Bild: Fritz Gebhardt

Queer

Siehst du hier einen Mann oder eine Frau? Wie Leni Bolt gegen Geschlechterklischees kämpft

10.12.2016, 17:47 · Aktualisiert: 11.12.2016, 17:12

"Kannst du bitte ein Behind-the-Scenes-Foto schießen für meinen Instagram Account?", ruft Leni Bolt ihrer Assistentin zu, während sie breitbeinig ihre Hüfte in Richtung Kamera schiebt. Das Thema ihres Fotoshootings: "Genderqueer und die Lust an der Selbstdarstellung".

Genderqueer, das bedeutet für Leni, sich außerhalb der klassischen Rollen von Mann und Frau wohl zu fühlen.

Und passend dazu wählt sie ihre Outfits: einen Rock, der auch eine Hose sein könnte. Oder eine Frauenbluse, die sie sich über ihren grazilen Jungskörper streift.

Natürlich wollen auch Lenis 27.000 Instagram-Follower ihr beim Shoot dabei zusehen: Schließlich dreht sich auf ihrem Account Lenibolt immer alles um ihr Gesicht, ihren Körper, ihre Outfits. Leni ölig nackt auf der Bühne oder im Spagat mit Maschinengewehr vor dem Schritt.

Ja, Selbstdarstellung ist in meiner DNA. Dann muss man sich weniger mit den Problemen der anderen und der Außenwelt beschäftigen.

So präsentiert sich Leni auf Instagram:

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Klingt oberflächlich, dabei will Leni ihre eigene Power als Influencer vor allem politisch nutzen – um anderen Menschen Mut zu machen:

Auch viele schwule Männer und transsexuelle Frauen orientieren sich ja insgeheim an den heterosexuellen Mainstream-Vorstellungen: So muss ein Mann sein und so eine Frau, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Aber es gibt viele Menschen, die sich irgendwo dazwischen fühlen.
Warum muss man sich zwischen den Geschlechtern entscheiden? Ich möchte ein Zeichen setzen, dass man das nicht muss!

Und das geht nur mit Facepics auf Instagram und Fashion Shootings? Ist das nicht einfach nur Selbstverliebtheit?

Wir leben nun mal in einer sehr visuellen Welt. Das Format Bild kann noch mehr transportieren, diese neue Sprache wird sich noch viel weiter entwickeln. Schau dir an wie Kim Kardashian das im Selfie mit Hillary politisch eingesetzt hat. Okay, Hilary hat dann verloren, aber mich hat das inspiriert.

Leni war nicht immer Leni. Vor ein paar Jahren noch hieß sie Lennart.

Sie ist im westfälischen Soest aufgewachsen, Touristen lieben die Kleinstadt wegen ihrer mittelalterlichen Fachwerkhäuser.

Es ist ja nicht so, dass das mit dem Anderssein immer so einen Spaß gemacht hat: Mit 13 habe ich irgendwann angefangen, Röhrenjeans und transparente T-Shirts zu tragen. Das war den Leuten schon zu viel, obwohl ich da ja noch als Junge durchging. Die Leute haben sich von mir abgewandt. Das war eine dunkle Zeit und ich war ziemlich allein, hatte keine Freunde.

Weil Leni, damals Lennart Wronkowitz, nach der Schule allein zu Hause war, hat er angefangen, T-Shirts zu entwerfen und auf dem Dorfmarkt zu verkaufen. Und dieser "spießige Trödelmarkt" mit seinen 40.000 Besuchern war sein Sprungbrett: Mit 16 Jahren sprach ihn eine Journalistin der Nachrichtenagentur DPA am Marktstand an.

Bilder von Lennart Wronkowitz und seiner Kollektion:

Leni Bolt
Leni Bolt
Leni Bolt
Leni Bolt
Leni Bolt
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Der Artikel über "Deutschlands jüngsten Designer" lief in vielen großen Medien (SPIEGEL ONLINE). Daraufhin wurde er eingeladen, sein Label auf der Berliner Fashion Week zu zeigen, er lief mit Moderatorin Collien Fernandes über den roten Teppich und erzählte seine Geschichte auf RTL Explosiv.

Mein Erfolg hat aber nicht dazu geführt, dass die Leute plötzlich netter zu mir wurden. Im Gegenteil. Als RTL kam, um meinen tristen Alltag auf dem Schulhof zu filmen, musste der Dreh abgebrochen werden: Eine ganze Meute schreiender Teenager behinderte das Team.

Und selbst heute noch: Als ich neulich Soest besuchte, wurde ich angerotzt – mit dem freundlichen Hinweis: "Auf Transen wie dich spucke ich". Mir ist es sehr wichtig, das zu erzählen, weil viele Leute immer behaupten, in Deutschland leben wir in einer toleranten Gesellschaft.

Bilder von Lenis aktuellen Fotoshootings:

Liel Bomberg
Katja Toenissen
Liel Bomberg
Ofer Dabush
Ofer Dabush
Ofer Dabush
Ofer Dabush
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Nach dem Abitur zog Lennart nach Berlin, wo er "schon immer hinwollte". Erst dort fing er an, mit ihrer sexuellen Identität zu experimentieren.

Ich fing mit extrovertierten Kleidern und Perücken an so Drag-Stil-mäßig auszugehen. Dann wollte ich die Sachen nicht wieder ablegen, wenn ich nach Hause kam. Und irgendwann wurde dann aus dem Lennart die Leni.

Gleichzeitig betont Leni, dass sie nicht gegen den angeborenen Körper ankämpfen möchte, wie viele Transsexuelle es machen.

Ich habe schon den Wunsch noch etwas weiblicher auszusehen. Aber mein Geschlecht ist "fluid" – ich will mir nicht die Freiheit nehmen, mich später wieder in eine andere Richtung zu entwickeln. Kleidung kannst du wieder ablegen. Aber bei Operationen oder Hormonen wird es schon schwieriger. Ich habe auch meinen Namen nicht geändert, sondern nur Leni Bolt als Künstlernamen eingetragen.

Mit der Zeit hat Leni ihre Persona und visuelle Identität immer weiter entwickelt. Sie hat das Posen vor dem Spiegel trainiert, um jederzeit den perfekten Winkel für das Selfie abrufen zu können ("den Kopf 30 Grad schräg").

Ihre Outfits sind von japanischen Manga und Anime wie Sailor Moon, DoReMi, und Ranma 1/2 inspiriert. Und sie hat immer und immer wieder durch die Instagram Accounts von Transmodels wie Hari Nef und Andreja Pejic gescrollt.

So präsentieren sich Hari und Andreja auf Instagram:

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Ihre Karriere als Model entwickle sich gerade, sagt Leni. Sie sei bei keiner Agentur, sondern bekomme Anfrage via Instagram und über Kontakte in der Modeszene. So spielt sie auch im aktuellen Musikvideo von Bonnie Strange mit, Moderatorin, Model, Modedesignerin und eben Sängerin.

Leni arbeitet daran, dass das alles erst der Anfang ihrer Karriere ist. Denn sie ist fest davon überzeugt: Thema Gender wird mehr und mehr im "Mainstream" ankommen.

Es ging los mit Caitlyn Jenner: Der Olympia-Sportler aus den Achtzigerjahren war mit seiner Geschlechtsumwandlung im vergangenen Jahr auf dem Cover der "Vanity Fair". Der Sohn von Will Smith, Jaden Smith hat für die Frauenlinie von Louis Vuitton gemodelt. In den USA hat eine große Modeketten auf Uni-Sex-Abteilungen umgestellt. Und Diesel hat gerade eine riesen Werbekampagne mit zwei Trans-Models gestartet.

Okay, Deutschland hinkt da noch ein bisschen her. Aber, hey, dafür bin ich ja da.
Baal Fashion
Cassils and Robin Black
Jamie Raines
Tim Kummert
Fritz Gebhardt
dpa/Britta Pedersen
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Art

In diesen kleinen Häusern können Mäuse einkaufen

10.12.2016, 17:42 · Aktualisiert: 10.12.2016, 17:51

Mini-Schweden für Mini-Tiere

Wer durch die Stadt spaziert, starrt meist auf sein Handy oder in die Schaufenster von Geschäften. In Schweden lohnt sich jetzt aber ein Blick zu den eigenen Füßen: In Malmö öffnen derzeit viele neue Einkaufsläden für Mäuse – in mini.

Wie, echte Mäuse können jetzt einkaufen? Nein, natürlich nicht.

Bei der Aktion handelt es sich um eine Kunstaktion (thelocal.se).