Queer

Wie Schwule in Mexiko "umgepolt" werden sollen

10.02.2016, 17:32 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Als wäre Homosexualität eine Krankheit

Osmin Reyes war ein Teenager, als er seinen Eltern sagte, dass er schwul ist. Sie schickten ihn zu selbsternannten christlichen Therapeuten, die ihn heterosexuell machen sollten. Sie spielten ihm melancholische Musik vor. Sie wiederholten wieder und wieder, wie sündhaft sein homosexuelles Leben sei.

Heute ist Osmin Reyes 28 Jahre alt. Er lebt in Mexiko, hat Geschichte studiert und arbeitet in einer Bank in Querétaro im Zentrum des Landes. Er leidet noch immer unter der Behandlung von damals, deswegen erzählt er seine Geschichte: Er will andere vor solchen Therapien warnen.

Wie viele mexikanische Familien glaubten Osmins Eltern, im Interesse ihres Sohnes zu handeln. Die Genderforscherin Gloria Careaga Pérez von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko sagt, das sei kulturell bedingt: "Wenn Eltern klar wird, dass sie ein homosexuelles Kind haben, suchen sie die Fehler in ihrer Erziehung". Den vermeintlichen Schaden wollten Eltern oft wieder gutmachen.

Teilweise besteht die Behandlung aus sehr aggressiven, gewalttätigen Methoden: Die Kinder und Jugendlichen werden isoliert, teilweise mit kaltem Wasser abgespritzt. Pastoren rechtfertigen die Methoden – manche behaupten, sie seien selbst so geheilt worden.

Die Kirche liebt die Homosexuellen, deswegen lehnt sie die Homo-Ehen ab
Norberto Rivera Carrera, Erzbischof von Mexiko-Stadt

Bei persönlichen Problemen wenden sich Mexikaner oft an die Kirche. 83 Prozent der mexikanischen Bevölkerung ist katholisch (World Fact Book der CIA), evangelikale Freikirchen gewinnen an Einfluss. Nur die eigene Familie genießt als Anlaufstelle mehr Ansehen und Vertrauen als Geistliche – das zeigt eine Erhebung des Nationalen Rates zur Prävention von Diskriminierung (direkt zur Studie). Doch viele Geistliche empfinden Homosexualität als Sünde: "Die Kirche liebt die Homosexuellen, deswegen lehnt sie die Homo-Ehen ab", verkündete etwa der Erzbischof von Mexiko-Stadt im Sommer 2015 (El País). Das Zusammenleben von Mann und Mann oder Frau und Frau werde nicht erlaubt, um die Gläubigen zu schützen.

Stärkere Rechte – aber nur auf dem Papier

Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Menschen in Mexiko schwul oder lesbisch sind. In einer Studie der Nationalen Autonomen Universität aus dem Jahr 2012 gaben 3,6 Prozent der befragten Jugendlichen an, homo- oder bisexuell zu sein (direkt zur Studie). Zwischen 1995 und 2014 wurden in Mexiko 1.218 Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung getötet, sagt die Menschenrechtsorganisation "Comisión Ciudadana de los Crímenes de Odio por Homofobia" (La Jornada). Im Schnitt sind das 61 Morde pro Jahr. Mexiko hat damit nach Brasilien die zweithöchste Zahl homophob motivierter Morde in lateinamerikanischen Ländern.

Dabei haben Homosexuelle in Mexiko mehr Rechte, als in vielen europäischen Staaten. Im Sommer 2015 hebelte das oberste Gericht eine Reihe von bundesstaatlichen Gesetzen aus, die die Ehe ausschließlich als Verbindung von Mann und Frau definiert hatten. Das mexikanische Pendant zum deutschen Grundgesetz schützt jede Form sexueller Orientierung. Außerdem ist in Mexiko seit 2003 Diskriminierung explizit per Gesetz verboten. Auch Blut spenden und Kinder adoptieren ist in Mexiko für Schwule und Lesben einfacher als in Deutschland (La Tercera). (Mehr zu Homosexuellenrechten in Deutschland lest ihr hier bei bento.)

Im Video erzählt Osmin seine Geschichte:

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Diagnose: Anziehung zum selben Geschlecht

Nach seinem Coming-Out suchten Osmins Eltern Rat bei einem befreundeten Pastor. Der stellte den Kontakt zur "Exodus Global Alliance" her, die fundamental-christliche Organisation ist aus der sogenannten Ex-Gay-Bewegung entstanden. Sie bietet sogenannte Konversionstherapien für Homosexuelle an: Sie sollen durch den Glauben an Jesus Christus zu Heteros umgepolt werden.

Wenn Pastoren oder Selbsthilfegruppen in der Kirchengemeinde nicht weiterhelfen können und auch Besuche bei Ärzten und Psychologen nicht das gewünschte Ergebnis liefern, sind Vereinigungen wie "Exodus" für viele Eltern die nächste Station. Wie viele Kinder und Jugendliche dorthin geschickt werden, ist unklar – verlässliche Zahlen sind nur schwer zu erheben, weil die Gruppen so weit wie möglich außerhalb der Öffentlichkeit arbeiten und Betroffene meist ungern darüber reden.

"Sie wollen, dass die Kinder sich für ihre Wünsche und Gefühle schuldig fühlen", sagt Careaga Pérez über Gruppen wie "Exodus". Ihre Ideologien fußen auf einer konservativen Auslegung der Bibel, in der vor allem alttestamentarische Elemente betont werden, wie die Geschichte von Sodom und Gomorrha. Den Familien wird versprochen, die Kinder mit Liebe und Fürsorge von ihrer vermeintlichen sexuellen Verirrung zu heilen und sie wieder auf den rechten christlichen Weg zu bringen.

Die Kurse werden von sogenannten "Ex-Gays" geleitet, die behaupten, bereits von ihrer vermeintlich falschen sexuellen Orientierung geheilt worden zu sein. Sie sprechen nicht von Homosexualität, sondern von "AMS" – Anziehung zum gleichen Geschlecht. Das klingt wie eine Diagnose – mit Absicht: Organisationen wie "Exodus" verstehen Homosexualität als psychische Störung.

"Therapien" auch in Deutschland

Die Vorstellung, dass Homosexualität sündhaft, unnatürlich, krank und damit auch heilbar wäre, existiert aber nicht nur in Mexiko. Auch in Deutschland bieten Ärzte an, Homosexualität zu behandeln (Das Erste), in den USA versprechen religiöse Organisationen eine "Umpolung" (Vice).

Die vermeintlichen Therapien hinterlassen selten körperliche, dafür aber oft tiefe psychische Schäden. Menschen wie Osmin brauchen lang, um das Erlebte zu verarbeiten. Osmin erzählt, auch Jahre nach der Therapie lasse sich das schlechte Gewissen nicht einfach abstellen, das ihn seitdem beim Sex mit Männern plagt.

Aber nicht nur für den Einzelnen seien die selbsternannten Schwulenheiler gefährlich, sagt die Genderforscherin Careaga Pérez: "Den Schaden dieser Behandlungen tragen auch die Familien der Kinder und die Gesellschaft."

Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie Osmin ihre Geschichte erzählen.

In Mexiko gerät zwar nicht jeder an Organisationen wie Exodus. Trotzdem können viele homosexuelle Mexikaner von Vorurteilen und Unverständnis, vor allem aus der eigenen Familie, berichten.

Zum Beispiel diese vier jungen Männer:

​Rodolfo Delgado Zaldivar, 23, aus Mexiko Stadt

"Als ich mich mit 16 Jahren geoutet habe, ist meine Mutter ausgerastet und wollte, dass ich zum Psychologen gehe. Dahin wollte ich auf keinen Fall. Deshalb habe ich jahrelang so getan, als ob ich doch auf Mädchen stünde und das Schwulsein nur eine kurze Phase gewesen sei. Heute weiß sie Bescheid, aber wir sprechen nicht darüber. Auch damit mein Vater nichts davon mitbekommt."

"Als ich mich mit 16 Jahren geoutet habe, ist meine Mutter ausgerastet und wollte, dass ich zum Psychologen gehe. Dahin wollte ich auf keinen Fall. Deshalb habe ich jahrelang so getan, als ob ich doch auf Mädchen stünde und das Schwulsein nur eine kurze Phase gewesen sei. Heute weiß sie Bescheid, aber wir sprechen nicht darüber. Auch damit mein Vater nichts davon mitbekommt."

​Damian Feria, 24, aus Mexiko Stadt

"Meine Familie hat zum Glück nie ein Problem damit gehabt, dass ich schwul bin. Bei vielen meiner Bekannten ist das anders. Der Vater eines Freundes hat mit den Worten "Lieber ein Kind, das raubt, Drogen nimmt und mordet, als ein Schwules", auf sein Coming-Out reagiert."

"Meine Familie hat zum Glück nie ein Problem damit gehabt, dass ich schwul bin. Bei vielen meiner Bekannten ist das anders. Der Vater eines Freundes hat mit den Worten "Lieber ein Kind, das raubt, Drogen nimmt und mordet, als ein Schwules", auf sein Coming-Out reagiert."

​Jorge Antonio Mendoza, 24, aus Hermosillo

"Meine Mutter und auch die Mütter vieler Freunde werfen sich vor, uns zu feminin erzogen zu haben. Die erste Reaktion meiner Eltern auf mein Outing war ein Besuch beim Arzt. Dort wurde eine Computertomographie meines Kopfes gemacht. Darauf war natürlich nichts Auffälliges zu sehen. Danach gingen meine Eltern mit mir zum Pastor unserer Kirche. Der bot mir an, an einer Selbsthilfegruppe für Schwule teilzunehmen. Das wollte ich aber nicht. Es hat lange gedauert, bis meine Eltern mich so akzeptieren, wie ich bin. Heute haben wir aber ein gutes Verhältnis."

"Meine Mutter und auch die Mütter vieler Freunde werfen sich vor, uns zu feminin erzogen zu haben. Die erste Reaktion meiner Eltern auf mein Outing war ein Besuch beim Arzt. Dort wurde eine Computertomographie meines Kopfes gemacht. Darauf war natürlich nichts Auffälliges zu sehen. Danach gingen meine Eltern mit mir zum Pastor unserer Kirche. Der bot mir an, an einer Selbsthilfegruppe für Schwule teilzunehmen. Das wollte ich aber nicht. Es hat lange gedauert, bis meine Eltern mich so akzeptieren, wie ich bin. Heute haben wir aber ein gutes Verhältnis."

​Gustavo Ambrosio Bonilla, 23, Regisseur aus Agua Blanca

"Mit dem Kurzfilm "¡Estan Curados!" [deutsch: "Sie sind geheilt!"] wollte ich darauf aufmerksam machen, dass die Therapien zur Schwulenheilung eine totale Farce sind, um Geld zu verdienen. Ich finde diese Praktiken wirklich alarmierend, da sie dem Betroffenen schaden, indem sie seinen Selbstwert zerstören. Damit ist absolut niemandem geholfen."

"Mit dem Kurzfilm "¡Estan Curados!" [deutsch: "Sie sind geheilt!"] wollte ich darauf aufmerksam machen, dass die Therapien zur Schwulenheilung eine totale Farce sind, um Geld zu verdienen. Ich finde diese Praktiken wirklich alarmierend, da sie dem Betroffenen schaden, indem sie seinen Selbstwert zerstören. Damit ist absolut niemandem geholfen."

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