Bild: Lea Deuber

Queer

Was ich bei einem Schönheitswettbewerb für Transsexuelle erlebte

10.01.2017, 10:39 · Aktualisiert: 11.01.2017, 08:58

Plötzlich Jurymitglied auf einer Miss-Wahl in Indonesien

Plötzlich stürzen Fotografen herein, für einen Moment hört man nur ihre Auslöser klicken. Als die junge Frau auf der Bühne die Fotografen bemerkt, blickt sie voller Angst in das grelle Scheinwerferlicht.

Ich bin bei einem Schönheitswettbewerb. Fotografen gehören eigentlich hierhin, doch dieser Wettbewerb ist anders: Niemand sollte davon wissen. Ort und Zeit wurden bis zur letzten Minute geheim gehalten.

Auf der Bühne steht eine Waria, der indonesische Begriff für Transsexuelle. Seit einiger Zeit ist eine solche Veranstaltung keine Selbstverständlichkeit mehr in Indonesien, dem größten islamischen Staat der Welt.

Ein Bekannter hat mich mit hierher mitgenommen. Ich bin nur ein paar Tage in Indonesien. Vor kurzem wurden Datingapps für Homosexuelle verboten, so als könnte die Suche nach Liebe falsch sein. Bei dem Wettbewerb wollte ich dazu ursprünglich nur ein paar Interviews führen. Doch als ich mich durch die schwere Tür geschoben habe, versteckt in einem Hinterhof im Norden Jakartas, zieht man mich direkt vor die Bühne.

Ich bekomme einen Stift, Papier und einen Pappteller voll indonesischen Süßgebäcks und schon laufen die ersten Frauen über den Laufsteg. Die Moderatorin lässt mir keine Wahl, sie strahlt, vertraut mir und stellt mich gleich als deutsche Unterstützung vor: "Jetzt sind wir ein internationaler Wettbewerb."

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Lange konnten Transsexuelle und andere Minderheiten in Indonesien größtenteils friedlich leben. Händchen halten auf der Straße ging nicht, an Heiraten war gar nicht zu denken. Aber permanente Angriffe aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Identität – das ist neu.

Im Januar erklärte ein indonesischer Minister, dass LGBT-Aktivitäten nicht mit den Werten und der Moral des Landes zu vereinbaren seien. Später ruderte er zwar zurück und trotzdem: Fundamentalisten bezeichneten Homosexualität in der Öffentlichkeit plötzlich wieder als Krankheit, Transsexuelle als Personen mit mentalen Störungen.

Im vergangenen Jahr konnten die Waria ihren Schönheitswettbewerb noch öffentlich feiern. In diesem Jahr sagt Veranstalterin Nancy Iskandar: Sie hätten vorher nichts bekannt gegeben – aus Angst vor gewaltsamen Ausschreitungen.

Ich habe viel zu Gott gebetet und ihn angefleht, mich von meiner Sünde zu befreien
Teguh Iman

Wie ernst die Lage ist, erfahre ich bereits einige Tage vorher: Ich bin auf einem Motorradtaxi unterwegs. Der Fahrer rast durch enge Gassen, entlang kleiner Suppenküchen, zwischen Werkstätten hindurch. Einige Meter von einer Moschee entfernt stoppt er. Vor mir liegt ein zurückgesetztes Haus, abgeschirmt von einem schweren Metallzaun. "Unsere Nachbarn wissen Bescheid", sagt Teguh Iman, der schon am Eingang auf mich wartet. Der 29-Jährige zieht mich in das kleine Haus. Fotos aber lieber drinnen.

(Bild: Lea Deuber)

Teguh Iman arbeitet für eine kleine Nichtregierungsorganisation in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. SuaraKita setzt sich seit 2009 für LGBT-Rechte in Indonesien ein. Eigentlich bin ich mit einem Kollegen von Teguh Iman verabredet. Doch als ich mit meinem Notizbuch vor ihm stehe, fühlt er sich sichtlich unwohl. Teguh Iman hingegen will reden.

Seine Familie ist streng religiös. Deshalb konnte er lange mit niemanden über seine sexuelle Orientierung sprechen. "Ich bin Muslim und ich bin schwul“, sagt er. "Aber das passt in Indonesien nicht zusammen." Wie viele Homosexuelle im Land glaubte er deshalb anfangs, seine Veranlagung sei eine Strafe Gottes. "Ich habe viel zu Gott gebetet und ihn angefleht, mich von meiner Sünde zu befreien", erzählt er. Geholfen hat das Beten aber nicht, heute lacht er darüber.

Wie es in Zukunft weitergehen wird, weiß aber auch Teguh Iman nicht. Sie arbeiten mit jungen Menschen, setzen vor allem auf die Kooperation mit Universitäten und Schulen. Doch durch die vielen öffentlichen Proteste erhält die Organisation kaum noch Spendengelder, immer mehr Partner ziehen sich zurück.

Er fürchtet zudem, dass bald ein Gesetz wie in Russland gegen sogenannte "Homosexuellen-Propaganda" verabschieden werden könnte. Dort darf man sich in Anwesenheit von Kindern nicht positiv über Homosexualität äußern, um diese "zu schützen". Dies könnte ihre Arbeit praktisch unmöglich machen.

(Bild: Lea Deuber)

Für Waria ist das bereits Alltag. Manche der 30 Teilnehmerinnen sind sogar extra aus Papua angereist, sechs Flugstunden entfernt von der Hauptstadt. Man merkt ihnen die Nervosität an, wie sie in ihren zehn Zentimeter hohen Absätzen und knallengen Kleidern auf der Bühne stehen oder hinter dem Vorhang kichernd auf ihren nächsten Auftritt warten.

Als die Fotografen hereinstürzen, herrscht für einen Moment Panik. Sind sie aufgeflogen? Müssen sie nun fürchten, dass ihre Verfolger hierherkommen, um die Veranstaltung gewaltsam zu beenden?

Doch nach einigen Schreckminuten passiert nichts. Jemand dreht einfach die Musik lauter, amerikanischer Pop dröhnt aus den Boxen und die Frauen strahlen wieder. Am Rande sitzen ihre Freunde und jubeln.

"Dieser Tag gehört uns", sagt eine 24-jährige Waria aus Jakarta. Sie trägt ein enges, blaues Kleid und künstliche Wimpern, die wie Vögelfedern aussehen. "Heute lassen wir uns von ihnen nicht nehmen."

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Ich bin mir nicht sicher, wonach der Gewinner der Show eigentlich ausgesucht wird. Es übersetzt zwar immer mal wieder jemand für mich. Aber die Frauen sehen einfach alle super aus. Immerhin muss ich als Jury niemanden enttäuschen: Schon in der ersten Runde bekommen alle einen Preis, auch ganz ohne mein Zutun. Erst in der zweiten Runde wird dann die Hauptgewinnerin des Wettbewerbs gewählt.

(Bild: Lea Deuber)

Nach mehreren Fragerunden – Was willst du mit dem Preis anfangen? Welche Ziele hast du im Leben? – sowie zahlreichen Wechseln der Outfits tobt der Saal. Ich war zwar nicht wirklich hilfreich, aber die anderen vier Jurymitglieder sind sich schnell einig: Gewinnerin ist die 28-jährige Qienabh Tappii. Sie trägt ein hautenges Kleid, das mich an das Kleid von Marilyn Monroe erinnert, als sie für Präsident John F. Kennedy ein Geburtstagsständchen sang. Ihre Stimme zittert, als sie die Trophäe entgegennimmt.

"Heute ist der Beginn meines Kampfes für meine Rechte als Transsexuelle", sagt sie, während sie die mehrstöckige Trophäe umklammert. "Ich will, dass wir akzeptiert, respektiert und verstanden werden von der Gesellschaft und gleichberechtigt sind."


Today

Spotify macht Obama ein Jobangebot

10.01.2017, 08:28 · Aktualisiert: 01.03.2017, 14:43

Wie wär es mit einer Zukunft als "President of Playlist"?

Noch zehn Tage ist er offiziell im Amt, danach muss Präsident Obama das Feld seinem Nachfolger überlassen. Und man fragt sich: Was wird er wohl danach machen?

Sich zur Ruhe setzen? Das ist unwahrscheinlich – dafür hat er neben seinem politischen Talent doch noch zu viele andere Fähigkeiten. Einen Riecher für gute Musik zum Beispiel, und ein hervorragendes Netzwerk obendrauf: die Gästeliste seiner Abschiedsparty am vergangenen Freitag war gefüllt an Stars wie Nick Jonas, Paul McCartney, Jordan Sparks oder Usher.

Das klingt nach viel Potenzial – findet Spotify – und hat dem scheidenden Präsidenten nun via Twitter einen Job angeboten. (mashable)