Bild: David Ehl / bento

Gerechtigkeit

David reist durch Deutschland und fragt: In was für einem Land leben wir eigentlich?

20.04.2016, 12:13

Erste Station: Köln

David fragt nach der Angst

Sechs Monate verbringt David Ehl, 27, in Israel. Zurück in Deutschland erkennt er seine Heimat nicht mehr wieder: Rechtspopulisten hetzen gegen Flüchtlinge, die AfD drängt in die Politik, Neonazis zünden Unterkünfte an. David will das verstehen: Was ist es, das Deutschland gerade verändert? Wovor haben so viele Menschen Angst? Um Antworten zu finden, reist David durch Deutschland und berichtet von seinen Erlebnissen. Eine Kooperation von bento und Correctiv.

1. Station: Köln

Die Nacht im Bus war unruhig. Ich bin immer wieder aufgewacht, mal vor Anspannung – mal, weil der Regen aufs Blechdach prasselte. Der Bus ist mein Lebensraum in diesem Monat, das Vehikel, mit dem ich das Land erkunden will. Etwas verfroren wechsle ich von der Liege im Heck auf den Fahrersitz.

Ab jetzt will ich der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland hinterher fahren. Glaube ich den Landtagswahlen Mitte März, biegt Deutschland gerade mit Vollgas nach rechts ab.

Ich beginne meine Recherche an dem Ort, der zum Symbol für einen Wendepunkt wurde: Köln. Wenn ich "vor Köln" und "nach Köln" schreibe, weiß jeder, was gemeint ist.

(Bild: Maja Hitij / dpa)

In den Medien hat sich längst der Begriff "Ereignisse in der Kölner Silvesternacht" durchgesetzt, damit man nicht immer ins scheußliche Detail der ungezählten sexuellen Übergriffe gehen muss.

Auch, wenn die Stadt so langsam fassen kann, was da an Silvester passiert ist, Gesprächsbedarf gibt es nach wie vor. Ich gehe zur Domplatte. Der Wind pfeift, über den Himmel jagen Wolken.

Was hat sich für die Frauen in Köln verändert? Wovor haben sie Angst?

"Ich fühle mich relativ sicher, auch nachts", sagt die 29-jährige Zeljka. "Klar, für die Frauen, die an Silvester belästigt wurden, war es schlimm." Aber drumherum, findet Zeljka, wurde viel hochgepusht. Auch der Karneval, dessen unkontrollierbaren Trubel viele mit Bangen erwartet hatten, war für sie wie immer: "Ich war mir sicher, dass die Stadt sich keinen Skandal mehr leistet."

Zeljka, 29

Zeljka, 29 (Bild: David Ehl)

Zeljka fühlt sich wohl in Köln, will heute noch zum Sport. Die Softwareentwicklerin lebt seit sieben Jahren hier. Sie stammt aus Bosnien. Ihre Familie floh nach Deutschland, als sie fünf Jahre alt war. Sie weiß, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen.

Meine nächste Gesprächspartnerin heißt Melanie, sie ist 44 Jahre alt und Psychologin. Sie überrascht mich mit einem Punkt, über den ich gar nicht nachgedacht hatte: "Männer, gerade mit Migrationshintergrund, sind jetzt viel vorsichtiger, wenn sie eine Frau ansprechen."

Sie sagt, sie spüre auf beiden Seiten mehr Verunsicherung. Für Melanie geht es beim Thema Silvester weniger um Migration, sondern vor allem um Alltagssexismus. Sie hätte sich als politische Konsequenz ein neues Sexualstrafrecht gewünscht, erzählt sie mir.

Melanie, 44

Melanie, 44 (Bild: David Ehl)

Zwischen den vielen Touristen und Schülergruppen fällt mir eine junge Frau auf. Sie steht still auf der Domplatte, ihre Augen sind mit einem rot-weißen Tuch verbunden. Vor ihr eine Holzkiste, auf der ein handgeschriebenes Schild auffordert: "Share some love with a hug", und weiter: "Raise your voice against racism and sexism!"

Eine Stunde lang lässt sie sich blind umarmen.

Jennifer, 29

Jennifer, 29 (Bild: David Ehl)

Ich spreche sie an, wir gehen Kaffee trinken. Sie heißt Jennifer, ist 29 und macht das für ein Uni-Projekt. "Ein bisschen Überwindung hat es schon gekostet, sich von Fremden umarmen zu lassen", sagt sie. "Es hätte mich nicht gewundert, wenn mir jemand aus Spaß an den Hintern gefasst hätte."

Aber das hat niemand. Und so war die Aktion eine gute Erfahrung für sie.

Für sie habe sich seit Silvester nichts verändert, sagt sie. Aber für ihre Mutter: Die macht sich jetzt mehr Sorgen, wenn ihre Tochter unterwegs ist. Sie hat Jennifer gebeten, einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Jennifer hat es gemacht, ihr zuliebe.

Alle Frauen, die ich treffe, messen Silvester keine allzu große Bedeutung mehr bei. Trotzdem hat sich etwas verändert, das sagen viele. Wie passend, dass an diesem Tag ein Beobachtungswagen der Polizei auf der Domplatte parkt. Gerade wird getestet, auf welchen Plätzen er sich am besten bewährt, erklärt mir ein Polizist. Das Ziel: Präsenz zeigen und Sicherheit ausstrahlen.

Wie geht es weiter?

Als nächstes reist David nach Waldbröl. Was er dort erlebt und was die Menschen ihm erzählen: Lies es bald auf bento.

Die Deutschlandreise von David Ehl ist eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv. Die Reise wurde über ein Crowdfunding, von der Zeit-Stiftung und der Herbert-Quandt-Stiftung mitfinanziert.

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