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Queer

"Erschießt die Scheiß-Lesbe": So geht es Homosexuellen in Jamaika

04.05.2016, 11:28

Wir fragen junge Leute vor Ort, was sie durchmachen müssen, weil sie nicht heterosexuell sind.

Jamaika kennen die meisten als karibische Trauminsel und als Heimat des Sängers Bob Marley und einiger schneller Athleten. Doch die Insel hat auch ein anderes Gesicht.

Lange Zeit war es sehr schwierig, sich dort als homosexuell oder queer zu outen. "Jamaika: Der homophobste Ort der Erde?", titelte das amerikanische Magazin "Time" 2006. Zu Recht?

Kurzer Überblick: Was du über Jamaika wissen musst – die Fotostrecke:

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Homosexualität ist auf Jamaika zwar nicht illegal, allerdings gibt es Gesetze gegen Analsex und gegen Intimität zwischen Männern. Diese werden zwar selten angewendet, dienen jedoch häufig als moralische Grundlage für Gewalt gegen bi-, trans- und homosexuelle Menschen.

Obwohl sich die Lage für diese in den vergangen Jahren verbessert hat, werden sie von großen Teilen der jamaikanischen Gesellschaft noch immer abgelehnt. Vorschläge zur Änderung der Gesetzt verstehen viele als twas typisch Westliches und Gefährliches.

Erst 2015 gingen Jamaikaner erstmals auf die Straße, um auf der ersten Gay-Pride-Parade des Inselstaates für mehr Rechte für schwule, lesbische und transsexuelle Menschen zu demonstrieren. Menschenrechtsorganisationen in Jamaika kämpfen unterdessen unermüdlich weiter gegen Vorurteile, Diskriminierung und Gewalt.

Wir haben junge Queere aus Jamaika gefragt: Wie fühlt sich das Leben für euch an?

Wie tolerant ist der Inselstaat wirklich?

Wie tolerant ist der Inselstaat wirklich? (Bild: torbakhopper / cc by-sa)

MacKenzie*, 23, Praktikantin bei einer Schwulenrechtsorganisation

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit acht oder neun Jahren ein Mädchen geküsst habe und meine Mutter mich erwischt hat. Sie war wahnsinnig wütend und hat mich gefragt, was zum Teufel ich da mache. Den ganzen Tag lang hat sie nicht mit mir geredet.

Von da an wusste ich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ich wusste nur nicht genau, was es war. Dann bin ich an die Uni nach Kingston gegangen – das erste Mal Großstadt. Je mehr ich mit den Leuten dort geredet habe, desto klarer wurde mir, dass ich pansexuell bin – das bedeutet, dass mir das Geschlecht eines potenziellen Partners egal ist.
An der Uni habe ich davon nie jemandem erzählt. Ich bin auf das sehr christliche Michael University College gegangen. In einer großen Versammlung hat der Präsident damals gesagt, die Uni sei "nicht tolerant gegenüber Homosexuellen." Das war kein Klima, in dem ich offen über meine Sexualität sprechen konnte.

Erst als ich meine erste Freundin kennengelernt habe, habe ich mich angekommen gefühlt. Wir haben uns eines Tages einfach geküsst, ich wollte nicht aufhören. Es hat sich angefühlt, als hätte es endlich "Klick" gemacht.
Doch dann kam der Riesenschock. Eine Zeitung hatte ein Bild von mir in einem Artikel über die erste Gay-Pride-Parade in Jamaika veröffentlicht. Meine ganze Familie hat so von meiner Sexualität erfahren.

Ich habe an dem Tag eine WhatsApp-Nachricht von meinem Bruder bekommen, in der er unter anderem "Erschießt die Scheiß-Lesbe" geschrieben hat. Für ihn sei ich nicht mehr seine Schwester, ich solle nie mehr mit ihm reden. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr.

Mein Coming-Out war also schwierig – aber auch befreiend. Ich musste mich nicht mehr verstecken, dafür macht sich meine Mutter oft Sorgen um mich. Aber alles in allem hat sich viel getan in Jamaika – die letzte Gay-Pride-Parade war unglaublich. Wir haben jetzt auch wöchentliche Partys. Das hätte es hier früher nicht gegeben.
Wie schwierig ist das Coming-Out in Jamaika?

Wie schwierig ist das Coming-Out in Jamaika? (Bild: Chainless Photo / cc by-sa)

Jonathan, 21, BWL-Student

Als schwuler Mann in Jamaika aufzuwachsen, das war oft schwierig. In der Schule haben mir alle immer gesagt, ich würde mich wie ein Mädchen aufführen und haben mich oft ausgegrenzt. Als ich älter wurde, habe ich angefangen, mich männlicher zu verhalten. Ich habe Gras geraucht und getrunken. Dann habe ich Freunde gefunden.

Der erste Mensch, dem ich erzählt habe, dass ich nicht hetero bin, war ein älterer Mann, den ich in einer Dating-App für Homosexuelle kennengelernt habe. Es hat sich gut angefühlt, darüber reden zu können. Nachher hat sich herausgestellt, dass er ein Diakon in einer Kirche war, und eine Frau und Kinder hatte. In der Kirche hetzt er gegen Schwule, abends treibt er sich auf schwulen Dating-Apps herum.

Einmal bin nachts nach Hause gekommen und auf der Straße standen Typen mit Messern. Ich hatte Panik, weil die mir von der anderen Straßenseite zugeschrien haben, ich sei 'ne Schwuchtel. Ich glaube, die haben einfach gesehen, dass ich anders bin, als sie. Vielleicht dachten sie, ich laufe wie eine Frau. Auf jeden Fall haben sie gerufen, dass sie mich umbringen wollen. Wie ernst das gemeint war, weiß ich nicht. Jetzt versuche ich, nicht mehr auf die Straße zu gehen, sobald es dunkel wird.

Offen über meine Sexualität reden kann ich vor allem auf Facebook und in schwulen Dating-Apps. Die sind meine Zufluchtsorte. Je mehr ich mich dort mit Leuten austausche, desto mehr merke ich, dass ich nicht der Einzige bin. Wie viele andere schwule Jamaikaner habe ich ein Hetero-Profil und ein schwules Profil auf Facebook.
Wann hat das Versteckspiel ein Ende?

Wann hat das Versteckspiel ein Ende? (Bild: David Lowis)

Kristion, 23, Kunstmanager

Ich lebe seit vielen Jahren als schwuler Mann hier und bin noch nie angegriffen worden. Noch nie Opfer von Diskriminierung geworden. Ich glaube nicht, dass es darauf ankommt, wo du lebst, sondern wie du lebst. Internationale Medien zeigen oft ein falsches Bild von Homosexuellen in Jamaika.

Denn Jamaika kann ein sehr toleranter Ort sein. Du darfst deine Sexualität nur nicht auf die Stirn geschrieben haben.

Ich muss schon gucken, wie ich mich verhalte und wie ich mich anziehe. Sonst fragen dich die Leute, warum deine Hosen so eng sind, warum du so viele Farben trägst, warum deine Augenbrauen gezupft sind oder warum du so mit den Händen rumwedelst.

Maskulinität ist hier sehr wichtig. Wenn du dich als Mann nicht maskulin genug verhältst, kann es sein, dass dich Leute auf der Straße ansprechen – auch manchmal sehr aggressiv. Das ist natürlich ein Problem für Leute, die sich nicht so gut anpassen können.
Ich bin mir sicher, dass es vielen Schwulen hier genauso geht wie in Amerika oder Europa.
Problematisch sind vor allem die Medien in Jamaika. Denn was sich hier verkauft, ist Drama. Wenn man schwul ist und ein Stipendium von Harvard bekommen hat, interessiert das niemanden. Aber wenn man schwul ist und einen Polizisten angegriffen hat, dann ist das überall in den Nachrichten.
Outen – oder nicht?

Outen – oder nicht? (Bild: Getty Images / Yana Paskova)

Latoya, 24, Philosophiestudentin

Angefangen mit meiner Sexualität zu experimentieren habe ich, als ich an die Uni in Kingston gekommen bin. Damals habe ich mich noch als schwuler Mann identifiziert. Durch ein paar glückliche Zufälle habe ich dann zwei gute Freunde gefunden, die sich als Transfrauen identifizieren.

Ich war anfangs sehr verklemmt und mir war es peinlich, sie meinen anderen Freunden vorzustellen. Aber dann ist mir langsam klar geworden, dass ich auch eine Transfrau bin. Mittlerweile leben wir drei zusammen in einer WG.
Kurz bevor wir zusammengezogen sind, war ich bei einer Debatte an der Uni im Publikum. Damals dachte ich noch, ich wäre schwul. Und einer der Debattierer zeigte auf mich, und sagte: "Wenn ich im Alter von diesem jungen Mann wäre, und ich schwul wäre, dann hätte ich mittlerweile schon mehrere Geschlechtskrankheiten und dauernd wechselnde Sexualpartner".

Ich weiß nicht, was mich dann gepackt hat, aber ich bin daraufhin aufgestanden und habe geantwortet: "Naja, ich bin tatsächlich ein schwuler Mann, aber bitte schließen Sie nicht von sich auf mich. Nur weil Sie herumschlafen wollen, heißt das nicht, das ich das will, oder das ich Aids habe".

Natürlich wurde genau diese Debatte im Fernsehen gezeigt. So hat meine Mutter herausgefunden, dass ich auf Männer stehe.

Sie rief mich an, und nach vielen Tränen versicherte sie mir, dass sie mich genauso liebt wie vorher. Mein Bruder hat mich auch unterstützt. Ihre Unterstützung hat mir geholfen, mich selbst zu akzeptieren. Sie verstehen zwar noch nicht, was es heißt, trans zu sein. Irgendwann werde ich ihnen aber erklären, dass ich mich als Frau fühle.

Ich habe einen Nebenjob im Callcenter. Diese Firma hat einen Antidiskriminierungscode. Darum kann ich mit lackierten Fingernägeln oder mit Ohrringen zur Arbeit kommen. Letztens trug ich sogar lange Haarextensions und bin wie auf einem Catwalk durch das Büro stolziert. Meine Chefin hat davon geschwärmt, wie großartig ich aussehe.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

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Johannes Haushofer ist 36 Jahre alt – und schon Assistant Professor für Psychology und Public Affairs an der Elite-Universität Princeton. Vorher hat er in Oxford, Harvard sowie in Zürich studiert. Sein Lebenslauf ist sieben Seiten lang und kann ziemlich einschüchternd wirken. Was gelingt diesem Mann eigentlich nicht?