiten. Ich finde diese Feststellung nicht rassistisch, sondern vernünftig.

Denn wer Migranten als gleichwertig ansieht, misst sie mit demselben Maßstab wie alle anderen. Ich fände es schön, wenn sich die "queere" Monokultur für ehrliche Debatten öffnen würde.

Zu besprechen gäbe es genug. Besonders mit den konservativen Schwulen – die übrigens zahlreicher sind, als man denkt.

Und wenn euch wirklich etwas an "Diversity" liegt, dann kommt damit klar! 


Today

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