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Bild: Flickr / Guillaume Paumier / CC-by-2.0

Queer

Jung, schwul, katholisch: Wie ich gelernt habe, mich nicht mehr zu verbiegen

02.12.2015, 09:38 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

"Mir ist ein Rätsel, warum Christen ausgerechnet am Verbot der Homosexualität festhalten."

Seit ich ein kleiner Junge war, gehörte der Gottesdienst am Sonntag zu meinem Leben dazu. Ostern verband ich mit Kerzenschein in der dunklen Kirche und Fronleichnam mit der bunten Blütenblätterprozession.


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Als ich ein großer Junge wurde, blieb ich der katholischen Kirche verbunden: Für ein Auslandsjahr lebte ich in einem katholischen Orden in Tansania. In einem Land, das Homosexualität mit Gefängnis bestraft, traute ich mich nicht, über meine Liebe zu sprechen. Für die jungen Tansanier war das Sünde. So sehr ich dieses Land in mein Herz geschlossen habe, ein freies Leben und Lieben ist für mich dort auf Dauer unmöglich.

(Bild: Pixabay / Margarita Morales)

Zurück in Deutschland machte ich meine journalistische Ausbildung im Bistum. Wenn Kollegen in großer Runde über Beziehung und Kinder redeten, blieb ich meist stumm.

Was sollte ich schon erzählen? Homosexualität widerspricht der katholischen Lehre, und die musste ich als Angestellter des Bistums ja auch nach Außen vertreten.

Ein paar jüngere Kollegen wussten Bescheid, einige haben meinen Freund persönlich kennengelernt. Mit Vorgesetzten konnte ich aber nicht über meine Beziehung sprechen, es könnte ein Kündigungsgrund sein. 

Genau diese Unsicherheit verfolgte mich während der ganzen Ausbildung. Da musste ich mich in Gesprächen ganz schön verbiegen. Mit wem waren Sie denn am Wochenende in Zürich? - Mit EINEM Freund. Was Besseres fiel mir meist nicht ein.

(Bild: Getty Images / Franco Origlia)

Seit Franziskus hat sich da einiges bewegt. "Wenn jemand schwul ist, wer bin ich, über ihn zu urteilen?" - Mit diesem Satz weckte der Papst auch bei mir Hoffnungen auf eine Kehrtwende.

Eine homosexuelle Neigung wird von der Kirche nicht verurteilt. Der Lehre widerspricht nur das Ausleben der Homosexualität. Wie das gehen soll, konnte mir noch keiner so recht erklären.

Rein theologisch betrachtet baut die kirchliche Ablehnung der Homosexualität größtenteils auf wackeligen Zitaten in der Bibel. Im dritten Buch Mose steht, dass Analverkehr mit Männern mit dem Tode bestraft werden soll. Im gleichen Buch steht aber auch, dass Männer sich den Bart nicht schneiden sollten, Sklavenhaltung okay ist, und Frauen, die ihre Tage haben, bloß nicht berührt werden dürfen. Mir ist ein Rätsel, warum Christen ausgerechnet am Verbot der Homosexualität festhalten.

Unverständnis gab es von anderen jungen Homosexuellen: Wie? Du arbeitest für die Kirche? Sie sahen darin nur einen homophoben, verstaubten Verein alter Männer.


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Dabei habe ich so viele junge Schwule und Lesben kennengelernt, die sich seit ihrer Kindheit in der katholischen Gemeinde engagieren. Als Messdiener oder Gruppenleiter, im Pfarrgemeinderat und bei Wallfahrten. Sie fühlen genauso wie ich keinen Widerspruch im gelebten Glauben und der gelebten Liebe zum eigenen Geschlecht.

Auf beiden Seiten, also unter erzkonservativen Katholiken (aber auch Protestanten) und unter atheistischen Homosexuellen habe ich Vorurteile gegenüber den anderen erlebt, die nicht haltbar sind. Die ich mit meinem eigenen Verhalten ganz einfach widerlegen kann. Es ist kein Widerspruch, freitags in einer Schwulendisco abzutanzen und sonntags in die Kirche zu gehen.