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Queer

Bisexuelle passen in keine Schublade. Wie geht es ihnen damit?

19.11.2015, 10:38 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Bisexuelle stoßen oft auf Skepsis, bei Hetero- und Homosexuellen. Warum eigentlich?

Kena, 20, Studentin

"Mit 14 Jahren verliebte ich mich zum ersten Mal – in meine damalige beste Freundin. Ich verheimlichte es ihr. Als wir ein Jahr später beide in einer festen Beziehung waren – mit Jungs – erzählte ich ihr von meinen früheren Gefühlen; ich wollte das endlich aus der Welt haben. 

Ein paar Monate später hatten wir Sex. Für mich war das ein totaler Flashback, mein Freund und ich trennten uns. Sie hatte aber nur aus Neugier mit mir geschlafen. Letztlich zerbrach unsere Freundschaft daran.

Ich führte danach mehrmals Beziehungen mit Männern. Ich fühlte mich immer wieder zu Frauen hingezogen, aber in meinem Umfeld waren alle hetero, zumindest habe ich das angenommen; auf Partys haben mich nur Männer angeflirtet.

Wenn ich einem Partner erzählte, dass ich bi bin, lautete die Reaktion meist: 'Oh cool, dann können wir ja mal einen Dreier haben!' Es wurde aber nie nachgefragt: 'Wie geht es dir damit?'. Ob das vielleicht auch schwierig für mich sein könnte, ob das Auswirkungen auf unsere Beziehung haben könnte, wie es mit Monogamie aussieht – das war nie ernsthaft Thema, obwohl ich mir darüber viele Gedanken machte. Ich stellte es mir schwierig vor, mich auf ein Geschlecht festzulegen, und machte mir deswegen Vorwürfe. Polyamorie oder offene Beziehungen waren mir damals noch fremd.

Ich hatte das Gefühl, dass ich von keiner Gruppe so richtig anerkannt werde.
Kena

Seit zwei Jahren lebe ich auf einem internationalen Uni-Campus in einem sehr engen und interkulturellen Umfeld. Dort outete ich mich letztes Jahr, bei einem Event zum 11. Oktober, dem Coming-Out-Tag. Und selbst in diesem 'safe space' kamen von homosexuellen Kommiliton*innen Sprüche, die das eher herunterspielten: 'Ach, wenn du bi bist, kannst du ja immer noch so tun, als wärst du hetero. Du durchlebst nicht das Gleiche wie wir.' Ich hatte das Gefühl, dass ich von keiner Gruppe so richtig anerkannt werde.

Manche Leute lehnen Labels komplett ab. Mir ist es schon wichtig, meine Sexualität zu benennen, weil damit komplexe Gefühle und Erfahrungen verbunden sind. Am Wort 'bi' stört mich, dass eine Bipolarität von männlich und weiblich impliziert ist. Wenn mir mal eine ganz tolle Person begegnet, die irgendwo in der Mitte zwischen den Geschlechtern steht, wäre ich sicher nicht abgeneigt. Deswegen passt queer besser zu mir.

Als ich das erste Date mit der Frau hatte, mit der ich seit einiger Zeit ausgehe, fühlte ich mich genauso nervös wie bei einem Mann. Sie ist lesbisch – wie sollte ich ihr jetzt am besten von meinem Exfreund erzählen? Aber sie reagierte sehr gut, war interessiert, fragte einfach nach, ohne zu urteilen. Ab da war das alles gar kein Problem mehr."


Johannes, 26, Kunsthistoriker 

(Bild: Thomas Block)

"Ich bin seit viereinhalb Jahren mit einem Mann zusammen. Viele verstehen deshalb nicht, dass ich mich als bisexuell definiere. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich auch Frauen attraktiv finde, wird das meist nicht ernst genommen. 
Meine erste feste Beziehung hatte ich mit einem Mädchen, da war ich 16. Wir blieben zwei Jahre zusammen. Nach unserer Trennung verliebte ich mich in andere Frauen, fühlte mich aber mehrmals verarscht: Sie freuten sich über meine Aufmerksamkeit und hielten mich warm; für Sex oder eine Beziehung fühlten sie sich aber nicht bereit.

Dass ich auch Männer sexuell anziehend fand, wusste ich seit der Pubertät. Jetzt wollte ich herausfinden, ob ich mich auch in Männer verlieben könnte – und begann, auf Dates zu gehen. Wenn ich erwähnte, dass ich bisexuell bin, war die typische Reaktion: 'Bi? Du willst dir nur noch nicht eingestehen, dass du schwul bist.' Für mich war es aber keine Übergangsphase. 

Attraktivität entsteht für mich aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit und Ästhetik. Dabei kommt es nicht auf das Geschlecht an, sondern auf den Menschen.
Johannes

Mit Freunden und guten Bekannten spreche ich sehr offen über meine Bisexualität. Sie reagieren eigentlich immer positiv. Die wohl lustigste Aussage kam von meiner besten Freundin. Auf einer Party meinte sie zu einer Bekannten: 'Einen schwulen besten Freund kann ja jede haben. Aber weil Johannes auch auf Frauen steht, kann ich auch mal mit ihm rummachen. Das macht super viel Spaß.' Zu der Zeit haben wir tatsächlich gern geknutscht.

Heterosexuelle Männer waren mir gegenüber meist erstaunlich offen. Oft hörte ich im Vertrauen: 'Ich hatte auch schon so meine homoerotischen Erfahrungen…' Manche wollten mit mir rummachen. Gegenüber homosexuellen Bekannten gaben sie sich aber betont männlich. Ich frage mich, ob das an meiner Bisexualität liegt, oder einfach an meiner offenen Art.

Bisexualität wird oft mit Promiskuität oder Polygamie gleichgesetzt. Für offene Beziehungen bin ich allerdings nicht der Typ. In meiner jetzigen Partnerschaft vermisse ich nichts, ich will mich voll und ganz auf einen Menschen einlassen.

Attraktivität entsteht für mich aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit und Ästhetik. Dabei kommt es nicht auf das Geschlecht an, sondern auf den Menschen. Ich empfinde es als extrem positiv, in beiden Geschlechtern Schönheit zu sehen. Für mich ist das eher ein Talent als ein nerviger Trieb."