Bild: Sixpackfilm

Queer

Vier queere Filmemacher erzählen von Geld und Sex

17.11.2015, 10:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

"Femme Brutal", "The Younger", "Nova Dubai"

Queere Filme schaffen es nur selten ins Kino. Vielleicht zehn jedes Jahr sind es, schätzt Sebastian Beyer von den Lesbisch-Schwulen Filmtagen Hamburg. Aber meist laufen die Filme dann doch nur kurz in kleinen Kinos. "The Kids are allright”, “Broke back Mountain” oder “Blau ist eine warme Farbe” sind die Ausnahme – und haben es vor allem wegen ihrer Starbesetzung geschafft.

Wer jenseits des Mainstreams queere Filme im Kino sehen will, muss deshalb auf Festivals ausweichen. Zum Beispiel noch bis zum 18. November in Esslingen oder vom 19. bis 22. November in Oldenburg.

Wir stellen drei aktuelle queere Filme vor und haben die Filmemacher getroffen, um mehr über ihre Arbeit zu erfahren:

Femme Brutal (Österreich)

(Bild: Sixpackfilm)

Femme Brutal

Nackte Körper, Küsse, Glitzer, Bühnenlicht! Die sieben Künstlerinnen des Wiener "Club Burlesque Brutal" fordern mit ihrer queer-feministischen Bühnenperformance die Selbstverständlichkeit weiblichen Begehrens ein. In ihrem Film "Femme Brutal" zeigen Liesa Kovacs und Nick Prokesch in 75 Minuten nicht nur Ausschnitte aus der Show, sondern geben auch Einblicke ins Leben hinter der Bühne. bento findet: radikal und hochpolitisch.

Liesa Kovacs und Nick Prokesch studieren im letzten Jahr an der Kunstakademie in Wien. Zwei Jahre lang haben sie die queerfeministische Tanzgruppe Burlesque Brutal begleitet. Doch die Finanzierung war ein großes Problem.

Filmindustrie heißt patriarchale, heteronormativen, weiße Strukturen.
Liesa Kovacs und Nick Prokesch

Als wir erfahren haben, dass sich die queerfeministischen Burlesquegruppe "Club Burlesque Brutal" trennen wird, mussten wir schnell reagieren. Nick hatte schon vorher engen Kontakt zur Gruppe und wollte sie zunächst für interne Zwecke portraitieren. Insgesamt haben wir aus drei Förderstellen in Österreich Geld bekommen, 8500 Euro für einen abendfüllenden Film.

Wir kommen beide aus der bildenden Kunst und arbeiten schon länger Zusammen. Wir arbeiten selbstständig, ohne Produktionsfirma, und haben auch noch viele unserer Freunde mit eingespannt. Wir helfen uns gegenseitig. Es ist eine tolle Zusammenarbeit, aber eigentlich haben wir keinen Bock, uns gegenseitig auszubeuten. In queerfeministischen Kontexten ist das allerdings oft die Norm. Das ist schon traurig und ärgerlich, denn auch wir müssen ja von etwas leben und brauchen die Möglichkeit, ohne existenzielle Ängste zu arbeiten. Zum Glück sind wir noch an der Universität eingebunden, so dass wir uns das Equipment zum Filmen leihen konnten.

Liesa Kovaks und Nick Prokesch

Liesa Kovaks und Nick Prokesch (Bild: Christoph Thorwartl)

Außerdem bewegen wir uns in der Filmindustrie auch in patriarchalen, heteronormativen, weißen Strukturen und müssen uns fragen: Wollen wir da mitspielen? Wir versuchen einen Spagat zum Mainstream hinzukriegen. Aber es ist eine Gratwanderung. Anfangs haben wir versucht, vor allem mit Frauen zu arbeiten. Das hat auch geklappt, bis wir dann Experten fürs Colorgrading und die Soundmischung am Ende gebraucht haben. Das waren Männer, die dann auch noch mehr als die Hälfte des zur Verfügung stehenden Budgets bekommen haben. Uns hat geärgert, dass wir da unsere Prinzipien nicht einhalten konnten und wir möchten in Zukunft anders damit umgehen.

Vom Filmemachen zu leben ist sehr schwierig. Einige aus der queeren Szene wollen vor allem Unabhängigkeit und arbeiten dann auch ohne Geld. Aber wir haben den Staat noch nicht aufgegeben. Es muss doch möglich sein, auch finanziell anerkannt zu werden!

青親 (The Younger, Taiwan)

The Younger

Der junge Hao Zhi Chen kümmert sich liebevoll um seine Großmutter, die an Alzheimer leidet und einen Schlaganfall hatte. Um Rechnungen für Medikamente zahlen zu können, nimmt er eine Stelle als Masseur in einem schwulen Salon an. Obwohl er die Arbeit zunächst als Mittel zum Zweck betrachtet, fühlt er sich bald zu seiner Kundschaft hingezogen. Ein bewegender, expliziter und doch behutsamer Film, der in 44 Minuten viel über das Comingout erzählt.

Chen Hao ist Schauspieler in Taiwan und hat für seine Abschlussarbeit im Studium seinen ersten Film gedreht - queere Sexszenen inklusive. Das ist mutig, in Taiwan ist Homosexualität nicht selbstverständlich.

Regisseur und Schauspieler Chen Hao

Regisseur und Schauspieler Chen Hao

Mein Film ist meine Abschlussarbeit an der Uni. Ich habe Schauspiel und Film studiert und brauchte eine Abschlussarbeit für beides. Also habe ich es verbunden. Der Film hat 6000 Euro gekostet. Von der ersten Idee bis zur Fertigstellung hat es ein halbes Jahr gedauert. Alle Schauspieler sind meine Studienkollegen – sie wurden nicht bezahlt. Ich habe mit dem Geld die Miete für das Haus bezahlt, in dem gedreht wurde. Auch für die Requisite habe ich Geld ausgegeben. Die Kamera, Licht und Ton habe ich mir von der Hochschule ausgeliehen.

In dem Film gibt es eine Szene, in der sexueller Missbrauch eine Rolle spielt. Ich wollte eine Geschichte erzählen, in der sich die Menschen mit den Charakteren identifizieren können. Und das funktioniert vor allem, wenn die Charaktere durch schwierige Situationen hindurch müssen. Die Hauptfigur in meinem Film fängt an, in einem schwulen Massagestudio zu arbeiten, um das Geld für die Medikamente für seine Großmutter zu verdienen. Unsicherheit in der eigenen Orientierung und mit dem eigenen Lebensweg sind die Folge. Und das können sicher viele Zuschauer nachvollziehen.

Es war schwer, den Film meinen Freunden zu erklären.
Chen Hao

Meine Hochschule war meinem Film gegenüber sehr offen und mein Professor hat mich sehr unterstützt. Da hatte ich viel Glück. In Taiwan ist es schwierig, Filme zu drehen und zu zeigen, in denen es um Sex geht. Wenn das der Fall ist, kann der FIlm auf sehr vielen Festivals und im Fernsehen nicht gezeigt werden. Das war mir bewusst.

Ich habe den Film für queere Filmfestivals und für Vorführungen außerhalb Taiwans gemacht. Das klappt auch gut. Der Film lief in HongKong, Korea, Peking, Frankreich, Deutschland und vielen anderen Städten auf den Queer Film Festivals. Es war schwer, den Film meinen Freunden zu erklären. Die allermeisten sind heterosexuell und in meinem FIlm wird viel expliziter Sex gezeigt. Aber als ich ihnen erzählt habe, dass ich mit diesem Film Menschen helfen möchte, die in der Situation sind und darunter leiden, unterstützen sie mich.

Wenn man bei uns in der Filmförderung einen Film einreicht, dann hat er glaube ich die gleiche Chance genommen zu werden, wenn es ein queerer Film ist. Es gibt hier keine Benachteiligung. Es gibt ein Kino, dass sich auf die Filme spezialisiert hat.

Nova Dubai (Brasilien)

Nova Dubai

Schwuler Sex als Demonstration gegen eine Baustelle: Die Immobilienspekulation in ihrer Nachbarschaft nervt eine Gruppe von Freunden gehörig. "Nova Dubai" soll das Luxusviertel heißen, das ihren Lebensraum durch Privatisierung bedroht. Als Antwort darauf haben sie reichlich Sex auf den Baustellen. Der Regisseur Gustavo Vinagre fand die Szenen selbst so krass, dass er sich für seinen 52-minütigen Film nicht um Förderung bewarb.

Gustavo hatte für seinen Film 2000 Euro zur Verfügung. Seinen Film konnte er nur Mithilfe von Freunden und Familie fertigstellen. Aber er hatte Glück: Auf Filmfestivals ist er nun erfolgreich unterwegs.

Ich habe meinen Film mit Crowdfunding finanziert, wir haben dafür einen Teaser gedreht. Die Schauspieler waren Freunde von mir, die nicht bezahlt wurden. Das Equipment konnte ich mir aus der Uni leihen. Wir hatten wenig Geld zur Verfügung, auch für brasilianische Verhältnisse. Etwa 2000 Euro. Andere Filmemacher haben 40.000 Euro, sogar für Kurzfilme.

Regisseur Gustavo Vinagre

Regisseur Gustavo Vinagre (Bild: bento)

Aber alle glaubten von Herzen an das Projekt und das war großartig. Wir konnten unsere Kosten knapp decken. Und irgendwie klappte es. In dem Film spielen meine Freunde, meine Mutter und ich mit. Ich musste kein Set mieten: Wir haben im Haus meiner Mutter gedreht.

Es ist bereits mein dritter Film. Für die ersten beiden Filme habe ich mich bei der Filmförderung in Brasilien beworben. Das hat auch geklappt. Aber in diesem Film gibt es so viele explizite Sexszenen, dass ich mich gar nicht getraut habe, mich zu bewerben. Meine Freunde haben sich gut damit gefühlt, sich in dem Film zu sehen. Ich habe mich auch dazu entschieden mitzumachen, damit wir alle gleichberechtigte Teammitglieder sind. Außerdem hätte ich Schauspieler gar nicht bezahlen können. Die hätten sicher auch, gerade, wenn es um die Sexszenen geht, eine Einarbeitung gebraucht. Deshalb dachte ich: ich mache das einfach.

Wir haben fünf Tage gedreht und für die Produktion etwa vier Monate gebraucht. Der Film hat mit 50 Minuten eine Länge, die schwer auf Festivals unterzubringen ist. Ich war deshalb überrascht: Dokumentarfilmfestivals, Kurz- und Langfilmfestivals zeigen meinen Film, auch einige Queer-Film-Festivals. Offensichtlich passt der Film in viele Sparten.

Ich weiß noch nicht, ob der FIlm auch auf DVD oder im Kino erscheint, aber wir versuchen das natürlich. Ich denke nicht, dass es für queere Filme schwerer ist, ins Kino zu kommen. Aber generell für brasilianische Filme ist es schwer. Der Markt ist einfach von den USA dominiert. große queere Hollywoodproduktionen schaffen es ins Kino. "The Kids are allright" oder "Brokeback Mountain" zum Beispiel. Das Problem ist nicht Queerness, sondern die Dominanz von Amerika am Markt.

Noch mehr queere Filme gibt es auf diesen Festivals:

Die Karte hat Skadi Loist erstellt, Filmwissenschaftlerin und Festivalforscherin an der Universität Rostock.