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Bild: Payam Feili

Queer

Iranischer Schriftsteller: "Viele junge Iraner kämpfen mit einer Identitätskrise"

18.02.2016, 12:58 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Payam Feili gibt Homosexuellen aus Iran eine Stimme

Der Autor Payam Feili ist schwul, liebt Israel und stammt aus Iran. Eine ungewöhnliche Mischung. Denn Homosexuellen droht in Iran die Todesstrafe, gleichzeitig sind die Beziehungen zwischen Israel und Iran angespannt. Israel hatte Iran sogar mit Luftschlägen gedroht, sollte das Regime in Teheran das im Sommer 2015 ausgehandelte Atomabkommen verletzen.

Feili schreibt in seinen Büchern über Homosexualität, obwohl er weiß, wie gefährlich das ist. Drei Mal saß er in den vergangenen Jahren in iranischenen Gefängnissen. Beim letzten Mal im Jahr 2014 sperrten sie ihn 44 Tage in einen Schiffscontainer. Deshalb floh er vor anderthalb Jahren in die Türkei, von dort reiste er weiter nach Israel. Seit Dezember lebt er jetzt dort und hofft auf Asyl. Feili sagt, Israel sei das einzige Land, in dem er leben möchte. Auf den Hals hat er einen Davidstern tätowiert.

In Iran hat ihn seine Literatur isoliert, jetzt macht ihn gerade das begehrt. Israelischen Medien gibt er viele Interviews, in anderen Ländern kennt ihn kaum jemand. Obwohl er eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Denn mit seinen Texten gibt er Homosexuellen in Iran eine Stimme.

Im Interview spricht er offen über vieles – nur über seine Zeit im Gefängnis will er nicht reden.

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Manche nennen dich "Queen of Israel". Warum?

Die "Queen of Israel" ist eine Person aus einem meiner Bücher, die ich sehr mag. Weil sie aus Israel kommt und weil sie eine Frau ist. Ich denke, Frauen machen eine bessere Politik als Männer. Frauen können leichter Frieden bringen.

Es wird Zeit, ihnen die Chance dazu zu geben. Das ist die Idee hinter der "Queen of Israel". Als Mutter macht sie keinen Unterschied zwischen ihren Kindern. Sie sieht alle mit denselben Augen und unterscheidet nicht zwischen Arabern und Juden.

Warum wolltest du unbedingt nach Israel kommen?

Ich hätte auch in die USA gehen können, sie haben mir ebenfalls Asyl angeboten. Aber das wollte ich nicht. Viele Leute finden das seltsam. Israel ist normalerweise nicht die erste Wahl für einen Flüchtling. Das Leben hier ist schwierig wegen der Sicherheitsprobleme zum Beispiel und der wirtschaftlichen Situation.

Aber ich lebe nicht in der Realität. Ich lebe in meiner eigenen Fantasiewelt, Israel inspiriert mich. Deshalb liebe ich diesen Ort.

Wann hast du dich in Israel verliebt?

Als Teenager. Ich habe die Geschichte Israels durch Kriegsfilme über den Holocaust kennengelernt. Das fand ich interessant. Dann habe ich die Bibel gelesen. Die ist besser geschrieben als der Koran – dort gibt es Fantasie, Magie und auch literarisch wertvolle Stellen.

Wie findet es deine Familie, dass du hier bist?

Sie machen sich Sorgen. Sie denken, dass es hier gefährlich ist. Aber ich fühle mich sicher, ich komme schließlich aus Iran, dem Inbegriff von Unsicherheit. Dort hatte ich mein Coming-out und wurde verfolgt. Jeder andere Ort ist sicherer für mich als Iran.

In Iran droht die Todesstrafe, wenn man sich als homosexuell zeigt. Du hast dich trotzdem geoutet. Warum?

Ich fing an, über meine Homosexualität zu reden, als mein erster Roman herauskam, "I Will Grow, I Will Bear Fruits.... Figs". Die Hauptfigur im Buch ist homosexuell.

Das hat eine Diskussion über meine eigene Homosexualität angestoßen. Ich habe mich nicht versteckt. Außer vor meinem Vater.

Wieso?

Weil er in der Vergangenheit lebt, in einer Zeit vor siebzig Jahren. Es ist nicht einfach, in Iran über diese Dinge zu sprechen.

"Als Schwuler hat man permanent im Hinterkopf, dass man in Gefahr ist"

Warum werden Homosexuelle in Iran verfolgt?

Die iranische Regierung mag nicht, wenn du eine eigene Identität hast. Deshalb kämpfen viele junge Iraner mit einer Identitätskrise, auch Heterosexuelle. Die Regierung nimmt dir deine Identität oder unterdrückt sie.

Ich empfand das als erniedrigend und war nicht bereit, so zu leben. Ich nahm in Kauf, dass ich mich durch mein Coming-out in Gefahr bringe.

Manche vergleichen die Schwulenszene in Teheran mit der in Tel Aviv. Siehst du Ähnlichkeiten?

Ich war nie richtig in die Schwulenszene in Teheran involviert. Ich mag es, alleine zu sein. Aber ich höre, dass sich die Szenen tatsächlich ähneln. Der Unterschied ist, dass Homosexuelle in Teheran mit einem konstanten Gefühl der Gefahr leben. Die Religion, die Gesellschaft, die Regierung und das Gesetz sind gegen sie. Als Schwuler hat man permanent im Hinterkopf, dass man in Gefahr ist.

Was hat das mit dir gemacht?

Die französische Philosophin Simone de Beauvoir hat gesagt, sie war in der Hölle und es war wundervoll dort. Ich sage dasselbe über Iran.

Die Hölle, durch die ich dort gegangen bin – die permanente Gefahr, die Einsamkeit und das Festhalten an meiner Identität trotz der Gefahr – all das hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Du hast gesagt, du hättest dich durch deinen ersten Roman selbst entdeckt. Wen hast du gefunden?

Der Erzähler redet im Buch offen über sich selbst, ohne Filter, ohne Hemmungen. Das gab mir Mut, genauso offen über mich selbst zu sprechen. Über meine eigene Identität und darüber, dass ich schwul bin. Ohne mich selbst zu zensieren.

Payam Feili lebt jetzt in Tel Aviv

Payam Feili lebt jetzt in Tel Aviv

Was bedeutet dir Schreiben?

Alles. Ich bin nicht wie andere Autoren, die viel herumfahren und dann schreiben. Ich erfahre das Leben durch das Schreiben. Ohne das Schreiben bin ich nicht lebendig.

Das habe ich von meiner Mutter. Sie ist Poetin und hat mir viel über das Schreiben beigebracht. Schreiben ist das einzige, was ich wirklich gut kann. Dabei erzähle ich viel über mein eigenes Leben. Ich verwebe es oft mit der Geschichte und Geografie von Israel. Auch meine Krankheit kommt vor, ich bin manisch-depressiv.

"Ich denke nur an mich selbst, wenn ich schreibe"

Wie beeinflusst dich das beim Schreiben?

Ich bin oft pessimistisch und sehe alles schwarz; deshalb thematisiere ich in meinem Büchern oft Verzweiflung. Meine einzige Motivation beim Schreiben ist, mir eine eigene Welt zu bauen, in der ich leben kann.

Ich kann nicht gut in der richtigen, physischen Welt leben, sondern muss mir eine Fantasiewelt entwerfen. Ich denke nur an mich selbst, wenn ich schreibe.

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