Queer

Warum es höchste Zeit für Unisex-Toiletten ist

27.10.2015, 17:51 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Auf welche Toilette geht ein Mann, der wie eine Frau aussieht?

Jonas Fischer ist deutlich als Mann zu erkennen. Er trägt einen kurzen Bart, hat breite Oberarme und redet mit männlicher Stimme. Er wirkt ausgeglichen, er spricht ruhig. Auch über die Sache mit dem Klo. "Was würdest du sagen, wenn du als Mann auf der Herrentoilette bist und diese Person kommt rein?" Fischer zeigt ein Bild auf seinem Handy. Eine Frau Anfang Dreißig, mit langem lockigen Haar und weichen Gesichtszügen. Das Bild zeigt ihn vor etwa zehn Jahren. 

"Irritierte Blicke sind das Mindeste. Die denken, du spinnst oder hast dich in der Tür geirrt", sagt Fischer. "Manche schimpfen oder versuchen, dich gleich rauszuschmeißen." Jonas hieß früher Andrea. Er wuchs mit eindeutig weiblichem Äußeren auf. Aber seinem Gefühl nach war er nie eine Frau. 

Jonas Fischer heute, mit seinem Lebensgefährten

Jonas Fischer heute, mit seinem Lebensgefährten (Bild: Louisa Braun)

Jeden Tag wurde ihm das bewusst – vor allem, wenn er in der Stadt unterwegs war und aufs Klo musste. Vielen der geschätzt 10.000 deutschen Transsexuellen in Deutschland geht das so. Öffentlich werden sie vielfach als Kunstfiguren wie Conchita Wurst oder Olivia Jones wahrgenommen: schrill geschminkt, anders, unwirklich. In der Wirklichkeit sind ihre Probleme oft bodenständig – wie die strikte Einteilung von Toiletten in zwei Geschlechter. 

Jonas früher, als er noch Andrea hieß

Jonas früher, als er noch Andrea hieß (Bild: privat)

Die Rechtslage in Deutschland schreibt vor, dass Toilettenräume am Arbeitsplatz für Männer und Frauen getrennt sein müssen, und auch sonst ist das die Regel - ganz anders als etwa in Schweden oder den USA, wo es häufig eine Toilette für alle gibt. 

In Deutschland beginnt diese Debatte gerade erst: Mit Toiletten-Ausstellungen wollen Asten an der Berliner Humboldt-Uni und anderswo in dieser Woche darauf hinweisen, dass die Toiletten an fast allen deutschen Hochschulen bislang geschlechtergetrennt sind. So seien sie aber „diskriminierende Räume, in denen sich Menschen unwohl und ausgeschlossen fühlen müssen“, schreiben die Initiatoren in ihrem Aufruf. 

Auch Jonas Fischer empfand es so, gerade in der schwierigen Phase, in der er seine Geschlechtsangleichung anging. Er ließ sich mit 35 Jahren operieren, die Angleichung dauerte etwa drei Jahre. In dieser Zeit war er äußerlich in einem Zwischenstadium, wies Merkmale beider Geschlechter auf. "Damals hätte ich mir wirklich Unisex-Toiletten für alle Geschlechter gewünscht", sagt Fischer.  

Thomas Ranft, Stadtrat der Piraten im Münchner Rathaus, will Menschen wie Fischer helfen. Im Auftrag seiner Fraktion soll die Stadtverwaltung nun herausfinden, wo und wie viele Unisex-Toiletten sich in öffentlichen Gebäuden in München einrichten ließen. Er hofft auf Signalwirkung der drittgrößten Metropole für ganz Deutschland.

Unisex-WCs können:

  • Toilettenräume mit nur einem WC für alle Geschlechter sein, wie das in Zügen bereits der Fall ist. 
  • Oder einzelne Toilettenräume mit mehreren WCs und Waschbecken, die für alle Geschlechter geöffnet werden. Darin würden alle Toiletten in Kabinen verschwinden und Urinale hinter einem Sichtschutz. Die verschiedenen Geschlechter begegnen sich nur am Waschbecken. Zusätzlich blieben Damen- und Herrentoiletten bestehen.

Ranft kämpft für Transsexuelle, aber er sieht auch Vorteile für andere Nutzer: Väter könnten etwa den Wickeltisch benutzen, der sich bislang meist ausschließlich im Frauenklo befindet. Frauen müssten nicht mehr in langen Schlangen vor überfüllten WCs anstehen, während die Männertoiletten frei seien. 

Aktion an Unis für mehr Unisex-Toiletten

Aktion an Unis für mehr Unisex-Toiletten

Auch die rechtlichen Hürden hält Ranft für überwindbar. "Sie widersprechen ja nicht der Möglichkeit, eine dritte gemischtgeschlechtliche Toilette einzurichten." Ernster nimmt er die Kostenfrage. Zwar ist die Einrichtung von Unisex-Toiletten günstig, wenn bestehende WCs einfach neu beschildert werden. Soll aber ein Sichtschutz für das Pissoir eingebaut werden, wird es teurer für die Kommunen und auch für Betreiber von Bars oder Restaurants. 

Die Stadt München hat daher auf Ranfts Anfrage auch nicht gerade enthusiastisch reagiert. Mit einer Antwort will sie sich Zeit lassen – bis zu einem halben Jahr. 

Auch dass Ranft hier einen langen Atem beweist, ist zumindest zweifelhaft: "Ideologisch stehe ich nicht hinter der Sache", sagt der Pirat. Die Idee mit den Unisex-Toiletten kommt eigentlich von seiner Mitarbeiterin – zuständig für die Akquise politischer Themen, die sich in München gut verkaufen lassen. 

Jonas Fischer fehlt jedenfalls der rechte Glaube, dass die Politiker die Probleme transsexueller Menschen in absehbarer Zeit lösen können. "Die beschäftigen sich mit uns doch nur vor den Wahlen oder im Sommerloch."

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