Bild: bento/Sophia Schirmer

Queer

"Ich finde meine Familie ganz normal" – Emma ist bei lesbischen Müttern aufgewachsen

30.08.2017, 11:20 · Aktualisiert: 01.09.2017, 19:37

Hier erzählt sie, wie sie das geprägt hat.

Ein Grund, warum Emma noch zu Hause wohnt, ist die Wohnung: Altbau in Hamburg-Winterhude, viereinhalb Zimmer, Stuck an der Decke. An der Eingangstür kleben bunte Sticker: "Refugees welcome" und "Atomkraft? Nein danke". Wer eintritt, wird von einer meterlangen Garderobe begrüßt. "Für die ganzen Jacken meiner Mütter", sagt Emma und seufzt. "Die haben beide so viele Klamotten. Und Schuhe!"

Ihre Mütter. Auch sie sind ein Grund, warum die 19-Jährige noch zu Hause wohnt: "Sie haben mir so viel mitgegeben an Wissen und Empathie. Homosexuelle Eltern sind kein Garant für Coolness, aber meine Mütter sind einfach toll." Gerade waren die drei in Italien, erst Biennale in Venedig, dann Roadtrip durch die Toskana.

Emma heißt mit vollem Namen Emma-Louise Hanna Scholz. Jedes ihrer Elternteile hat einen Vornamen ausgesucht: Ihre leibliche Mutter Angelika entschied sich für Emma, ihre nicht-leibliche Mutter Corinne fand Louise schön, und ihr Vater Jörg wollte seine Tochter gern Hanna nennen. Der Nachname kommt von der leiblichen Mutter.

Leiblich und nicht-leiblich, biologisch und nicht-biologisch – diese Wörter verwendet Emma nur, wenn sie explizit danach gefragt wird, wie das denn nun sei mit ihrer Familie.

Im Alltag spricht sie von ihrer einen Mutter und ihrer anderen Mutter, von Anne-Mama und Kiki-Mama, Relikte aus der Kinderzeit, oder einfach von Mama. Ihren schwulen Vater nennt sie Papa. 

Emma-Louise Hanna – jedes Elternteil hat einen Vornamen ausgesucht.

Emma-Louise Hanna – jedes Elternteil hat einen Vornamen ausgesucht. (Bild: bento/Sophia Schirmer)

Wenn sie "meine Eltern" sagt, meint Emma meist Angelika und Corinne. Bei ihnen ist sie aufgewachsen, mit ihnen teilt sie Kühlschrank und Kater. Zu ihrem Vater hat sie regelmäßig Kontakt, er wohnt auch in Hamburg. Als Emma klein war, sahen sie sich einmal in der Woche; seit sie die Besuche selbst regelt, etwa zweimal im Monat.

Emma ist eines der Kinder, die es nach Meinung von sehr rechten, sehr konservativen und sehr religiösen Menschen gar nicht geben dürfte. Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, mit lesbischen Müttern oder schwulen Vätern. Das sei nicht normal, ein Kind brauche Mutter und Vater, ja, habe ein Recht auf Eltern beider Geschlechter, sagen sie. Als der Bundestag Ende Juni die Ehe für alle verabschiedete und es homosexuellen Paaren damit erlaubte, gemeinsam Kinder zu adoptieren, beriefen sich Gegner auf solche Argumente.

Wie viele Kinder in Deutschland gleichgeschlechtliche Eltern haben, weiß niemand so genau, amtliche Statistiken dazu gibt es nicht. Auch der Mikrozensus, die regelmäßige Bevölkerungserhebung, zeichnet nur ein verschwommenes Bild: Demnach lebten 2011 etwa 7000 Kinder in etwa 6000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Die tatsächliche Zahl ist aber vermutlich viel höher, einige Schätzungen gehen von einer Million homosexuellen Eltern aus. (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages)

Um ein Kind zu zeugen, braucht es Mutter und Vater, Mann und Frau.

Aber was braucht es, um ein Kind großzuziehen, einen Menschen aus ihm zu machen, der glücklich durch die Welt geht und sein Leben irgendwann allein meistern kann? Liebe braucht es, und Zuneigung. Nachts aufstehen. Trösten. Vertrauen und unterstützen. Da sein.

Ich sage immer, dass ich das größte Wunschkind bin, das man sich vorstellen kann.
Emma

Emmas Eltern waren schon etwa zehn Jahre zusammen, als sie entschieden, dass sie gern ein Kind bekommen würden – und dass Angelika es zur Welt bringen soll. Sie fragten Männer in ihrem Freundeskreis, ziemlich schnell stand fest, dass Jörg der Vater werden würde, bei ihm passte alles. "Was sich dann länger zog, waren die Überlegungen danach, die Zweifel – darüber habe ich mich neulich erst mit ihnen unterhalten", erzählt Emma.

Können wir das wirklich bringen, als Dreierkonstellation ein Kind bekommen? Welche Auswirkungen könnte das haben? Welche Rolle soll der Vater spielen? Solche Fragen stellten sich Emmas Eltern. "Du bindest dich an einen Menschen, mit dem du keine Beziehung hast", sagt Mutter Angelika. "Zu zweit ein Kind zu bekommen, ist ja schon eine Herausforderung. Zu dritt ist es noch schwieriger."

Eine anonyme Samenspende war für Angelika keine Option. Sie wuchs ohne Vater auf, das wollte sie ihrem Kind nicht zumuten. Außerdem entschieden sich Emmas Eltern gegen eine Stiefkindadoption. Erstens hätte Jörg alle elterlichen Rechte abgeben müssen, wenn Corinne Emma adoptiert hätte. Und zweitens sagt Angelika: "Du kannst doch dein eigenes Kind nicht adoptieren."

Geschwister hat Emma nicht. Es habe die Überlegung gegeben, ob ihre andere Mutter noch ein Kind bekommen soll, sagt sie, aber das habe sich nie ergeben.

Emma trägt Jeansrock und Gummistiefel. Die blonden Locken hat sie sich vor Kurzem zum Bob schneiden lassen. In ihrer Freizeit liest sie viel, bis vor eineinhalb Jahren war sie bei den Pfadfindern. Nächsten Sommer macht Emma ihr Abitur, danach will sie in Frankfurt Politikwissenschaft studieren, am liebsten mit Nebenfach Philosophie oder Kunstgeschichte. Gerade schreibt sie an ihrem ersten Buch, 250 Seiten hat sie schon. 

Dass ihre Familie nicht in das klassische Vater-Mutter-Kind Schema passt, war Emma von Anfang an bewusst – und trotzdem habe es sich nie anders angefühlt, sagt sie.

"Ich hatte einfach zwei Mütter, und die anderen hatten eine Mama und einen Papa." Ihre Eltern redeten immer offen mit ihr, sie erklärten ihr früh, dass es verschiedene Sexualitäten gibt, nahmen sie schon als Baby mit zum CSD.

Eine Zeitlang habe sie sich Gedanken über die Frage gemacht, welche ihrer Mütter denn nun eher der Vater sei und welche eher die Mutter, sagt Emma – nur um festzustellen, dass beide mütterliche und väterliche Seiten haben. Manchmal überlegte sie, wie sie wohl aussehen würde, wenn Corinne sie bekommen hätte.

Emma war in einem, wie sie selbst sagt, liberalen Hippie-Kindergarten, dort war ihre Familiensituation nie ein großes Thema. Ihr Freundeskreis ist seit damals quasi gleichgeblieben. Emmas Eltern war wichtig, dass ihre Tochter von Menschen umgeben ist, die ihre Familiensituation kennen und normal finden. "Es waren immer kleine Ritterinnen und Ritter an Emmas Seite, die dumme Sprüche oder Ausgrenzung gar nicht zugelassen hätten", sagt Angelika heute.

Andere Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern gab es in Emmas direktem Umfeld nicht. Ihre Eltern waren in der Gruppe ILSE aktiv, der Initiative lesbischer und schwuler Eltern im Lesben- und Schwulenverband. So traf Emma immer wieder auf ähnliche Familienkonstellationen, mit einem Mädchen hatte sie einen "halben freundschaftlichen Kontakt", doch die wohnte in Oldenburg.

Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass ich Verbündete bräuchte.
Emma

Verbündete brauchen, das passt wirklich nicht zu dieser jungen Frau, die durch ihr Auftreten, ihre Art und jede ihrer Aussagen vermittelt, dass ihre Familie genauso normal ist wie jede andere. Mehr noch, dass sie stolz ist auf das, was sie in den Augen mancher unnormal macht.

Während des Gesprächs fragt man sich manchmal, warum man dieses Interview überhaupt führt, warum man etwas so offenkundig Normales zum Gegenstand eines Textes und damit doch irgendwie besonders macht. Aber eigentlich ist die Antwort einfach: Weil einige Wenige, die Emmas Familie für unnormal halten, eben reichen, um Menschen wie ihr und ihren Eltern das Leben schwer zu machen – in der Politik, im Justizsystem, im Alltag. 

Sie selbst sei bisher kaum mit dummen Sprüchen oder Anfeindungen konfrontiert worden, sagt Emma. "Ich war schon immer sehr selbstbewusst, wahrscheinlich weil ich so einen festen Freundeskreis habe und nie das Gefühl hatte, mich rechtfertigen zu müssen. Für mich gab’s an meiner Familie nichts Spannendes, also konnten die anderen auch nichts Spannendes finden."

Sie kennt aber auch andere Geschichten von Kindern mit zwei Müttern, die Probleme hatten, gemobbt wurden. Vielleicht hatte Emma auch ein bisschen Glück, weil sie in Hamburg groß geworden ist, in einem linken Umfeld, Hippie-Kindergarten, Pfadfinder, Reformschule? "Ich glaube schon, dass das auf dem Land krasser ist."

Im Video: Mia ist lesbisch – und wird deshalb immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Hier erklärt sie, wie sie damit umgeht.

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Wütend wird Emma dann, wenn sie mit Klischees konfrontiert wird. Wenn sie gefragt wird, ob sie jetzt auch lesbisch werde. Oder wenn Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt wird. Früher versuchte sie nach Kräften, solche Vorurteile aus dem Weg zu räumen, zu argumentieren, die Leute zu "bekehren", wie sie es selbst nennt. Eine zeitlang stellte sie Gegenfragen: Hast du etwa auch die Fetische deiner Eltern übernommen? Inzwischen habe sie oft gar keine Lust mehr zu antworten, das koste zu viel Kraft.

Meist seien die anderen aber einfach interessiert, stellten Verständnisfragen, sagt Emma. "Wenn ich von meinen Müttern rede, gucken die Leute schon meistens komisch – und dann erkläre ich das." Auch in Zukunft will sie das so machen: beiläufig erwähnen, wenn es passt, fertig.

Seit sie älter ist, sei ihr da etwas aufgefallen, sagt Emma: "Die meisten fühlen sich tolerant, wenn sie nicht nachfragen."

Was ihr über die Jahre auch aufgefallen ist: Viele finden spannender, dass sie einen schwulen Vater hat – und nicht, dass sie bei lesbischen Müttern großgeworden ist. Warum, kann sie nicht erklären. In der Schule wartete manchmal die ganze Klasse mit auf ihren Vater, der dann irgendwann ankam, im Mini und mit kleinem Hund. Früher fand Emma es selbst cool, mit ihrem schwulen Vater shoppen zu gehen

Wenn sie jetzt zurückschaut, findet sie es insgesamt cool, dass sie in genau dieser Familienkonstellation aufgewachsen ist. Sie sagt, sie habe dadurch einen ganz anderen Draht zu Menschen. Immer, wenn sie anderen von ihrer Familie erzähle, würden die sich ihr gegenüber öffnen, Persönliches preisgeben, von eigenen Erfahrungen oder einer lesbischen Tante erzählen. Sie selbst gehe mit dem Thema Sexualität sehr offen um, es sei für sie nicht wichtig, Menschen festzulegen.

Sie sei ohne starre Rollenbilder großgeworden – oder den Versuch, sie aufzubrechen, sagt Emma. Und sie sei durch ihre Eltern früh politisiert worden. Das Ehegatten-Splitting für homosexuelle Paare zum Beispiel war in ihrer Familie ein großes Thema, Angelika und Corinne investierten viel Zeit in eine Klage. "Ich habe früh gemerkt, wie ungerecht das ist, dass Menschen, die sich lieben, so benachteiligt werden. Und dass man handeln muss, wenn man etwas verändern möchte."

Wenn man Emma fragt, ob es eine Situation gab, in der ihr die Familiensituation auf die Nerven ging, erzählt sie von einem Museumsbesuch in Lübeck.

Angelika, Corinne und sie, damals zehn Jahre alt, wollten eine Familienkarte kaufen – und bekamen keine. Angelika erinnert sich, dass sie sich damals furchtbar aufregte, der Mitarbeiterin ihren Ehering unter die Nase hielt: "Wenn jemand meine Familie nicht respektiert, werde ich zum Tier." Emma erinnert sich, dass ihr das Ganze einfach nur unangenehm war: "Das ging mir schon auf die Nerven – dass es immer Thema war, dass es nicht mal einfach sein konnte."

Wenn man sich mit Emma unterhält, vergisst man oft, dass da eine 19-Jährige vor einem sitzt.

Wenn man sich mit Emma unterhält, vergisst man oft, dass da eine 19-Jährige vor einem sitzt. (Bild: bento/Sophia Schirmer)

Vermisst habe sie nie etwas, sagt Emma. Ein Vorbehalt gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern ist ja, dass dem Kind eine Bezugsperson des anderen Geschlechts fehlt. Emma sagt, sie habe immer genügend männliche Bezugspersonen gehabt – durch den Kontakt zu ihrem Vater, durch die Erzieher im Kindergarten, durch die Väter ihrer Freunde.

Ob sie sich jemals mit denen verglichen und festgestellt hat, dass irgendwas anders ist? Emma schüttelt den Kopf: "Die Eltern von meinen Freundinnen und Freunden waren eigentlich immer genauso wie meine Mütter." Genauso fürsorglich, genauso verständnisvoll, und manchmal genauso anstrengend und peinlich.

Emma sagt, sie habe eigentlich nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn sie heterosexuelle Eltern hätte.

Emma sagt auch, sie mache keinen Unterschied zwischen Angelika und Corinne, warum sollte sie? "Das sind beides meine Mütter." Auch Angelika erzählt, dass sie auf die Frage, wer denn nun die Mutter sei, immer mit "beide" antworten. "Wir haben nie gesagt, wer die biologische Mutter ist, auch nicht als Emma klein war", sagt sie. "Wir wollten nicht, dass Andere einen Unterschied machen, wo wir keinen sehen – nämlich zwischen biologischer Mutter und sozialer Mutter. Wenn das niemand wusste, konnten wir nur gleichbehandelt werden, und das war unser Ziel."

Im Arbeitszimmer der 4,5-Zimmer-Wohnung in Winterhude steht ein gelber Boxsack, hinten in der Ecke, direkt neben der Balkontür. Wer denn boxt in ihrer Familie? "Meine Mama", antwortet Emma.

Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Warum weiß niemand, wie viele Kinder mit homosexuellen Eltern aufwachsen?

Der Mikrozensus fragt nicht nach der sexuellen Orientierung; die Angabe, ob man in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft lebt, ist freiwillig. Deshalb ist nicht bekannt, wie viele Menschen in Deutschland homosexuell sind – geschweige denn, wie viele von ihnen eine Partnerschaft führen oder Kinder haben. Das Statistische Bundesamt bezeichnet die durch den Mikrozensus ermittelten Zahlen deshalb selbst als "untere Grenze". (Statistisches Bundesamt)

Seit dem 1. Januar 2014 gibt es zwar eine amtliche Statistik zur Zahl eingetragener Lebenspartnerschaften. Aber erstens hat nicht jedes gleichgeschlechtliche Paar eine eingetragene Lebenspartnerschaft begründet. Und zweitens wurde, anders als bei Eheschließungen, die Zahl der gemeinsamen Kinder nicht miterfasst. (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Bevölkerungsstatistikgesetz)


Gerechtigkeit

Trotz Trump: Transgender dürfen weiter in der US-Armee bleiben

30.08.2017, 10:56

Der Verteidigungsminister hat Trumps Verbot widersprochen.

Transgender sollen keine Soldaten mehr sein – wenn es nach US-Präsident Donald Trump geht. Ende Juli hatte er ein Verbot angekündigt, das es Transgendern künftig unmöglich machen soll, in der US-Armee zu dienen. Sie würden das Militär "zerrütten", begründete Trump die Maßnahme (bento).

Nun hat sich der US-Verteidigungsminister James Mattis dem Präsidenten widersetzt.

Transgendern soll der Dienst im Militär vorerst weiterhin erlaubt sein, sagte Mattis am Dienstagabend (USA Today).