Queer

Wie Vroni zu Vincent wurde

14.11.2016, 10:46 · Aktualisiert: 20.11.2016, 15:50

Ein junger Mann wartet an einer roten Ampel, Rennrad, umgekrempelte Hose, Kapuzenpulli, Dreitagebart. Er streicht sich etwas unbeholfen eine Strähne aus der Stirn, dann verschwindet er in der Masse der Stadt.

Gewöhnliche Szene, gewöhnlicher Junge. Bis auf die Tatsache, dass er vor einem Jahr noch Vroni hieß.

Heute steht Vincent in seinem Pass. Jahrgang: 1996. Geschlecht: männlich. 1700 Euro hat ihn das gekostet. Doch die Änderung seines Namens war nur einer von vielen Schritten auf seinem mühsamen Weg in Richtung Mann.

Schon als Kind wollte Vincent nie eine Frau werden, sondern lieber wie der Papa. Er wuchs in einem kleinen Haus mit großem Garten auf. Mama, Papa, zwei Mädchen, ein Junge, Hund und Katze. Vincents Eltern ahnten nicht, dass eine ihrer Töchter lieber ein Sohn geworden wäre.

Vroni durchwühlte nie heimlich den Kleiderschrank der Mutter nach bunten Röcken, himmelte nicht Torben aus der Vierten an, der offensichtlich in die Grundschullehrerin verliebt war. Nein, Vroni himmelte sie mit Torben zusammen an.

Vroni flocht sich nicht das Haar, sondern kürzte es auf wenige Zentimeter, klemmte sich keine Handtaschen, sondern Skateboards unter den Arm. Als ihre Brüste zu wachsen begannen, schnürte Vroni sie mit Verbänden ab.

Was bedeutet Transgender?

Die Begriffe Transsexualität, Transgender oder Transidentität werden meist synonym verwendet und beschreiben den Zustand, wenn die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem biologischen Geburtsgeschlecht übereinstimmt. Hierbei definiert sich die Geschlechterrolle jedoch nicht durch nur die Sexualität, sondern durch die ganze Persönlichkeit des Menschen. Transidente wollen in erster Linie sozial als Angehörige des anderen Geschlechts akzeptiert werden.

"Ich dachte immer: Mein Kopf ist ein Junge, mein Körper ein Mädchen", so beschreibt Vincent, heute 20 Jahre, das Gefühl, das für ihn zum Alltag gehörte. Lange erzählte er niemandem, dass sich sein Körper wie eine angewachsene Verkleidung anfühlte.

Auf dem Schulhof schrie man ihm "Scheiß Lesbe!" hinterher, beim Bummeln in der Stadt spürte er die fragenden Blicke: Junge oder Mädchen? Er wusste: So geht es nicht weiter.

Wie Vincent sich verändert hat:

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Vincent ist einer von rund 17.000 transsexuellen Menschen in Deutschland (Trans-Ident e.V.). Die zentrale These der Gendertheorie ist, dass die Natur nicht vorgibt, was männlich und was weiblich ist. Allein die Gesellschaft würde das Geschlecht und die jeweilige Rolle konstruieren.

Viele transsexuelle Menschen schämen sich, genau diese Rolle nicht zu erfüllen und haben Angst, deswegen verstoßen zu werden. Es ist schwierig genug, mit dem ständigen Bedürfnis leben zu müssen, wortwörtlich aus der Haut fahren zu wollen. Viele schreckt es da ab, offen dazu zu stehen und dem Umfeld erklären zu müssen, was es für sie bedeutet.

Die eigenen Eltern nennen einen Spätzünder, die Lehrer sprechen von ADHS. Vielen Transsexuellen wird eine Verhaltensstörung angedichtet, Pillen sollen helfen.

Laut einer schwedischen Studie ist das Risiko für einen Suizid bei transsexuellen Menschen nach einer Operation knapp 20-Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung, sie fühlen sich nirgends zugehörig und treiben zwischen zwei festgelegten Polen hin und her (Studie auf Englisch bei "Plos One").

Liegt diese Verzweiflung ausschließlich am ohnehin in ihrem Inneren tobenden Kampf? Oder leiden diese Menschen eher unter der oft abschätzigen Art, mit der viele Mitmenschen sie behandeln? Oder führt das eine zum anderen?

Transidente, Homosexuelle, Pansexuelle, Asexuelle – sie alle sind heute in Deutschland immer noch nicht gleichberechtigt anerkannt, weder von der Gesellschaft, noch vom Staat.

So ist die "eingetragene Lebenspartnerschaft" zwar in vielen Bereichen der "Ehe" weitgehend gleichgestellt, aber Kinder adoptieren dürfen diese Lebenspartner zum Beispiel nicht (stern.de). Bis vor wenigen Jahren war Transidenten die Änderung ihres Namens erst nach einer geschlechtsumwandelnden Operation erlaubt und Ehepartner mussten sich im Falle eines solchen Eingriffs scheiden lassen (faz.net).

Die Fortschritte sind stetig, aber klein. Wie lang wird es noch dauern? Wird der Großteil der Gesellschaft sein Unbehagen überhaupt jemals überwinden können?

Ich bin ein stolzer Haarträger
Vincent

Vincent setzt sich auf die Steinmauer am Fluss, lässt die Füße baumeln und zwirbelt seine Beinhaare zwischen den Fingern. Vor anderthalb Jahren sprossen nur vereinzelte Stoppeln, wie sie auch jedem Mädchen wachsen. Bart-und Beinhaare kamen erst mit der Testosteron-Creme, die den weiblichen Hormonhaushalt dem männlichen angleicht.

"Ich bin ein stolzer Haarträger", sagt Vincent grinsend und fährt sich über die Borsten am Kinn. Man spürt, dass er lange darauf gewartet hat, das tun zu können.

Mit 14 weihte Vroni ihre Mutter ein, doch die tat die Gefühle ihrer Tochter als eine Phase ab. Als Vincent das erzählt, lächelt er gequält. Sie habe nicht wahrhaben wollen, dass ihr Kind nicht normal ist – was auch immer das bedeutet.

Doch die Phase verflog nicht: Vroni brachte kommentarlos Mädchen nach Hause, lächelte nur verschmitzt. Vermutlich redete ihre Mutter sich ein, es seien nur Freundinnen. Sein Vater hielt sich raus, für ihn war das alles Frauensache.

Wenn Vincents Angelegenheiten eins nicht waren, dann Frauensache.

Die haben sich gefreut wie sich Mädels über einen schwulen besten Freund freuen.
Vincent

Jungsklamotten, Männerfrisur – auf dem Weg zur Klischeelesbe. Das dachte Sarah, 21, Vincents große Schwester. Sie sei geschockt gewesen, als sie die Wahrheit erfuhr, erzählt Vincent.

Doch unter Geschwistern geht es nicht um Verstehen, sondern Beistehen. Und das tat Sarah. Sie vermittelte zwischen Vroni und ihrer Mutter, bis sie irgendwann begann, Vronis Situation zu akzeptieren.

Gestärkt von Sarah wagte Vroni vor fünf Jahren, sich bei den männlichen Freunden zu outen. "Die haben sich gefreut wie sich Mädels über einen schwulen besten Freund freuen", erzählt Vincent lachend. "Die meinten, ich wäre ja eh immer entspannter gewesen als die anderen Weiber."

Genau vor den "anderen Weibern" hatte Vroni damals Angst. Wie würde die Mädelsclique reagieren? Würden sie sich fragen, ob Vroni schon mal verliebt war in eine von ihnen? Würde es etwas zwischen ihnen ändern? Doch auch sie reagierten gelassen, zum größtenteils zumindest.

Sie lieben ihn, sie, egal.

Seit zwei Jahren besucht Vincent einmal monatlich eine Selbsthilfegruppe. Hier hat er Freunde gefunden, die ihn verstehen und ihm beigestanden haben, wenn es ihm schlecht ging. "Als ich meine Brust-OP hatte, haben mich die Leute hier total aufgefangen. Alter, das hat so viel Kohle gekostet. Und Nerven."

Transmänner verstehen Frauen doch sogar besser als Heteros.
Nina

Vielleicht lag es an Vincents aufblühendem Selbstbewusstsein, aber nachdem er sich geoutet hatte, klappte es auch mit den Frauen. Seit mehr als einem Jahr ist er glücklich mit Nina zusammen. Nina ist heterosexuell und steht offen zu seiner Transsexualität. "Mehr kann ich mir eigentlich nicht wünschen. Eine hübsche Freundin und echte Freunde."

Komplett umoperiert ist Vincent nicht. Das koste zu viel: "Die Krankenkasse hat schon für die Brustabnahme vier psychologische Gutachten haben wollen und ich weiß nicht, ob sich die Narbe am Unterarm dafür wirklich lohnt."

Wenn Ärzte einen möglichst originaltreuen Penis konstruieren, arbeiten sie meist mit dem Gewebe unterhalb der Ellenbeuge. Dieser Penis soll auch in der Lage sein, Reize zu empfinden und eine Erektion zu bekommen, wobei ihm eine im Unterleib eingebaute Pumpe hilft.

Dazu ist Vincent allerdings noch nicht bereit. "Aber hey, ich hab‘ andere Wege, Nina glücklich zu machen", sagt er und grinst. Manchmal wird Nina gefragt, warum sie nicht mit einem "echten" Mann zusammen sei. Ihre Antwort: "Transmänner verstehen Frauen doch sogar besser als Heteros." Denn die wissen, wie es sich anfühlt, eine zu sein.

Und außerdem, sagt sie, verliebt man sich nicht ins Geschlecht. Sondern in einen Menschen.


Food

McDonalds hat jetzt einen Nutella-Burger. Aber es gibt einen Haken

14.11.2016, 08:18 · Aktualisiert: 14.11.2016, 11:19

McDonald's bemüht sich neuerdings auch um gesunde Ernährung. Dazu passt aber nicht, dass die Kette jetzt in Italien einen Burger gefüllt mit Nutella auf den Markt bringt. Sieht aus und klingt nach einem simplen Berliner, halt mit Schokofüllung statt Marmelade.

McDonald's lässt es aber schöner klingen: Der "Sweety mit Nutella" wird auf der Homepage als "weiche Süßigkeit" beschrieben, der man kaum widerstehen könne – außen weiches Brot, innen "cremiger Kern".