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Bild: Reuters / Joe Skipper

Queer

Disney-Figuren: Sind sie nicht alle ein bisschen queer?

23.02.2016, 10:08 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

So habt ihr die Disney-Klassiker noch nie gesehen.

Lesbische Prinzessinnen oder homosexuelle Prinzen findet man in den Disney-Filmen nicht, dafür sorgen andere Charaktere für Spekulationen. Wir haben Disney-Klassiker angeschaut und uns gefragt:

Wie queer sind die Figuren?

Wir haben die folgende Filme angeschaut: "Arielle, die Meerjungfrau", "Mulan", "Merida", "High School Musical", "Der König der Löwen", "Peter Pan", "Aladdin", "Star Wars – Das Erwachen der Macht"

Die gemeine Hexe in "Arielle, die Meerjungfrau"

(Bild: Giphy)

Um wen geht's?

Um die abgrundtief böse Seehexe Ursula, Erzfeindin der Meerjungfrau Arielle.

Was ist queer?

Sie ist ein Gesamtkunstwerk. Sie lebt für die Inszenierung und fühlt sich wohl mit großen Gesten und viel Make-Up. Inspiriert vom schrillen Äußeren der Dragqueens der Achtzigerjahre, wie die amerikanische Dragqueen Divine, verzaubert sie von ihrer Grotte aus die Unterwasserwelt.

Passt das?

Dragqueens spielen mit ihrem Äußeren. Sie sind zwar meist viel netter als Ursula, aber ansonsten sind sie gut getroffen.

Viele LGBT-Fans sehen Ursula auch als "Butch", eine burschikose Lesbe. Ihr Name wurde deshalb schnell ein Codewort. Die US-Komikerin Tanya Gulliver nutzt das Wort zum Beispiel für bodenständige Lesben.

Das starke Mädchen aus dem Film "Mulan"

(Bild: Giphy)

Um wen geht's?

Um das Mädchen Fa Mulan, Hauptfigur im gleichnamigen Disney-Film.

Was ist queer an ihr?

Mulan ist die stärkste aller Disneyfrauen. Sie geht ihren eigenen Weg und setzt sich mutig gegen den Willen der Männer durch. Und sagt zumindest einmal, sie möchte nie wieder einen Mann nackt sehen.

Passt das?

Man merkt, dass Mulan kann nicht einfach wie die anderen Mädchen auf dem Schulhof sein kann. Ein Gefühl, dass viele burschikose Lesben, Bisexuelle und Pansexuelle bestimmt kennen (Anmerkung der Redaktion: Pansexuelle treffen keine sexuelle Vorauswahl nach Geschlechts).

Der Zeichentrickfilm "Mulan" selbst bedient aufgrund seines Hetero-Happy-Ends jedoch nur das Motto "Do it like a dude". Die Serien-Adaption des Films mit dem Titel "Once Upon A Time" aus dem Jahr 2011 ist mutiger – Mulan ist hier offen lesbisch.

(Bild: Giphy)

Um wen geht's noch?

Um Mulans Ausbilder, Hauptmann Li Shang.

Was ist queer?

Shang verliebt sich in einen chinesischen Soldaten (Ping), der eigentlich eine Soldatin (Mulan) ist. Shang gesteht seine Liebe erst, als Mulan ihre wahre Identität als Frau offenbart.

Passt das?

Shang scheinen seine Sexualitätszweifel stark zu beschäftigen, das kommt vielen Leuten in der LGBT-Community bestimmt bekannt vor. Manche Männer wollen es zuerst nicht wahr haben, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlen.

Das Disney-Imperium

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Die junge Hauptfigur aus "Merida"

(Bild: Giphy)

Um wen geht's?

Um die ungestüme, rothaarige Königstochter Merida aus den schottischen Highlands.

Was ist queer?

Merida will – gegen den Willen der Eltern – auf keinen Fall einen fremden Mann heiraten. Sie ist so von ihrer Entscheidung überzeugt, dass sie ihrer Mutter sogar Gift in den Tee mischt.

Passt das?

Wie Eltern mit dem Comingout umgehen, ist auch in der Realität eines großes Thema. Inzwischen stellen viele YouTuber Comingout-Gespräche mit den Eltern online oder geben in Videos Tipps für die Unterhaltung mit der Familie.

Im Vorfeld zum Film "Merida" hatte die LGBT-Gemeinde auf eine lesbische Disneyprinzessin gehofft. Sie wurde jedoch schwer enttäuscht: Disney hat Merida lediglich als unabhängiges Mädchen inszeniert.

In den meisten Disneyfilmen bestehen auch hier die Eltern zunächst auf eine traditionelle, heterosexuelle Ehe, die dem royalen Standard oder der Herkunft gerecht wird. Zum Schluss erlauben sie Merida jedoch, den Mann zu heiraten, den sie möchte.

Schulflirts im Film "High School Musical"

(Bild: Giphy)

Um wen geht's?

Um Ryan Evans (Lucas Gabreel), der Bruder von Blondinenzicke Sharpay.

Was ist queer?

Er trägt Klamotten in Pudertönen oder mit Glitzer – ähnlich wie seine Schwester. Außerdem lebt er für Musicals und Jazztanz.

Passt das?

Diese Andeutungen waren für viele so überzeugend, dass Eltern in den USA gegen die Rolle protestiert haben. Disney reagierte: Ab dem zweiten Teil war Ryan mit der Pianistin Kelsi Nielsen zusammen.

Der Schauspieler, der Ryan spielt, plädierte öffentlich dafür, dass Ryan zumindest einmal kurz mit einem Mitschüler Händchen hält. Ryan durfte dann bei der Abschlussfeier seiner Schule einen Jungen des Basketballteams niederknutschen.

In der 2008er Produktion "High School Musical on Tour!" gingen die Disney-Autoren noch einen Schritt weiter: Als der Highschool-Basketballer Troy ihn versehentlich berührt, fällt Ray fast in Ohnmacht. Ryan darf außerdem sein Schließfach mit Männermodels dekorieren.

Um wen geht's noch?

(Bild: Giphy)

Um Kelsi Nielsen (Olesya Rulin), das Musiksternchen der Schule.

Was ist queer?

Kinder, die in ihrer Freizeit Theater spielen oder Musik machen, werden in den USA auch "Dramakids" genannt und haben schnell den Ruf, queer zu sein.

Darüber hinaus ist Kelsi als eine der wenigen Mädchen der Schule nicht in einen der hübschen Basketballer verliebt. Ryan (siehe oben) begleitet Kelsi zum Abschlussball – was eher pflichtbewusst als romantisch wirkt.

Viel mehr ist nicht von Kelsi bekannt – was ebenfalls typisch ist für queere Film- und Seriencharaktere. Sie werden so an den Rand gedrängt, dass man sie kaum wahrnimmt.

Passt das?

Dass Kelsi mit Ryan zum Abschlussball geht, wirkt wie eine arrangierte Ehe in China. Schwule und Lesben heiraten dort häufig untereinander, um die Erwartungen der Familie und der Gesellschaft zu erfüllen.

In China war Homosexualität bis 1997 sogar illegal. Noch heute gilt die Praxis, innerhalb der LGBT-Community zu heiraten, um ein einfacheres Doppelleben führen zu können.

Bei der Suche nach einem geeigneten Heiratspartner hilft zum Beispiel die App "Queers". 400.000 User hat "Queers" bereits, die Hälfte davon ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, dem üblichen Heiratsalter.

Laut der Qingdao University sollen zirka 16 Millionen chinesische Schwule ahnungslose, heterosexuelle Frauen geheiratet haben.

In vielen amerikanischen Highschools gilt die Regel, dass keine gleichgeschlechtlichen Paare zu Abschlussbällen zugelassen werden. Queere Kids gehen deshalb häufig zusammen auf den Ball. So wie Kelsi und Ryan.

Der böse Onkel in "Der König der Löwen"

(Bild: Giphy)

Um wen geht's?

Um Scar, Onkel des Löwenjungen Simba.

Was ist queer?

Sein exaltiertes Verhalten. Übertriebene Gesten und seine aufgeregte Theatralik stilisieren ihn zu einer Dramaqueen. Außerdem lebt Scar alleine, ausgestoßen vom Rudel. Er hat kaum Freunde, nur eine Schar von untergebenen, zwielichtigen Hyänen.

Passt das?

Filmcharaktere wie Scar, die nicht offen homosexuell sind, bezeichnet man auch als "coded gay". Diesen Begriff hat der US-Autor Vito Russo mit seinem Buch "The Celluloid Closet" geprägt.

Früher konnten Filmemacher keine offen homosexuellen Charaktere erschaffen, da dies von den Filmstudios nicht gebilligt wurde. Sie konnten die sexuelle Orientierung nur durch Kleidung und das Verhalten andeuten.

Die Märchenwelt in "Peter Pan"

(Bild: Giphy)

Um wen geht es?

Um Peter Pans Erzfeind Captain Hook, dessen großes Stylingvorbild der Bayerische König Ludwig II. zu sein scheint.

Was ist queer?

Captain Hook liebt ausufernde Samtoutfits. Zudem trägt er einen Schnurrbart, wie er in ähnlicher Form jahrzehntelang von vielen Schwulen getragen wurde – und so schon fast zu einem Identitätssymbol wurde. Jeder aufmerksame LGBT-Fan hat Captain Hook im Herzen bereits mit seinem Gehilfen Smee verkuppelt. Die beiden bilden ein Dreamteam, bei dem Captain Hook offensichtlich der dominantere Part ist.

Passt das?

Das Spiel mit extravaganter Kleidung ist auch in der LGBT-Community weit verbreitet. Captain Hooks Samtoutfit scheint angelehnt an die schwule Elite der Mode- und Entertainmentindustrie in den Siebzigerjahren, die "Velvet Mafia" genannt wurde.

Exotische Abenteuer bei "Aladdin"

(Bild: Giphy)

Um wen geht es?

Um den blauen Flaschengeist Dschinni, der eine "Bromance" mit Aladdin lebt.

Was ist queer?

Aladdin will Dschinni befreien, Dschinni scheint Aladdin zu bewundern. Eine besonders weiche Note bekommt der Flaschengeist durch die Synchronstimme von Robin Williams. Außerdem kann Dschinni sich in eine weibliche Variante verwandeln, inklusive sexy Unterwäsche.

Passt das?

Die Beziehung zwischen Dschinni und Aladdin scheint sehr innig zu sein. Auch in der LGBT-Community gibt es viele, die sich gerne mit anderen queeren Leuten austauschen. Das gibt Halt und stärkt das Gefühl, mit Problemen nicht alleine zu sein.

Erotische Blicke bei "Star Wars – Das Erwachen der Macht"

(Bild: Giphy)

Um wen geht es?

Um den waghalsigsten Piloten des Widerstands, Poe Dameron (Oscar Isaac), und den ehemaligen Soldaten der Sturmtruppen, Finn (John Boyega).

Was ist queer?

Finn hat Poe für tot gehalten. Die strahlende Freude in den Gesichtern der beiden, als sie sich wiedersehen, erzählt viel.

In einer anderen Szene machen sich die Soldaten für den Kampf bereit. Die Kamera dreht sich um beide, als wäre dies ein romantischer Moment in einem Liebesfilm. Nach der Schlacht ist Finn schwer verletzt. Der Erste an seiner Trage auf dem Weg zum Krankenlager ist natürlich Poe.

Passt das?

Die LGBT-Fangemeinde hält die Romanze für sehr glaubwürdig. Dem Paar wurde sogar der Spitznamen "Stormpilot" gegeben. Der Schauspieler Oscar Isaac, der Poe spielt, verriet sogar, er habe die Romantik beim Dreh gespürt. Sein Pendant, Schauspieler John Boyega, der Finn spielt, schweigt sich hingegen aus.

Auch in der echten amerikanischen Armee galt bis 2011 das Motto: "Don’t ask, don’t tell". Geoutete Soldatinnen und Soldaten durften ihren Wehrdienst nicht antreten. Doch inzwischen sind gleichgeschlechtliche Beziehungen von Armee-Mitgliedern in der Öffentlichkeit erlaubt.

Der Regisseur des nächsten "Star Wars"-Teils hat bereits ein "Stormpilot"-Bild auf Twitter geteilt.

Fazit: Wie queer ist Disney?

In den Disney-Filmen kommen LGBT-Charaktere nur sehr versteckt vor – wenn überhaupt.

Das Unternehmen Disney ist übrigens um einiges weiter als seine Charaktere. Als das Gesetz für die gleichgeschlechtliche Ehe in den USA verabschiedet wurde, erstrahlte das Disney-Schloss in Disneyworld in Regenbogenfarben.

Schon seit den Neunzigerjahren gibt es in Disneyworld "Pride"-Events.

Doch auch in den Filmen ist die Zeit reif für eine Prinzessin, die mit einer Frau an ihrer Seite regiert. Und für einen Prinzen, der mit einem jungen Mann durch Felder reitet.

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